Das Verschwinden der Artenkenner Botaniker - die Letzten ihrer Art

Botaniker haben Nachwuchssorgen. Nur einer von 80 Biologiestudenten spezialisiert sich auf die Pflanzenwelt. Aber wer bestimmt unbekannte Pflanzen, wenn es keine Artenkenner mehr gibt? Wer setzt sich für ihren Schutz ein?

Krabbenspinne
Das Wissen um Pflanzen und Tiere ist für den Naturschutz unerlässlich. Bildrechte: IMAGO

Die Botaniker in Jena haben Nachwuchssorgen. Nur einer von 80 Biologiestudenten spezialisiert sich im Laufe seines Studiums auf diesen Fachbereich. Stefan Arndt unterrichtet am Institut für Ökologie und Evolution der Friedrich-Schiller-Universität Jena und leitet den Botanischen Garten. Er bedauert, dass das Interesse für die Pflanzenwelt scheinbar immer geringer wird.

Vielleicht schreckt es die Studenten ab, dass sie so viele lateinische Pflanzennamen lernen müssen. Das ist ja quasi eine eigene Fremdsprache.

Stefan Arndt | Botaniker

Pflanzenlatein schreckt viele Studenten ab

Botaniker Stefan Arndt sitz auf einer Bank in einem Gewächshaus des Botanischen Gartens Jena.
Der Botanische Garten in Jena ist der Arbeitsplatz von Stefan Arndt. Bildrechte: Grit Hasselmann

Es gibt immer weniger Experten, die sich mit der Klassifizierung von Pflanzen auskennen. Durch diese Entwicklung geht schon jetzt viel Wissen unserer Vorfahren verloren. Die Arten selbst findet man vielleicht noch in Büchern und Datenbanken. Aber um die Zusammenhänge herzustellen, fehlen Experten. Denn man muss die Systematik, die Taxonomie kennen, um unbekannte Pflanzen bestimmen zu können. Beispielsweise gibt es in Thüringen allein 70 verschiedene Löwenzähne. Das ist aber nur bekannt, weil Botaniker sich auf diese Pflanzen spezialisiert haben und selbst kleine Unterschiede zwischen ihnen erkennen. Und dann können sie erst herausfinden, ob eine Löwenzahn-Pflanze nur anders gewachsen ist wegen des Bodens oder des Klimas oder ob es sich tatsächlich um eine neue Unterart handelt.

Und genau diese Spezialisten verschwinden leider immer mehr und damit auch ihr Fachwissen. Wie sollen wir den Zustand einer Art einschätzen, wenn niemand mehr erkennt, was da wächst? Wenn in Zukunft Arten aussterben, besteht die Gefahr, dass es niemanden mehr gibt, der Alarm schlägt.

Stefan Arndt | Botaniker

Ohne ehren- und hauptamtlich tätige Artenkenner ist Naturschutz schlicht unmöglich. Ihr Wissen, ihre Kenntnisse und ihre über Jahre und Jahrzehnte hinweg gesammelten Erfahrungen bilden erst die Grundlage dafür.

Artenkenner sterben aus

Viele Samentüten stehen in einer Holzkiste.
Im Botanischen Garten Jena, dem Arbeitsplatz von Arndt, werden auch einheimische Pflanzen ausgestellt. Die Samen kann man kaufen. Bildrechte: Grit Hasselmann

Fakt ist: Die Zahl der Artenkenner hat in den letzten 20 Jahren um 21 Prozent abgenommen. Das haben der BN-Artenschutzexperte Kai Frobel und sein Kollege Helmut Schlumprecht 2014 bei einer aufwendigen persönlichen Befragung von 70 hauptsächlich bayerischen Artenkennern festgestellt.

Was die Situation noch verschärft: Die meisten Artenkenner sind heute bereits 60, 70 oder 80 Jahre alt, nur 7,6 Prozent von ihnen sind unter 30. Es ist also absehbar, dass viele der Experten ihre Tätigkeit mittelfristig aufgeben werden. Sie werden bleibende Lücken hinterlassen, denn aus den Schulen und Universitäten kommt kaum Nachwuchs. Mittlerweile fehlt eine ganze Generation von Artenkennern. Das wird in zehn bis 20 Jahren zu einem drastischen Einbruch führen, wenn wir nicht schleunigst gegensteuern.

Thüringen will gegensteuern

In Thüringen ist die Situation genauso dramatisch wie im Rest des Landes. Um darauf aufmerksam zu machen, hat beispielsweise die Stiftung Naturschutz Thüringen (SNT) ihren 6. Thüringer Naturschutzpreis letztes Jahr unter das Motto gestellt: "Naturschutz braucht Artenkenner!". Er war immerhin mit zweimal 5.000 Euro dotiert. Zum einen sollten so Menschen ausgezeichnet werden, die Artenkenntnisse besitzen und diese an andere weitergeben. Zum anderen sollten es junge Menschen sein, die Naturschutzprojekte umsetzen, für die solche Kenntnisse die Voraussetzung sind.

Die Kenntnis unserer eigenen Flora sollte eigentlich zur Allgemeinbildung gehören. So ist es aber nicht. Wir fliegen zum Mars, aber wir kennen unsere eigenen Pflanzen nicht.

Stefan Arndt | Botaniker

Jugendliche auf einer Almwiese.
Ganz wichtig ist es, Kindern die Natur näherzubringen und ihr Interesse für Tiere und Pflanzen zu wekcne. Bildrechte: TU München / Valerie Frimmer

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. Dezember 2018 | 19:00 Uhr