Ein Mädchen scheibt im Unterricht das Wort "Schule" in ihr Heft.
Schreibschrift ab Klasse eins? Das fordert eine neue Petition. Bildrechte: dpa

Neue Petition Streit um Schreibschrift ab erster Klasse

Seit Jahren wird gestritten, ob Kinder am besten mit Druck- oder Schreibschrift das Schreiben erlernen sollten. Heute wird ihnen meist zuerst Druckschrift beigebracht und danach sollen sie daraus eine verbundene Schreibschrift entwickeln. Das funktioniere aber nicht, bemängeln Kritiker und haben eine Petition gestartet, die verbundene Schreibschrift ab der ersten Klasse fordert – wie es in der DDR üblich war.

von Carolin Haentjes, MDR KULTUR

Ein Mädchen scheibt im Unterricht das Wort "Schule" in ihr Heft.
Schreibschrift ab Klasse eins? Das fordert eine neue Petition. Bildrechte: dpa

Hingekrikelt, gekrakelt, gesudelt und geschmiert. Maria-Anna Schulze Brüning, eine Lehrerin aus Hamm, hat rund 3000 Schriftproben gesammelt und wollte wissen: Wie kommen die Kinder zu ihrer Sauklaue? Ihr Erweckungsmoment sei gewesen, als sie Unterricht in einer fünften Klasse hatte. Dort sei ein Schüler gewesen, "der absolut nichts Leserliches schreiben konnte", so Schulze-Brüning. "Nicht fünf Sätze über van Gogh, ohne sich die Finger abzubrechen."

Schreiben statt Malen

Im Kunstunterricht habe sie ihn dann zur Seite genommen und meinte: Statt Malen soll er schreiben üben. Daraufhin habe sie ein erstaunliches Echo erhalten: "Die anderen Jungen kamen auch, warum darf der Schreiben üben und ich nicht?" Am Ende habe sie acht oder neun Schüler gehabt, die um die Wette schreiben geübt hätten und dadurch tatsächlich ihre Schrift verbesserten.

Portait der Autorin Maria-Anna Schulze Brünning.
Autorin Maria-Anna Schulze Brüning. Bildrechte: Privat/Piper Verlag

Das sind keine Einzelfälle hat eine Umfrage unter Lehrern ergeben: 33 Prozent der Grundschüler haben – Stand 2019 – Probleme mit dem Schreiben. Auf den weiterführenden Schulen sind es sogar 43 Prozent. Das Problem, analysiert Schulze-Brüning, beginnt schon in der ersten Klasse. Denn die Kinder fangen das Schreiben nicht mit einer Schreib- sondern mit einer Druck-Schrift an. Deren Formen gehen nicht in die Hand über.

Schulze-Brüning erklärt, dass Kinder im Alter von sechs Jahren ein A noch nicht erkennen könnten als in einem Zug geschrieben. "Sondern sie machen einen Kringel mit einem Strich dran. Ein B beginnen sie oben – das ist eine Sechs. D und B sind spiegelverkehrt, ist dieselbe Form für die Kinder, P und Q auch." Diese drehen sich um die eigene Achse. Und so, erklärt die Lehrerin, kämen die Kinder zu vielen Bewegungen, die kontraproduktiv seien.

Leidensdruck für Schüler

Katrin Eisfeld war Grundschullehrerin im thüringischen Harztor. Jetzt ist sie als Schreibtrainerin selbstständig. In ihrem Wohnzimmer unterrichtet sie Kinder, denen das Schreiben schwer fällt. Auch sie ist überzeugt: Schreiben muss als verbundene Schrift gelehrt werden.

Eisfeld erzählt, dass sie früher eigentlich nur Grundschulkinder unterrichten wollte. Inzwischen sei es aber so, dass auch ältere Schüler kämen.

Sie können Texte nicht flüssig abschreiben. Die Hand verkrampft.

Katrin Eisfeld, Schreibtrainerin

Dieser Leidensdruck führe die Kinder dann zu ihr. "Und dass das so schwer für Kinder in der  fünften Klasse ist, ist ein Zeichen, dass die Schrift nicht ausreichend automatisiert ist, dadurch entstehen die Verkrampfungen und sie kommen eben nicht hinterher."

Verbundene Handschrift – von Anfang an

Die Lehrerinnen aus NRW und Thüringen haben mit anderen Mitstreitern eine Petition verfasst. Denn: Schlechte Schrift und schlechte Schulleistungen hängen oft zusammen. Sie fordern von den Kultusministern, dass jedes Kind von Anfang an eine verbundene Handschrift lernen muss. Im sächsischen Kultusministerium wird das abgelehnt.

Dort erklärt der Referatsleiter Grundschule, Richard Neun, dass es viele Punkte gäbe, die man da unterstütze. Man halte an der Schulausgangsschrift fest. "Es gibt einen Punkt, den wir anders sehen: Druckschrift als Erstschrift, daran wollen wir festhalten. Die Druckschrift so einführen, dass daraus die Schreibschrift ableitbar ist."

Es kommt auf den Inhalt an

Das aber, sagen die Verfasser der Petition, spielt den Gegnern der Schreibschrift in die Hände. Sie argumentieren nämlich, dass korrektes, verbundenes Schreiben im Zeitalter des Digitalen zweitrangig sei. So etwa der emeritierte Pädagogik-Professor Hans Brügelmann. Aus seiner Sicht soll der Weg zur Handschrift individuell sein.

Brügelmann erklärt, dass es darum gehe, dass man schnell schreiben könne – aber so, dass man es auch noch lesen kann. "Ja, eine Handschrift ist wichtig. Aber wichtiger ist mir, dass Kinder gute Texte schreiben. Was hilft ein sehr schöner Text, der inhaltsleer ist."

Ein entbrannter Kulturkampf

Die Schreibtrainerin Katrin Eisfeld beobachte in ihren Kursen, dass Kinder, die sich am ersten Tag mit Druckschrift vorstellen würden, drei bis vier Sätze schrieben. Am letzten Tag, wenn sie sich in Schreibschrift vorstellen, dann fließen plötzlich die Wörter.

Lehrerin und Schreibtrainerin Katrin Eisfeld sitzt auf einem Tisch in einem Klassenraum
Schreibtrainerin Katrin Eisfeld. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schreibfluss lässt Gedanken fließen und ermöglicht viel mehr sprachlichen Ausdruck.

Katrin Eisfeld, Schreibtrainerin

Die Debatte hat sich zu einem echten Kulturkampf entwickelt. Denn Forschung dazu, wie der Schreibfluss am besten entsteht, gibt es kaum. Bei der Vermittlung werden Lehrer allein gelassen, sagt die Schreibtrainerin. "In der Lehrerausbildung spielt die Schriftvermittlung nicht mehr so eine Rolle, wie es vor einigen Jahren noch war." Sie kritisiert, dass keine Didaktik und Methodik mehr gelehrt werde und die Bedeutung der Schrift nicht genug hinaus komme.

Zwei Meinungen

Die Verfasser der Petition fordern, dass Kinder bundesweit mit Beginn der Schule Schreibschrift lernen. Damit die Handschrift ein Werkzeug bleibt, das allen zur Verfügung steht. Autorin Schulze-Brüning meint "Handschrift ist Fundament des Lernens. Wenn das fehlt, fehlt was Elementares."

Hans Brügelmann hingegen tippt auf seinem PC und sagt: "Sie sehen, ich tippe mit zwei Fingern, aber lieber mit zwei Fingern als mit der Hand schreiben."

Cover des Buches "Wer nicht schreibt, bleibt dumm."
Bildrechte: Piper Verlag

Infos zum Buch "Wer nicht schreibt, bleibt dumm"
von Maria-Anna Schulze Brüning und Stephan Clauss
304 Seiten
Piper-Verlag
22 €
EAN 978-3-492-05824-7

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUT artour | 06. Juni 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Juni 2019, 15:10 Uhr

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