Rettungsring
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LexiTV Räuber und Retter

Wenn Schiffe oder Menschen vor der Deutschen Küste in Seenot geraten, dann ist das immer eine Aufgabe für die DGzRS, die „Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“. Diese Organisation, die allein von Spendengeldern lebt, hat es sich auf die Fahnen geschrieben, Menschen vor dem sicheren Tod zu retten. Und das schon seit 150 Jahren.

von Michael Schmittbetz / Ekkehard Muntschick

Rettungsring
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Sehr lange waren Menschen überzeugt, dass Seenot ein Schlag des Schicksals - und dass auch der Tod im nassen Element ein Gottesurteil ist. Dem Fremden zu helfen, ihn zu retten, galt noch nicht als bindende Verpflichtung. Weit öfter traf das Gegenteil zu: Manche Küstenbewohner plünderten gestrandete und in Seenot geratene Schiffe, sie erschlugen häufig sogar die hilflose Mannschaft.

Habgier contra Humanität

Erst im 19. Jahrhundert setzt der Gedanke der Humanität sich endgültig durch: Ein besonderer Tag in dieser historischen Entwicklung ist der 29. Mai 1865, jedenfalls für die Gewässer von Nord- und Ostsee: Aktivisten der Seenotrettung gründeten die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, die DGzRS, in Kiel.Heute sind Rettungsboote und -schiffe der DGzRS aus deutschen Küstengewässern nicht mehr wegzudenken. Sie verkörpern gelebte Menschlichkeit auf See. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

Schiffswrack vor der Küste von Santorin
Grounding nennen Seeleute das Stranden eines Schiffes. Der Sturm schlägt Brecher mit Wucht gegen das Fahrzeug. Bildrechte: Colourbox.de

Räuber und Retter

Wir schreiben das Jahr 1712. Die Brigg Swallow soll Schafe aus dem irischen Dublin ins südenglische Plymouth bringen. Es ist eine Routinefahrt, trotz des Nebels: Jeder an Bord kennt die Leuchtfeuer von Land's End, an der Südwestspitze Englands, die den Tiefwasserkanal markieren. Umso größeres Entsetzen, als der Rumpf des Schiffes plötzlich auf Sand sitzt. Hohe Wellen schlagen Bordwände leck, reißen Masten und Segel ins tobende Element. Dann kommen sie! Die Retter? Auf kleinen, seetüchtigen Booten rudern Küstenbewohner der Scilly-Inseln heran, klettern an Deck, Messer und Knüppel in den Fäusten. Schafwolle ist während der nächsten Tage auf dem Markt von St. Mary's, dem Hauptort der Inselgruppe, preisgünstig im Angebot.

Strandrecht ist Faustrecht

Solche Ereignisse sind bis ins 19. Jahrhundert hinein kein Einzelfall an Europas Küsten. Ob vor den Scillys, vor Rügen oder anderswo: Küstenpiraten und Strandräuber plündern in Not geratene Schiffe, morden Besatzungen, um keine unerwünschten Zeugen zu haben. Strandrecht ist Faustrecht; der Schiffbruch - mit anschließendem Tod in den Wogen - gilt dem Seemann ohnehin als Berufsrisiko, oft gar als Fingerzeig Gottes. "Nordsee ist Mordsee", heißt eine Devise. Nicht selten helfen ganz normale Leute an den Ufern nach: Falsche Leuchtfeuer und Seezeichen gehören zu den beliebteren Methoden.

Endlich Mitgefühl!

So dünn wie die Decke der Zivilisation, so jung ist der Gedanke der Humanität auf See: Blieb auf offenem Meer meist sowieso keine Rettungschance, wurde in Küstenregionen der Mensch dem Menschen zum gefährlichsten Feind. Tatsächlich fällt zum Beispiel auf Rügen das Ende von Küstenpiraterie und regulärer Strandräuberei erst mit den Anfängen des Tourismus zusammen: Welcher gut betuchte Gast will schon bei einem Räuber wohnen? Bald ersetzt das neue Gewerbe mit Fremden den Strandraub als Einnahmequelle. Leid von Schiffbrüchigen erzeugt nun Mitgefühl.

historisches Segelschiff
Bsi ins 19. Jahrhundert gab es keine organisierte Rettung Schiffbrüchiger. Wer heil den sicheren Hafen erreichte, durfte sich glücklich schätzen. Bildrechte: colourbox.com

Öffentlich angeprangert

Überdies intervenieren Staat und Kaufmannschaft, allen voran Holländer und Briten. Auch die deutsche Reichsregierung erlässt am 17. Mai 1874 eine Allgemeine Strandungsordnung. Vorher schon hat in Deutschland - im Oktober 1860 - der einstige Obersteuermann Adolph Bermpohl die Teilnahmslosigkeit der Küstenbewohner gegenüber Schiffbrüchigen öffentlich angeprangert. Erste Rettungsstationen entstehen zwischen 1861 und 1863, in Cuxhaven, Bremerhaven und Stralsund.

Rettung für Freund und Feind

Der Arbeit des norddeutschen Ökonomen und Redakteurs Dr. Arwed Emminghaus ist der wichtigste organisatorische Schritt geschuldet: In Kiel gründen Aktivisten am 29. Mai 1865 die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Zehn Jahre nach ihrer Gründung unterhält die DGzRS bereits 91 Stationen an der Nord- und Ostseeküste. Mutige Helfer in noch offenen Ruderbooten retten bis dahin 870 Schiffbrüchige aus dem Wasser. Das war auch nötig: Um die fünfzig Schiffe pro Jahr geraten damals vor der deutschen Nordseeküste in Seenot. Die DGzRS erhält bald offizielle Anerkennung. Knapp vor dem Ersten Weltkrieg stellt sie unter Verwendung immer umfangreicherer Spendenmittel motorgetriebene Boote in Dienst.

Tragische Schicksale

Alle Opferzahlen, die noch vor gar nicht so langer Zeit auf das Treiben mörderischer Küstenbewohner zurückgingen, rückt der Zweite Weltkrieg in den Schatten. Brutal zur See wie an Land, vereitelt dieser Krieg fast alle Rettungsversuche bei großen Schiffskatastrophen im Ansatz: Tragisch ist das Schicksal riesiger Flüchtlingsschiffe, der Goya und der Wilhelm Gustloff: Sowjetische U-Boote torpedieren die Passagierdampfer Anfang 1945 in der Ostsee. Ungefähr fünfzehntausend Menschen ertrinken.

DGzRS - Seenotrettung
Seit 150 Jahren auf Nord- und Ostee im Rettungseinsatz für Menschenleben - die DGzRS. Bildrechte: DGzRS

Für Freund und Feind

Seenotrettung, und zwar "für Freund und Feind", ist die Aufgabe der DGzRS während des Krieges. Geschätzt fünftausend Briten, Franzosen, Polen und Russen verdanken den Seenotstaffeln und -flottillen ihr Leben. In der Endphase sind es kleine Wasserfahrzeuge der DGzRS, die Zehntausende Entwurzelte vor allem aus Ostpreußen über die Ostsee in Sicherheit bringen. Weil wichtige Strukturen erhalten bleiben, sogar neue, leistungsfähige Fahrzeuge gebaut werden, stößt der Impuls zum Neuanfang nach 1945 auf günstige Bedingungen. Vom 7-Meter-Seenotrettungsboot bis zum 44-Meter-Seenotkreuzer - heute sind sechzig Einheiten der DGzRS entlang von Nord- und Ostseeküste im Einsatz. Alle Erfolgszahlen sollten aber nicht vergessen lassen, dass die See nach wie vor ihre Opfer fordert.

Seenot Ohne Hilfe von außen muss die Gefahr unabwendbar sein. Erst dann liegt, auch im juristischen Sinn, Seenot vor. Dass es sich um Gefahr für Leib und Leben von Besatzung oder Passagieren handelt, gilt ohnedies als selbstverständlich. Der Mastbruch einer Segeljacht, wenn sie noch per Motor den Hafen erreichen kann, rechnet also nicht zu den Seenotfällen. Ein Überfall durch Piraten rechtfertigt den Notruf hingegen wieder.

SOS Save our souls - "Rettet unsere Seelen!" - soll der SOS-Ruf bedeuten - so sagt es die Legende. Das stimmt so nicht. Die drei Buchstaben bilden kein Kurzwort, sie wurden aus rein praktischen Erwägungen vereinbart: "...---...", die Form im Morsealphabet lässt sich eben einfach senden, ist markant, und kommt in üblichen Buchstabenkombinationen selten vor.

Also ist sie auffällig genug für ein Notsignal. Heute, im Zeitalter des Sprechfunks, ersetzt das Wort Mayday den SOS-Ruf weitgehend. Nein, auch diesmal ist das Wort nicht wörtlich zu nehmen, meint niemand einen "schönen Maientag". Was da im Seenotverkehr - über 156,800 Megahertz (Kanal 16) - ergeht, ist nur eine Verballhornung des französischen m'aidez ("Helfen Sie mir!").

Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) Verantwortlich für das Registrieren und Recherchieren von Unglücken auf hoher See unter Beteiligung deutscher Schiffe und in deutschen Küstengewässern ist die Bundes- stelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) in Hamburg.

Die BSU gibt Statistiken heraus und veröffentlicht neben Ereignismeldungen jährliche Zusammenfassungen. Schwere Unfälle von Sportbooten, insbesondere von Seglern sind immer wieder zu beklagen.

Hauptsächliche Unglücksursachen sind nach Angaben der BSU fehlende Praxis bei "Mann-über-Bord"-Manövern, das Nichttragen von Rettungswesten, Selbstüberschätzung und Unsicherheit im Umgang mit Rettungsmitteln.

Zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2015, 15:33 Uhr