NSU-Prozess in München So erlebte unser Reporter die Aussage von Ralf Wohlleben

Im NSU-Prozess gab es heute eine handfeste Überraschung: Der Mitangeklagte Ralf Wohlleben wollte überraschend eine Aussage machen. Sofort und persönlich. Doch worum ging es dabei? Und wie glaubwürdig war die Aussage?

Die vier Jahre in Untersuchungshaft hätten ihre Spuren hinterlassen, so Ralf Wohlleben zu Beginn seiner Ausführungen. Unter anderem würde er als Folge der psychischen Belastung gelegenlich stottern. Seine Version des Geschehens rund um das Abtauchen des NSU-Trios trug er dann aber stotterfrei vor. Nervosität war ihm nur anzumerken, wenn sein Vortrag hin und wieder zu schnell geriet und er sich vom Vorsitzenden Richter zur Langsamkeit ermahnen lassen musste.

Wohlleben ist noch immer überzeugter Rechter

Ralf Wohlleben stilisierte sich zu einem überzeugten Rechten, der jedoch Gewalt zum Durchsetzen politischer Ziele ablehnt. Er trete bis heute für Nationalstolz ein und gegen eine angebliche Überfremdung. Allerdings wären für die nicht die Migranten verantwortlich, sondern profitgierige Geschäftemacher und gleichgültige Politiker. Schon daher mache Gewalt gegen Ausländer keinen Sinn. Nebenklage-Anwalt Sebastian Scharmer kommt diese Argumentation vertraut vor: "Es ist ja ein bekanntes Propagandamittel in der rechten Szene, dass man sich selbst als Opfer stilisiert. Und zudem dann darauf hinweist, dass man ja selbst gewaltfrei sei. Und auch Gewalt ablehnen würde. Das widerspricht aber den Tatsachen. Das widerspricht dem, was in der rechten Szene getan wird und welche Gewalttaten verübt worden sind. Wir kennen auch aus Jena solche Taten."

Angeblich nur loser Kontakt zum NSU

Wohlleben schilderte minutiös seine Freundschaft mit Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Sie seien in Jena in den gleichen Kreisen verkehrt, in den Stadtteilen Lobeda und Winzerla. Nur aufgrund dieser gemeinsamen Geschichte habe er die drei anfänglich, unmittelbar nach dem Abtauchen unterstützt. Etwa, indem er Sachen überbrachte, die ihm die Eltern Böhnhardt anvertraut hatten.

Wohlleben wusste, dass Uwe Böhnhardt eine Waffe haben wollte. Böhnhardts Begründung sei gewesen, er werde nicht freiwillig ins Gefängnis gehen. Lieber erschiesse er sich selbst. Ähnlich hatte es vergangene Woche auch Beate Zschäpe beschrieben. Wohlleben will aber nicht geahnt haben, dass die Waffe zum Begehen von Straftaten gedacht gewesen sei. Hätte er geahnt, dass Böhnhardt und Mundlos morden würden, hätte er die drei in keiner Hinsicht unterstützt. Nebenklage-Anwalt Bernd Behnke zu Wohllebens Selbstdarstellung: "Er sagt 'Ich habe von den Morden nichts gewusst. Und wenn ich etwas gewusst hätte, dann hätte es mich erschreckt.' Im Grunde ist das die gleiche Aussage, wie Frau Zschäpe gemacht hat. Nur mit einer anderen Schwerpunktsetzung."

Wie geht es jetzt weiter?

In jedem Fall habe er nicht die Tatwaffe besorgt oder das Besorgen der Pistole organisiert. Der Mitangeklagte Carsten S., der die Waffe überbracht hatte, hatte ausgesagt, von Ralf Wohlleben beauftragt worden zu sein. Das bestritt Wohlleben heute vehement. Carsten S. habe mit Böhnhardt direkt verhandelt. Damit versuchte Wohlleben, ein anderes Bild von sich zu zeichnen als die Anklage, die in dem NPD-Funktionär eine "steuernde Zentralfigur" sieht. Nebenklage-Anwalt Yavus Narin meint, Wohlleben habe dieses Bild möglicherweile leicht korrigieren können : "Die Erklärung würde ich als erheblich glaubwürdiger bewerten. Zumal Herr Wohlleben auf zahlreiche Fragen eingegangen ist, die Frau Zschäpe einfach übersprungen hatte in ihrer Aussage. Insoweit haben wir auch die eine oder andere neue Erkenntnis erlangt durch Herrn Wohlleben."

Die sollen ab morgen vertieft werden: Zunächst mit Fragen des Gerichtes zur Person Ralf Wohlleben. Kommendes Jahr dann folgen Nachfragen zu der heutigen Erklärung.