NSU-Prozess | Zschäpe-Aussage Nur wenig glaubwürdig

Es hätte der spektakulärer Wendepunkt im Münchner NSU-Prozess werden können, die Aufklärung der Hintergründe des NSU oder die Abrechnung mit den Stammverteidigern. Das zumindest waren die hohen Erwartungen an die Aussage von Beate Zschäpe gestern beim NSU-Prozess in München – doch die Pessimisten behielten Recht - nichts von alldem ist eingetreten. Wir haben nachgefragt bei Politikern in Sachsen und Thüringen, die sich in Untersuchungsausschüssen mit dem NSU beschäftigen: Wie haben sie die Aussage aufgenommen?

Eine Kombo zeigt Fahndungsbilder von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos
Bildrechte: dpa

Ein Puzzle, das kein Bild ergibt

Auch nach dem 249. Verhandlungstag im NSU-Prozess ergibt das Puzzle der Erkenntnisse kein Bild. Die Angeklagte Beate Zschäpe hat mit ihrer Aussage kaum weitere Teile hinzugefügt. Wer hoffte, etwas aus erster Hand zu erfahren, über Motive und das mögliche Netzwerk des NSU, wurde enttäuscht. Der CDU-Abgeordnete Lars Rohwer, sitzt dem aktuellen NSU-Untersuchungsausschuss in Sachsen vor. Er sagt: "Ich habe das erwartet, was sie gemacht hat. Sie hat eine Strategie gefahren, alles dafür zu tun, damit die Strafe geringer wird." Etwas habe ihn dann aber doch überrascht, an Zschäpes Aussage: "… dass sie sagt, sie habe sich aus diesem Netzwerk nicht lösen können. Sie hat immer erst danach von den Dingen erfahren. Ich gehe davon aus, dass sie mehr Schuld hat. Aber die beiden anderen können sich nicht mehr wehren, deshalb versucht sie, alle Schuld auf sie zu schieben und das ist für mich noch nicht überzeugend."

Zweifel am Wahrheitsgehalt

Auch Dorothea Marx, Vorsitzende des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses, bezweifelt, dass Beate Zschäpe bei der Wahrheit geblieben ist. Dass sie gestanden hat, die Zwickauer Wohnung in Brand gesteckt zu haben, gehöre ebenso zum Anwaltshandwerk wie die späte Entschuldigung bei den Angehörigen der Opfern. "Sie hat nur versucht, Schuld von sich zu abzulenken und sich da als kleine Hausfrau hinzustellen, die immer nur auf ihre Uwes gewartet hat und hinterher ganz erschrocken erfahren hat, was die alles Böses getan haben. Also, sie muss ja als Angeklagte, das ist vielleicht nochmal wichtig, ja überhaupt nicht die Wahrheit sagen, sie kann irgendwas erfinden und erzählen, und ich denke, das muss das Gericht beurteilen, ob man ihr das glauben möchte."

Widersprüche zu bisherigen Erkenntnissen

Satz für Satz muss das Gericht nun prüfen. Ein Widerspruch zu bisherigen Erkenntnissen ist Kerstin Köditz schon aufgefallen, sie ist Abgeordnete der LINKEN im sächsischen  Landtag und Mitglied des dortigen NSU-Untersuchungsausschusses. "Schauen Sie sich bitte an, was der Thüringer Untersuchungsausschuss herausgearbeitet hat, über die Jugendzeit, wie hochgradig ideologisiert auch Beate Zschäpe damals schon war. Und dann stellt sie sich hin und sagt, ja die Jungs haben komische Musik gehört – mir war nicht klar, wie schlimm diese Musik ist." Im letzten Fall der Mordserie hat Zschäpe gestern immerhin etwas Licht ins Dunkel gebracht, sagt Kerstin Köditz: "Die Gerüchte um den Mord an Michelle Kiesewetter können ein wenig aufgeklärt werden. Sie hat ja eindeutig zugegeben, dass auch der Mord an dieser Polizistin Kiesewetter dem NSU zuzurechnen ist." Das war von manchem bezweifelt worden.

Die Puzzlearbeit geht weiter

Doch auch hier bleiben Fragen, meint Dorothea Marx: "Jetzt ist ja Uwe Böhnhardt Linkshänder gewesen, und es ist mittlerweile erwiesen, dass das Rechtshänderschüsse gewesen sind, auf die Michelle Kiesewetter und ihren Kollegen. Also kann das schon mal nicht so ganz stimmen." Zschäpes Aussage wird von den Untersuchungsausschüssen in Thüringen und Sachsen noch genauer analysiert werden. Fraglich sei etwa, ob Zschäpe tatsächlich am 4. November 2011 zur angegebenen Zeit aus dem Radio von Getöteten im Wohnwagen in Eisenach erfahren haben kann.