Der Botaniker Dr. Werner Westhus untersucht Algen, die an einem Ast hängen.
Der Botaniker Dr. Werner Westhus untersucht Algen, die an einem Ast hängen. Bildrechte: Grit Hasselmann

Botaniker braucht das Land "Ohne Artenkenner kann es keinen Naturschutz geben"

Dr. Werner Westhus war bis Ende des Jahres Abteilungsleiter in der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG), Abteilung Naturschutz. In dieser Funktion hat er auch immer die "Roten Listen" für Thüringen bearbeitet und mitherausgegeben. Seit 1980 beschäftigt er sich mit botanischem Artenschutz, nimmt Kartierungen vor und betreut die ehrenamtlichen Botaniker. Seit Anfang des Jahres ist er pensioniert.

von Grit Hasselmann

Der Botaniker Dr. Werner Westhus untersucht Algen, die an einem Ast hängen.
Der Botaniker Dr. Werner Westhus untersucht Algen, die an einem Ast hängen. Bildrechte: Grit Hasselmann

Sie betreuten die "Rote Liste" gefährdeter Pflanzen in Thüringen. Ist die Liste länger geworden?

Thüringen hat eine sehr reiche Flora. Hier haben sich viele Handelswege gekreuzt (via regia), so wurden von überall Pflanzen mitgebracht. Landschaftlich ist das Land sehr vielseitig. Die Flora ist sehr abhängig vom Menschen und der Landnutzung. In jedem Jahrzehnt sterben aber etwa ein-zwei Pflanzenarten in Thüringen aus. Ganz dramatisch war es, als die LPGen entstanden und viele Düngemitteln und Herbizide auf den Feldern eingesetzt wurden. Es ist ein ständiges Auf und Ab.

Dafür kommen aber neue Pflanzen?

Ja, aber das ist manchmal sogar gefährlich. Das sind die sogenannte Neubürger (Neophyten). Sie breiten sich aus und verändern unsere Flora. Zum Beispiel der Japanische Staudenknöterich. Er wurzelt sehr tief, wächst hoch und verschattet so weite Landstriche. Vor allem in Flussauen verdrängt er so viele heimische Arten. Der Klimawandel begünstigt diesen Vorgang noch. Kälteliebende Pflanzen werden in die Berge, in höhere Lagen zurückgedrängt.

Einheimische Pflanzen haben für den Naturschutz einen viel höheren Wert, weil viele Tierarten sich darauf spezialisiert haben. Wenn die Pflanzen jetzt verdrängt werden, ist noch nicht abzusehen, wie schnell sich die Tiere umstellen. Darüber hinaus können sich die Neubürger ohne Fressfeinde schneller ausbreiten. Viele, wie der Riesen-Bärenklau, verursachen zusätzlich noch gesundheitliche Probleme. Deshalb werden diese Arten vom Naturschutz bekämpft.

Umso wichtiger ist es, dass es Experten gibt, die Wissen über die heimischen Pflanzen haben. Warum will keiner mehr Botaniker werden?

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Ausrichtung des Biologie-Studiums sehr verändert. Weg von der Taxonomie, also der Einordnung der Lebewesen in eine Systematik, hin zur Gentechnik und zur Molekularbiologie etc. Dadurch gibt es an den Universitäten nur sehr wenige Leute, die in der Lage sind, Artenkenntnis zu vermitteln. Ein normaler Biologiestudent lernt schon nicht mehr genug Arten. Das braucht schon ein hohes persönliches, ehrenamtliches Engagement. Das kann und will nicht jeder aufbringen. Dadurch hat sich auch die Altersstruktur mittlerweile verschoben. Es gibt viel mehr ältere Artenkenner als junge. Ein weiteres Problem: Die Lehrpläne der Schulen in Thüringen haben den Biologieunterricht reduziert und auch die Lehrer kennen heute selber deutlich weniger Arten als früher. Und nicht zuletzt brauchen Kinder, um Interesse an der Biologie und spezielle an der Botanik zu entwickeln, Naturerlebnisse in ihrem Umfeld. Eine reich strukturierte Landschaft. Auch in Städten müssten diese Lebensräume deutlich stärker vorhanden sein.

Heißt das auch, dass es ohne Artenkenner keinen Naturschutz mehr geben kann?

Viele Bücher mit Bildern von Pflanzen liegen auf einem Tisch.
Viel Wissen über die Artenvielfalt ist in Büchern archiviert. Sie ersetzen aber die Experten nicht. Bildrechte: Grit Hasselmann

Naturschutz ohne Artenkenner, das geht nicht. Nur was ich kenne, kann ich auch schützen. Schon jetzt besteht ein Defizit. Sowohl bei den Profis als auch bei den Hobby-Botanikern. Egal, ob in den Planungsbüros, die Management-Pläne erstellen oder für die Biotop-Kartierungen. Projekte mussten teilweise zeitlich extrem gestreckt werden, weil sich niemand gefunden hat, der sie umsetzt. Und wenn keinem auffällt, dass bestimmte Pflanzen gefährdet sind, tut auch niemand etwas für deren Erhalt. Und dann nützt es auch nichts, wenn es Fördermittel und spezielle Programme gibt.

Wo sehen Sie denn die Lösung für das Problem?

Man muss vieles verändern. In Kindergärten und Schulen müssen die Kinder schon an die Natur herangeführt und natürlich überhaut in die Natur geführt werden. Die Biologielehrer müssten das entsprechende Rüstzeug mitbekommen. Schon hier haben viele Lehrer Wissenslücken. Das Studium müsste stärker auf Bestimmungsübungen, auf Artenkenntnis ausgerichtet sein. Naturschutz könnte im Studium eine stärkere Rolle spielen. Im Wohnumfeld müssten artenreiche Lebensräume zu finden sein. Und dass Verbände oder Vereine gefördert werden, die dann, wenn das Interesse geweckt ist, auch spannende Beschäftigung mit der Natur möglich machen, und das Interesse eben auch weiter zu pflegen und auszubauen.

Also sind auch Eltern und Großeltern gefragt?

Es wäre super, wenn eine gewisse Grund-Artenkenntnis zur Allgemeinbildung gehören würde. Es ist erschreckend, wie wenig Arten heutzutage Jugendliche, aber auch Erwachsene, kennen und unterscheiden können. Es muss ein Verständnis für die Vielfalt da sein. Nur dann kann Naturschutz ein erreichbares Ziel sein.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. Dezember 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2019, 11:35 Uhr