Kompassrose und Nadel, die in Richtung der Aufschrift FAIRTRADE zeigt
Bildrechte: Colourbox.de

LexiTV Nachhaltigkeit im Klassenzimmer

Fair gehandelte Produkte kann man inzwischen auch im Pausenkiosk, zwischen dem Mathe- und Englischunterricht, bekommen. Mit der Kampagne „Fairtrade-Schools“ sollen Schüler, Lehrer und Eltern für das Thema nachhaltige Entwicklung sensibilisiert werden. Im Interview mit LexiTV erklärt Maike Schliebs vom Kölner Verein TransFair, der Träger der Kampagne ist, was Schulen tun müssen, um die Auszeichnung zu erhalten und warum „Fairtrade-Schools“ in Ostdeutschland noch dünn gesät sind.

von Ricarda Wenge

Kompassrose und Nadel, die in Richtung der Aufschrift FAIRTRADE zeigt
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Es gibt Fairtrade-Kleidung, Fairtrade-Lebensmittel und Fairtrade-Blumen. Warum braucht es Fairtrade-Schulen?

Die heutige Jugend interessiert sich stärker denn je für das Thema Nachhaltigkeit. Immer mehr junge Menschen engagieren sich im entwicklungspolitischen Kontext und wollen im Rahmen ihrer Möglichkeiten aktiv werden – in der Freizeit, aber auch in der Schule. Die „Fairtrade-Schools“-Kampagne ist im November 2012 gestartet. Es gab zunehmend Anfragen von Schulen, die auf entsprechende Initiativen in Großbritannien aufmerksam geworden waren und sich hierzulande die gleiche Unterstützung bei ihrem Einsatz für den Fairen Handel wünschten.

Inzwischen machen bundesweit 417 Schulen bei der Kampagne mit: 206 Schulen tragen bereits den Titel „Fairtrade-School“, 211 sind aktuell auf dem Weg dorthin. Das zeigt uns, dass wir mit der Aktion einen Nerv getroffen haben. Von Lehrern und Eltern hören wir, dass die Schüler ihre Erfahrungen in Freizeit und Familie hineintragen: Eltern werden ermahnt, nur noch fair gehandelten Kaffee zu kaufen, Primark ist uncool und Geschenke werden im Weltladen gekauft.

Maike Schliebs, Projektleitung „Fairtrade-Schools“
Maike Schliebs vom Kölner Verein TransFair, der Träger der Kampagne „Fairtrade-Schools“ ist. Bildrechte: TransFair

Sie haben die Zahlen bereits genannt: In Deutschland gibt es derzeit 206 Fairtrade-Schulen – davon allerdings auffällig wenig in Ostdeutschland. In Thüringen und Sachsen wurden bislang je zwei Schulen ausgezeichnet, in Sachsen-Anhalt trägt noch keine den Titel. Woher kommt dieses Ungleichgewicht?

Globales Lernen und nachhaltige Entwicklung  haben in der Bildungspolitik und somit auch in den Lehrplänen der ostdeutschen Bundesländer noch nicht überall Eingang gefunden. Andere Bundesländer, zum Beispiel Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, sind auf diesem Gebiet schon weiter. Ferner gibt es bislang nicht in allen ostdeutschen Bundesländern sogenannte „Eine-Welt-Promotoren“, die Schulen zum Globalen Lernen beraten können. Dies spiegelt sich in der bislang geringen Teilnahme von Schulen in Ostdeutschland wider. 

Hinzu kommt, dass sich die Kampagne in den ersten Jahren aufgrund einer Förderung der Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW auf Nordrhein-Westfalen konzentriert hat. Hier gibt es auch die meisten „Fairtrade-Schools“ (aktuell 78). Seit 2014 wird die Kampagne zusätzlich vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert. Zunächst wurde die Kampagne in Bundesländern bekannt gemacht, in denen sich gute Anknüpfungspunkte durch Kooperationspartner und Bildungspolitik ergaben. 

Seit diesem Jahr gehen wir verstärkt auf die neuen Bundesländer zu. Erst vor Kurzem war TransFair auf dem Jugend-Nachhaltigkeitskongress in Jena vor Ort und hat dort einen Workshop zu Fairem Handel an Schulen veranstaltet. Darüber hinaus konnten sich Schüler und Lehrer an unserem Stand informieren. Das macht uns Hoffnung, dass sich in Zukunft neue Schulen aus Ostdeutschland an der Kampagne beteiligen.

Welche Schulformen können mitmachen?

Prinzipiell alle in Deutschland anerkannten Schulformen, ob Grund- oder Förderschule, Gymnasium, Gesamt-, Real- oder Hauptschule. Mehrheitlich sind es weiterführende Schulen, die teilnehmen – allen voran Gymnasien und Berufsschulen.

Was muss eine Schule tun, um sich offiziell „Fairtrade-School“ nennen zu dürfen?

Für den Erhalt des Titels müssen fünf Kriterien erfüllt werden. Ganz am Anfang steht die Gründung eines Teams: Schüler, Lehrer und Eltern überlegen gemeinsam, wie das Thema Fairer Handel in den Schulalltag einfließen kann. Den Weg, den die Schule hier einschlagen will, legt sie anschließend in einem Kompass dar, den der Schulleiter unterzeichnet. Drittes Kriterium ist der Verkauf beziehungsweise der Verzehr von fair gehandelten Produkten – etwa am Schulkiosk, in der Mensa, im Lehrerzimmer oder auf dem Schulfest. Mindestens zwei Fairtrade-Produkte müssen dauerhaft im Angebot auftauchen und für Schüler wie Lehrer zugänglich sein.

Weiterhin hat TransFair es zur Bedingung gemacht, dass das Thema Fairer Handel in mindestens zwei unterschiedlichen Fächern und in zwei unterschiedlichen Jahrgangsstufen behandelt wird. Das können auch Fächer sein, die auf den ersten Blick keine Verbindung zu Nachhaltigkeitsthemen haben. So wird beispielsweise im IT-Unterricht ein Schulteam-Logo entworfen oder an Berufsschulen in der Kochausbildung mit fairen Zutaten gekocht. Es gibt auch Schulen, die das Wahlfach „Fairtrade-Schools“ anbieten und den Fall, dass sich Schüler in ihren Fach- oder Abschlussarbeiten mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Zu guter Letzt sollte es jedes Schuljahr mindestens eine Aktion zum Fairen Handel geben.

Wie könnte solch eine Aktion aussehen? Wie bringt man Nachhaltigkeit auf den Pausenhof?

Der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Anregungen bietet der sogenannte Schools-Blog, wo über verschiedene Aktionen – in inzwischen über 1000 Einträgen –

berichtet wird. Ein Fußballturnier mit Fairtrade-Fußbällen ist ebenso denkbar wie ein großes Fairtrade-Frühstück in der Schulaula. Auch Ausstellungen eignen sich hervorragend, um über den Fairen Handel zu informieren. Oder aber ein Tag der offenen Tür, so wie es beispielsweise das Gustav-Hertz-Gymnasium in Leipzig gemacht hat.

Inwieweit unterstützen Sie die Schulen bei ihrem Engagement für den Fairen Handel?

Die Kampagne bietet regelmäßig Anreize, um den Fairen Handel an Schulen aus der Nische zu führen. Über die Website können Informations- und Unterrichtsmaterialien kostenfrei bestellt werden.

Zusätzlich vermitteln wir auf Anfrage geschulte Fairtrade-Referenten, die Beratungstermine, Vorträge und Workshops an Schulen durchführen. Daneben gibt es seit 2015 Fachtagungen, die dem Austausch und der Vernetzung dienen.

Wie stellen Sie sicher, dass sich die Schulen auch nach der Zertifizierung für gerechte Handelsbedingungen einsetzen?

Nach Erhalt des Titels tragen ausgezeichnete Schulen den Titel „Fairtrade-School“ für zwei Jahre. Danach müssen sie im Rahmen der Titelerneuerung belegen, dass noch alle Kriterien erfüllt sind und welche Erfolge gefeiert werden konnten.

Gab es in der Zeit zum Beispiel neue Schul-T-Shirts aus fair gehandelter Baumwolle? Entscheidend für die Rezertifizierung ist jedoch nicht nur der Blick zurück, sondern auch nach vorne: Wie möchte die Schule ihr Fairtrade-Engagement in den nächsten zwei Jahren ausbauen?

Dass das Engagement an der Schule nicht abebbt, ist das eine. Besteht nicht die Gefahr, dass die Schüler, wenn sie ins Berufsleben oder in den Hörsaal wechseln, das Thema Fairer Handel aus den Augen verlieren?

Das Engagement ist nicht nur auf die Schulzeit begrenzt. Im Mai 2014 wurde die Universität des Saarlandes als erste „Fairtrade-University“ in Deutschland ausgezeichnet. Es folgten die Universitäten Rostock, die Universität Leipzig und die Leuphana Universität Lüneburg. Auch die Städte selbst sind dazu aufgerufen, ein Zeichen für den Fairen Handel zu setzen. Sie können sich an der Kampagne „Fairtrade-Towns“ beteiligen.

Zuletzt aktualisiert: 03. März 2016, 15:34 Uhr