Historische Darstellung des Altenburger Prinzenraubes
Bildrechte: IMAGO

LexiTV Der Altenburger Prinzenraub

Am Abend des 7. Juli 1455 versammeln sich in der Leina, einem Waldgebiet nahe der kursächsischen Residenzstadt Altenburg, etwa dreißig Reiter. Ihr Anführer ist der Ritter Konrad (genannt Kunz) von Kauffungen. Noch einmal erklärt er seinen Begleitern den Plan; dann reiten sie los. Ihr Ziel: das Schloss des Kurfürsten Friedrich II.

Historische Darstellung des Altenburger Prinzenraubes
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Im Bruderkrieg

Der Kurfürst und Kunz von Kauffungen sind alte Bekannte. In den 1440ern war der Ritter Burgvogt auf dem Altenburger Schloss. Später kämpfte er im Sächsischen Bruderkrieg (1446 bis 1451) für Friedrich. Die Güter von Kauffungens wurden während des Krieges beschädigt; der Ritter geriet bei Gera in böhmische Gefangenschaft und musste 4.000 Goldgülden Lösegeld zahlen. Als Friedrich II. und sein Bruder Wilhelm III. 1451 ihren Streit beilegten, war Kunz von Kauffungen pleite.

Kein Recht für den Knecht

Da er ihm jahrelang als "Freier Edel Knecht" treu gedient hatte, bat von Kauffungen den Kurfürsten um Schadenersatz für die erlittenen Verluste. Friedrich II. lehnte mit der Begründung ab, ein freier Ritter beteilige sich auf eigenes Risiko an Konflikten und müsse auch die Folgen tragen. Daraufhin wollte von Kauffungen das Geld einklagen. Ein Schöffengericht in Magdeburg entschied zu seinen Gunsten. Doch das letzte Wort hatte der Leipziger Schöffenstuhl, der von Friedrich II. privilegiert war und dem sein persönlicher Rechtsbeistand angehörte, der Ordinarius Ditterich von Buckinsdorff. Wegen eines Formfehlers lehnte von Buckinsdorff die Klage des Ritters ab.

Die Rechnung begleichen

In dieser Julinacht des Jahres 1455 nimmt der geprellte von Kauffungen die Sache nun selbst in die Hand. Unter seinen dreißig Begleitern sind die Ritter Wilhelm von Mosen und Wilhelm von Schönfels, die ebenfalls noch eine Rechnung mit dem Kurfürsten offen haben. Einen weiteren Mitstreiter hat von Kauffungen im Altenburger Schloss: Hans Schwalbe, ein Küchenjunge, hat den Ritter informiert, dass der Kurfürst verreist ist und die Höflinge eine Hochzeitsfeier in der Stadt besuchen.

Durchs Fenster
Als die Reiter im Schutze der Nacht das Schloss erreichen, hat der Küchenjunge an einem Fenster schon eine Riemenleiter angebracht. Von Kauffungen und seine Mannen erklimmen die steilen Felsen und Mauern an der Außenseite der Residenz und gelangen ins Innere. Die Gattin des Kurfürsten, Margarete von Österreich, wird in ihr Schlafgemach gesperrt, bevor sich die Eindringlinge über ihre "Beute" hermachen: die Prinzen Ernst und Albrecht, vierzehn und zwölf Jahre alt.

Flucht über den Schlosshof

Der Coup gelingt, über den Schlosshof und durch den Schlosspark entkommen die Entführer. Bald teilen sie sich auf. Die Gruppe um Kunz von Kauffungen flieht mit Albrecht; seine Verbündeten Wilhelm von Schönfels und Wilhelm von Mosen nehmen Ernst an sich. In der Sicherheit der böhmischen Besitztümer von Kauffungens wollen sie sich wieder treffen und dann das Lösegeld fordern.

Vom "gewalttätigen Akt eines Raubritters" wird später in den Geschichtsbüchern die Rede sein: von Kauffungen galt als verwegener Ritter, der vor kriegerischen Auseinandersetzungen nicht zurückschreckte und stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht war. Doch noch eine andere Deutung hat der Prinzenraub erfahren - die eines Kampfes für die ständische Freiheit, gegen die Willkür des Landesherrn: von Kauffungen setzte sich ein für seine Rechte, die ihm der selbstgefällige Kurfürst verwehrt hatte.

Ohne Zukunft

Ob von Kauffungen nun Täter war oder Opfer, sei dahin gestellt. Die Frage erübrigt sich, stellt man Person und Tat in einen größeren historischen Zusammenhang. Die klassische Ritterschaft war im 15. Jahrhundert im Niedergang begriffen. Ihre militärische Überlegenheit hatten die Ritter längst eingebüßt - Infanterie mit neuen Waffen und neuen Kampftaktiken bestimmte das Geschehen auf den Schlachtfeldern. Auch ökonomisch war der Abstieg schon eingeleitet, die Zukunft gehörte nicht dem Adel mit Landbesitz sondern dem städtischen Bürgertum. Könige und Fürsten begannen, die alten feudalen Bindungen zu lösen: statt ihre Vasallen in den Krieg zu schicken, setzten sie vermehrt Söldnerheere ein.

Residenzschloss Altenburg
Auf dem Residenzschloss Altenburg hat sich der Prinzenraub zugetragen. Bildrechte: IMAGO

Ein Brief oder ein Handschuh

Von Armut bedroht, gingen daraufhin viele Ritter zum Raubrittertum über. Sie beriefen sich auf das Fehderecht, um Adlige und andere Ritter auszurauben und zu bekämpfen. Von diesem Recht machte auch Kunz von Kauffungen Gebrauch: Das Fehderecht, das bis 1495 galt, erlaubte es, einen Befehdeten oder dessen Angehörige gefangen zu nehmen und zu behalten, bis der Zwist gütlich beendet ist. Zur formellen Erklärung bedurfte es lediglich eines Briefes oder des berüchtigten Fehdehandschuhs.

Die Rettung der Prinzen

Im Schloss zu Altenburg weiß niemand etwas von einer Fehde zwischen Kunz von Kauffungen und Kurfürst Friedrich. Am Morgen des 8. Juli 1455 ist das gesamte Fürstentum auf der Jagd nach den Entführern. In der Nähe des Klosters Grünhain im Erzgebirge wird von Kauffungens Gruppe erkannt und überwältigt, Prinz Albrecht kommt frei. Von Mosen und von Schönfels verstecken Ernst drei Tage lang in einem alten Bergwerkstollen bei Hartenstein. Als sie Nachricht von der Gefangennahme von Kauffungens erhalten, verhandeln sie um ihre Geisel. Man lässt sie straffrei abziehen; nun ist auch Prinz Ernst gerettet.

Landfrieden

Tatsächlich hatte von Kauffungen Friedrich II. einen Fehdebrief geschrieben und war daher der Überzeugung, vor Strafe sicher zu sein. Doch der Ritter hatte Pech: erst einen Tag nach der Entführung erreichte der Brief das Altenburger Schloss. Während der Tat galt also noch der Landfrieden - und auf Landfriedensbruch stand die Todesstrafe.

Zwei Krug Bier

Friedrich II., der den Beinamen der Sanftmütige trägt, statuiert ein Exempel an dem aufmüpfigen Ritter, seinem ehemaligen Getreuen. In Freiberg wird Kunz von Kauffungen vor Gericht gestellt. Das Gericht in der Bergstadt genießt das Privileg, Urteile sofort fällen zu dürfen, ohne Rechtsgutachten einzuholen. Der Ritter beruft sich erfolglos auf das Fehderecht, man verurteilt ihn zum Tode. Ohne Henkersmahlzeit, lediglich zwei Krug Bier gönnt man ihm, wird Kunz von Kauffungen am 14. Juli 1455 enthauptet.

Ernestiner und Albertiner: Nach dem Tode Friedrichs II. im Jahr 1464 herrschten seine Söhne Albrecht (1443 bis 1500) und Ernst (1441 bis 1486) - die geraubten Prinzen - zunächst gemeinsam über Kursachsen. 1485 teilten sie ihre Ländereien - inzwischen war die Landgrafschaft Thüringen hinzugekommen - untereinander auf.

1547 kam es zum Bruch, zwei unabhängige Herrscherhäuser entstanden: Die Albertiner stellten in den kommenden Jahrhunderten zahlreiche sächsische Herrscher wie August den Starken und den letzten sächsischen König Friedrich August III., der 1918 abdankte.

Die Ernestiner blieben machtpolitisch eher bedeutungslos. Erst im 19. Jahrhundert gelangten Mitglieder der Nebenlinie Sachsen-Coburg und Gotha durch Heirat in mehrere europäische Herrscherhäuser - ihre Nachkommen regieren heute noch in Belgien und in Großbritannien.

Zuletzt aktualisiert: 20. April 2016, 16:42 Uhr