Zustand und Gelände, Film, Filmbild
An einer geschichtlichen Stelle ist heute eine Gedenktafel zu sehen Bildrechte: Uta Adamczewski/Dok Leipzig

Deutscher Wettbewerb "Zustand und Gelände" gewinnt Goldene Taube bei DOK Leipzig

Der Film "Zustand und Gelände" von Uta Adamczewski gewinnt die Goldene Taube im deutschen Wettbewerb beim DOK Leipzig. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. In dem Dokumentarfilm geht es um sogenannte frühe Lager, auch Schutzhaftlager, die die Nationalsozialisten unmittelbar nach der "Machtergreifung" im Januar 1933 eingerichtet hatten. Besonders viele Lager gab es in Sachsen. Sie werden von Adamczewski in ihrem heutigen Zustand gezeigt, dazu kommen Erinnerungsberichte.

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Filmredakteur

Zustand und Gelände, Film, Filmbild
An einer geschichtlichen Stelle ist heute eine Gedenktafel zu sehen Bildrechte: Uta Adamczewski/Dok Leipzig

Uta Adamczewski ist die Regisseurin von "Zustand und Gelände". Sie war bereits 2011 auf frühe, wilde Lager der Nazis aufmerksam geworden. Über eine Freundin, die damals beim sächsischen Gedenkstättengesetz mitgewirkt hatte. Die frühen Lager waren oft ziemlich improvisiert, wurden im Keller einer Gastwirtschaft errichtet, in einem Vereinshaus, oder auch in Fabrikgebäuden, die die Besitzer zur Verfügung stellten. Viele dieser Orte sind in Adamczewskis Film versammelt. Oft ist es nur ein kleines Schild, oder gar nichts mehr, was auf diese Vergangenheit hinweist.

Uta Adamczewski
Uta Adamczewski Bildrechte: Uta Adamczewski / Dok Leipzig

Also ich hab mich seit dem Mauerfall mit Erinnerungspolitik beschäftigt, vor allem weil ich denke, dass man die politischen Tendenzen der Zeit da gut ablesen kann.

Uta Adamczewski, Regisseurin von "Zustand und Gelände"

Warum sich die Dokumentarfilmerin ausgerechnet Sachsen ausgesucht hat, erläutert sie so: "Zu dem Zeitpunkt war es eben so, dass in Sachsen die organisierte Arbeiterbewegung so stark war, dass es in Sachsen bei weitem die meisten Lager gab. Der Grund dafür ist, dass man wirklich diese Arbeiterbewegung dezimieren wollte. Man wollte denen auch Angst machen. Und das hat auch funktioniert."

Die Lager heute und in der Erinnerung

Zustand und Gelände, Film, Filmbild
Hier ist mittlerweile ein Sportplatz entstanden Bildrechte: Uta Adamczewski/Dok Leipzig

Der zwei Stunden lange Film zeigt die Lager, wie sie heute aussehen. Die Kamera steht still und nimmt die Orte innen und außen ins Visier. Vier, fünf Einstellungen. Sie zeigen Zustand und Gelände. Auch das soziale Gelände heute: Parkende Autos, einen Supermarkt nebenan. Überschreibungen des Ortes sozusagen. Und dazu erklingt eine Stimme, zum Beispiel mit Erinnerungsberichten über das Volkshaus in Reichenbach.

Die Verhafteten wurden mit Gummiknüppeln und Stahlruten gepeitscht. Wer ohnmächtig war, wurde mit kaltem Wasser wieder zu sich gebracht und aufs Neue misshandelt. Die Tageseinteilung war fast immer die gleiche. Die SS-Leute schliefen am Tag, betranken sich abends und prügelten in der Nacht.

Erinnerungsbericht über das Volkshaus in Reichenbach

Manche der Orte, an denen die frühen Lager waren, stehen heute noch leer oder sind Ruinen. Oft sind es alte Fabriken. Sie wirken heute wie in einem Dornröschenschlaf. Welcher Prinz wird sie wachküssen? Andere Orte sind wieder- oder neu belebt. Auf einem ehemaligen Exerzierplatz ist heute ein Freibad:

Jeder Ort kann ein Lager und danach wieder eine Turnhalle, ein Jugendhaus sein – alles was wir in dem Film eben sehen. Und diese Überschreibung der Orte durch die Zeit, diese vermeintliche Harmlosigkeit, die wir sehen, dafür steht für mich dieses Schwimmbad am Ende.

Uta Adamczewski, Regisseurin von "Zustand und Gelände"

Der Film beeindruckt durch seine strenge Form. Monoton ist er aber nicht. Dazu sind zu viele feine Details in die Gesamttextur eingewoben. Zeitungstexte von heute gehören auch dazu.

Im Kern bleibt der Film aber bei den frühen Lagern, die meist bis Mitte der 30 Jahre betrieben wurden. Danach standen Lager wie Sachsenhausen oder Buchenwald bereit.

Goldene Taube 4 min
Bildrechte: dpa

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. November 2019 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. November 2019, 04:00 Uhr

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