15. ibug-Festival Urban Art belebt "Lost Places" in Zwickau neu

Das ibug-Festival hat das Ziel, brachliegende Gelände neu zu beleben und verfallende Gebäude zu Kunsthallen und -werken zu machen. Für die 15. Ausgabe ist der Leipziger Verein nach Zwickau in den Königlichen Krankenstift gegangen, wo zwölf Kunstschaffende die Wände bemalt und in den Räumen Installationen entwickelt haben.

IBUG 2020 in Zwickau
Plakat des 15. ibug-Festivals in Zwickau Bildrechte: MDR/Katharina Neuhaus

An anderen Tagen ließe sich das ehemalige Krankenstift in Zwickau leicht übersehen. Das haben verwitterte Bauzäune so an sich. Sie lenken den Blick ab – weg von dort, wo die Zeit schon vor Jahrzehnten stehengeblieben ist. Dabei ist er doch ganz ansehnlich, der sandfarbene Klinikkomplex mit seinen hohen Fenstern. Die Birken in den Regenrinnen tragen zum Charme des Verlassenen bei. Dass das nun ein Ort der Kunst ist, verraten erst die brandneuen Bretter am Schuppen vor dem Hauptgebäude und die unverkennbare Geräuschkulisse.

Die Idee der ibug

Die ibug – kurz für Industriebrachenumgestaltung – ist eine Kunstausstellung der etwas anderen Art: 2006 startete sie als Graffiti-Festival. Inzwischen zeigt sie Installationskunst, Skulpturen, Malerei und Fotografie. Die ibug geht bewusst in Regionen, in denen der Wegfall der Industrie ein Einschnitt war und an Orte, wo die Jugend einst abgewandert ist. Ibug-Kuratorin Christin Schulz ist überzeugt, dass das Festival in vielerlei Hinsicht Augen öffnet und den Leuten ihre eigene Historie – ihre Industriehistorie – näherbringt und zeigt, dass es Möglichkeiten gibt, sich Orte zurückzuerobern.

IBUG 2020 in Zwickau
Das ganze Gebäude ist Teil der Installation. Bildrechte: Katharina Neuhaus

Es können auch alternative Orte entwickelt werden, in denen Kunst und Kreativität eine Rolle spielen, in denen Generationen zusammenkommen. 

Christin Schulz, ibug-Kuratorin

Ein Ort voller Geschichte(n)

IBUG 2020 in Zwickau
Blick auf das Königliche Krankenstift in Zwickau Bildrechte: Katharina Neuhaus

Das Krankenstift wurde 1845 eröffnet und bis in die 1930er-Jahre als Krankenhaus genutzt. Später diente es als Verwaltungsgebäude, bis es vor 25 Jahren aufgegeben wurde. Nun sind Teile der Fassade im Innenhof besprüht und beklebt. Es ist viel Arbeit für wenige Hände. Denn in diesem Jahr findet die ibug in einer abgespeckten Version statt: Anstelle von 100 Künstlerinnen und Künstler sind es im Corona-Jahr nur zwölf. Die Vorbereitungen des Organisationsteam schmälert das nicht.

Um das Gebäude fit für Besucher zu machen, bedurfte es wochenlanger Instandsetzung. Im altehrwürdigen Treppenaufgang erinnern nur noch die schlaff herabhängenden Tapeten an den vorherigen, schäbigen Zustand. Für Team und Kunstschaffende ist das Aufräumen ein Teil des kreativen Prozesses – eine Art Spurensuche. "Da liegen Ordner aufgeschlagen. Da liegen Kulis angeklickt da. Die Telefonschnur ist noch so richtig verwurstelt. Also man sieht, dass es noch in Benutzung war. Das erzeugt unglaublich viele Geschichten im Kopf", erinnert sich Kuratorin Schulz.

Kunst aus Resten

IBUG 2020 in Zwickau
Zahlreiche Handtaschen fanden sich im alten Krankenhausen. Bildrechte: Katharina Neuhaus

Das wohl kurioseste Fundstück war in diesem Jahr ein Raum voller Kunstlederhandtaschen. Wie die in das Krankenstift gelangt sind, kann Christin Schulz nur mutmaßen. Gut 50 Exemplare hängen nun an der weißen Wand des Empfangsbüros im Untergeschoss. Auch das Künstlerinnenkollektiv "Eusepia Lehe" hat Teile des Ortes in ihre Installation aufgenommen: "Die Vögel sind aus Papier, das wir auf dem Dach gefunden haben. Man geht durch ein altes Haus, wo überall Dreck und Müll liegt und sieht so viele Möglichkeiten, was man daraus machen könnte."

Hier bekommt man die Möglichkeit sich auszuleben. Man kann hier einfach arbeiten, ohne über irgendetwas nachzudenken. Das ist etwas ganz Besonderes.

Künstlerinnenkollektiv Eusepia Lehe

Zum zweiten Mal sind die drei Frauen aus Plauen und Leipzig bei der ibug dabei. Ihr Beitrag in diesem Jahr ist eine farbgewaltige Szene im Flur des zweiten Stocks: Was auf den ersten Blick wie ein grausames Blutbad scheint, ist in Wahrheit ein Meer aus rot gefärbten Wildblumen. Zentrum des Werks ist die Gips-gewordene Form einer Frau. Aus ihrer Brust brechen fünf schwarze Raben.

IBUG 2020 in Zwickau
Installation von Eusepia Lehe beim 15. ibug-Festival Bildrechte: MDR/Katharina Neuhaus

Bleiben und Vergehen

Nach den Besucherwochenenden soll die Installation im Gebäude bleiben – egal, was danach geschieht. "In der Regel verfallen die Werke mit dem Gebäude. Das ist der Sinn von Urban Art: Das es vergänglich ist", erklärt Kuratorin Schulz.

IBUG 2020 in Zwickau
Auch der Innenhof ist Teil der Ausstellung. Bildrechte: Katharina Neuhaus

Über den Abbau will Christin Schulz an dieser Stelle noch gar nicht nachdenken. Erstmal kommen die Besucher. Die ibug verdeutlicht, wie sehr das Gegenwärtige immer auch potentielle Vergangenheit ist. Aber zunächst ist die Wiederbelebung geglückt. Durch künstlerische Verfremdung rückt eine nicht-beachtete Ruine wieder ins Bewusstsein und wird – im wahrsten Sinne -  wieder bemerkenswert.

Informationen ibug 2020 – Festival für urbane Kunst

28. - 30. August und 04. - 06. September 2020

Königliches Krankenstift
Eingang: Stiftstraße/Spiegelstraße
08056 Zwickau

Öffnungszeiten:
Freitags 15-19 Uhr
Samstags und sonntags 11-19 Uhr

Das Innere des Gebäudes kann nur in Führungen besucht werden, die online buchbar sind.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. August 2020 | 12:40 Uhr