Zeichnung von Jozef Pilsudski
Józef Piłsudski war Marschall der Zweiten Polnischen Republik Bildrechte: IMAGO

Buchvorstellung "Der Kampf um Polen" - dieses Buch bringt unser Nachbarland näher

In diesem Herbst jährt sich die Gründung der Zweiten Polnischen Republik zum 100. Mal. Für die Polen ist ihr zwanzigjähriges Schicksal ein Schlüssel zum Selbstverständnis. Da dieses Selbstverständnis nun aber immer mehr in zwei große Teile auseinander klafft, ist auch die Deutung der Zweiten Republik bei unseren Nachbarn sehr umstritten. Der Publizist Wolfgang Templin hat zur Zweiten Polnischen Republik nun ein Buch geschrieben: "Der Kampf um Polen". MDR KULTUR-Politikredakteur Bernd Schekauski stellt es vor.

Zeichnung von Jozef Pilsudski
Józef Piłsudski war Marschall der Zweiten Polnischen Republik Bildrechte: IMAGO

Gerade mal zwei Jahrzehnte hat es die Zweite Republik der Polen gegeben - ein kurzer Sprung in der Geschichte also nur. Doch um den zu erklären, holt Wolfgang Templin aus zu einem Anlauf über rund eintausend Jahre. Vom Großreich der polnischen Piasten-Dynastie über die Zeit der Jagiellonen-Herrschaft und die Wurzeln polnischer Größe, die polnischen Aufstände von 1796, die Napoleonische Kriege, die Russische Revolution, den Ersten Weltkrieg und den Zerfall Europas.

Wolfgang Templin, Der Kampf um Polen, Cover
Bildrechte: Verlag Ferdinand Schönigh

Als amorphes Gebilde hatte das 1918 gerade wiedergeborene Polen  also eine schon sehr lange Geschichte hinter sich. Und fast immer war es Puffer, eingeklemmt zwischen mächtigen Nachbarn, die zuletzt auch Besatzer waren: Österreich-Ungarn, Preußen und Russland.

Templin fragt in seinem Buch rhetorisch: "Heldentum und Verrat, militärischer Dilettantismus und ein Ausgang, der immer wieder Tausende in die Emigration und Zehntausende in die Gefängnisse […] trieb. War es da nicht besser, sich in das Unabänderliche zu fügen und die Teilungssituation zu akzeptieren? War die Devise 'lieber tapfer und hungrig als feige und satt' wirklich mehr als ein trotziger Aufschrei?" Die Anwort lautet: Nein, die Polen fügen sich nicht! Doch erst als die Besatzer am Ende des Ersten Weltkrieges selber am Boden liegen, kann endlich ein freies Polen auferstehen.

Zwischen den Weltkriegen

Der frühere DDR-Bürgerrechtler und Publizist Wolfgang Templin sitzt am 22.09.2014 in Berlin, während einer Buchvorstellung ''Fasse Dich Kurz! Wie die Stasi Oppositionelle abhörte''.
Der frühere DDR-Bürgerrechtler und Publizist Wolfgang Templin Bildrechte: dpa

Die Zweite Republik - sie entstand durch einen Weltkrieg. Und sie ging durch einen Weltkrieg wieder unter. Zwischenzeitlich führte sie außerdem mehrere kleinere Kriege - gegen die Ukraine, die Tschechoslowakei, gegen Litauen und gegen die junge Sowjetunion. Ständiger Angriff, ständige Verteidigung - was schafft diese Erfahrung für ein Lebensgefühl? Wolfgang Templin sagt dazu, "sie schafft auf der einen Seite das Bewusstsein der Ausnahmesituation. Und die bringt ein Gefühl hervor, dass man eigentlich keinem Nachbarn trauen darf. Dass der Deutsche sowieso der ewige Feind ist. Dass man dem Moskowiter, dem Russen, der Polen immer versucht hatte, einzuverleiben, zu unterjochen. Und wie aus einer solchen Erfahrung etwas anderes entstehen kann, auch dafür gibt es in dieser Zeit aber bereits Spuren.

Józef Piłsudski nimmt das Land an die Leine

Jozef Pilsudski Statue
Piłsudski-Denkmal in Sulejówek Bildrechte: IMAGO

Kräftezehrende Kämpfe trägt die Republik auch in ihrem Inneren aus. Royalisten, Republikaner, Linke und Rechte, Minderheiten von Ukrainern, Weißrussen, Deutschen und Juden liegen immer wieder über Kreuz - getrieben von rund 90 politischen Parteien! 1926 sieht sich Polens starker Mann, Józef Piłsudski, genötigt, das Land an die Leine zu nehmen. Templin ordnet es ein: "1926 war so dicht wie kaum in einem anderen Jahr die Situation eines offenen Bürgerkrieges. Was danach kam, die sogenannte 'Gesundungsphase' ist ein Regieren mit harter Hand. Aber nicht etwa eine Ein-Mann-Herrschaft. Er hatte immer Leute, die ihm bedingungslos folgten, andere aus Berechnung. Das heißt, das war ein ziemlich zusammengewürfeltes Kräftepotential, was er hatte. Was sich politisch zwar nach rechts entwickelte, aber nie bis auf die Seite der polnischen Nationalisten. Für diese blieb der Marschall auch nach 26 immer ein Hass, ein Feindbild."

Ende durch Hitler-Stalin-Pakt

Außenpolitisch sucht Piłsudski Koexistenz mit Deutschen und Russen, Rückendeckung erhofft er sich von Franzosen und Briten. Allerdings Vergeblich. Als Hitler und Stalin im August '39 ihren Geheimpakt besiegeln, ist damit auch das Ende der Polnischen Republik ausgemacht - wenig später folgt der Einmarsch der Wehrmacht. Die Zweite Republik - sie ist historisch nur ein Zwischen-Spiel. Und doch: ausgesprochen lehrreich.

Abenteuerlich war ja alles: die Vorgeschichte, das Zustandekommen, das Durchhalten. Denn 'kurz' ist ja ein relativer Begriff, es sind 20 Jahre gewesen. Und es gab kaum einen Nachbarn, der einem souveränen und gewichtigen Polen so viel Raum und so viel Zeit geben wollte.

Wolfgang Templin
Bundespräsident Joachim Gauck zeichnet am 04.10.2016 in Berlin Wolfgang Templin (l) anlässlich des Tags der Deutschen Einheit mir dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland aus.
Der Autor Wolfgang Templin erhielt 2016 vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Bildrechte: dpa

Faktenreich und überaus dicht hat Templin sein Buch geschrieben. Wer es liest, der gewinnt tiefe Einblicke in die Geschichte einer Nation, die auch schon vor den verbrecherischen Exzessen des Zweiten Weltkrieges fast immer im Ausnahmezustand lebt.

Sehr gut ausmalen kann der Leser sich aber auch, warum gerade die Erinnerung an das abenteuerliche Intermezzo der Zweiten Republik bestens als Spielball taugen dürfte für politische Kämpfe heute im Land. Denn dieses Intermezzo, wie Templin es zeigt, war schließlich auch das: eine Zeit enthusiastischer nationaler Selbstvergewisserung, und so eine Hochzeit manch falscher, aber auch wahrhaftiger Patrioten.

Angaben zum Buch Wolfgang Templin: "Der Kampf um Polen"
Die abenteuerliche Geschichte der Zweiten Polnischen Republik 1918–1939
254 Seiten, gebunden, 39.90 Euro
ISBN: 978-3-506-78757-6
Verlag Ferdinand Schönigh

Mehr Sachbuch-Empfehlungen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 29. August 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. August 2018, 11:05 Uhr

Die Kritik zum Hören

Mehr Sachbuch-Empfehlungen