Blick auf die Berliner Philharmoniker
Bildrechte: Stephan Rabold / MDR

Frauen in Berufsorchestern Spielen Frauen nur die zweite Geige?

Fand man in der Vergangenheit Frauen im Orchester meist nur an der Harfe, spielen sie heute alle Instrumente. Es gibt aber noch immer große Ungleichheiten in der Orchesterbesetzung. Außerdem gilt: je berühmter ein Orchester, desto geringer ist der Frauenanteil.

Blick auf die Berliner Philharmoniker
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Frauen in Berufsorchestern – Eine Recherche

Das Jahr 1982 markiert einen entscheidenden Einschnitt in der Geschichte der Berliner Philharmoniker, einem der Spitzenorchester Deutschlands: Die Geigerin Madeleine Carruzzo wird das erste weibliche Mitglied des Orchesters. Fast 40 Jahre sind seither vergangen. Was hat sich getan? Wie steht es um das Geschlechterverhältnis in deutschen Berufsorchestern im Jahr 2019? Warum ist die Frage nach dem Geschlecht eines Musikers überhaupt wichtig? MDR KLASSIK versucht diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Wir haben Daten von fast allen öffentlich finanzierten Berufsorchestern in Deutschland gesammelt – 129 Orchester mit fast 10.000 Musikerinnen und Musikern – und die Daten ausgewertet. 

War vor knapp vierzig Jahren nur jedes zehnte Orchestermitglied weiblich – so die Zahlen der Deutschen Orchestervereinigung – zeigt unsere Recherche für die Spielzeit 2018/19:

Solche Durchschnittswerte sind immer mit Vorsicht zu genießen.

Christian Ahrens – Musikwissenschaftler

38 Prozent der Orchestermitglieder sind weiblich. Doch diese allgemeinen Zahlen müsse man sich genauer anschauen, mahnt der Musikwissenschaftler Christian Ahrens. Er hat 2018 eine Studie zum "Langen Weg von Musikerinnen in die Berufsorchester" veröffentlicht. Blickt man auf die einzelnen Instrumente, erkennt man die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern:

Zwei Trends zeigen sich beim ersten Überblick:

1. Frauen spielen überwiegend Streichinstrumente

2. Blechblasinstrumente und Schlagwerk sind absolute Männerdomänen.

Welche Gründe gibt es dafür, dass Frauen so selten Blechblasinstrumente spielen? Könnte eine Quote helfen? In unserem Themenspezial kommen Menschen aus der Klassikwelt zu Wort, die sich mit diesen Themen beschäftigen.

Das sind Staatsorchester. Da stecken Steuergelder drin. Also sollte man doch auch darauf achten, ob die Steuergelder im Sinne der Gleichstellung eingesetzt werden. Das passiert in Deutschland nicht.

Christian Ahrens – Musikwissenschaftler

Kultur

Christian Ahrens 8 min
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Der Musikwissenschaftler Christian Ahrens hat die Geschlechterverteilung in internationalen Orchestern untersucht. Wir haben mit ihm über die Situation in Deutschland gesprochen.

MDR KLASSIK Mi 06.11.2019 09:28Uhr 07:45 min

https://www.mdr.de/mdr-klassik-radio/videos/interview-mit-christian-ahrens100.html

Rechte: MDR KLASSIK

Video

Frauen in der Minderheit

Unter den ausgewerteten Orchestern gibt es übrigens nur ein einziges Orchester mit mehr Frauen als Männern: das Preußische Kammerorchester aus Brandenburg hat einen Frauenanteil von 67 Prozent. Als Kammerorchester hat es aber auch nur ein Dutzend Musikerinnen und Musiker. Noch immer gilt:

Je berühmter ein Orchester, desto geringer der Frauenanteil.

Deutsche Orchestervereinigung

Die Berliner Philharmoniker sind mittlerweile bei einem Frauenanteil von 16 Prozent; unter 123 Orchestermitgliedern sind immerhin 20 Musikerinnen. Damit haben sie bundesweit den geringsten Frauenanteil. Außerdem verteilen sich die Frauen – dem Trend entsprechend – hauptsächlich auf die Streicher. Unter den Holzbläsern gibt es nur eine Flötistin und unter den Blechbläsern nur eine Hornistin, alle anderen Orchestermitglieder sind Männer. Und auch in der Hierarchie werden die gravierenden Unterschiede deutlich: Es gibt keine einzige Konzertmeisterin und nur eine einzige Solistin im gesamten Orchester – die Solobratscherin Naoko Shimizu. Am Orchester ist man sich dieser Problematik bewusst: So schreibt die Pressestelle der Berliner Philharmoniker auf Anfrage von MDR KLASSIK: „Auch wir haben die Regelung bei gleicher Eignung Bewerberinnen zu bevorzugen. Im Zeitraum 2016-2019 sind von elf vergebenen Stellen vier an Frauen vergeben worden. Die immer noch niedrige Gesamtquote ist sicher auch dem Umstand geschuldet, dass wir erst 1982 mit 0 Prozent gestartet sind um im jährlichen Mittel nur zwei Stellen zu vergeben sind.“

Die Violinistin Stephanie Appelhans ist erste Konzertmeisterin am Philharmonischen Orchester Erfurt
Konzertmeisterin Stephanie Appelhans Bildrechte: MDR

Ein Orchester ist natürlich ein anderer Typ Unternehmen als eine privatwirtschaftliche Firma. Es gibt nur ein eng bemessenes Kontingent an Stellen und diese werden in der Regel auf Lebenszeit vergeben: „Wie lange ist man auf einer Stelle? Fast 40 Jahre. Das dauert natürlich, bis sich die Geschlechterverteilung ändert“, sagt Stephanie Appelhans, erste Konzertmeisterin der Philharmonie Erfurt.

Heiner Louis
Heiner Louis, MDR KLASSIK Bildrechte: MDR KLASSIK

Exemplarisch beschreibt Heiner Louis, Hauptabteilungsleiter MDR KLASSIK und verantwortlich für das MDR Sinfonieorchester (Frauenanteil laut unserer Recherche: 35%) diese spezielle Situation bei Orchestern: „Das MDR Sinfonieorchester ist entstanden aus zwei Rundfunkorchestern, die nach der Wende fusioniert worden sind. Da hat man das Geschlechterverhältnis eingefroren, weil es einfach sehr viele Musiker gab. Es war klar, dass man auf absehbare Zeit nichts wird besetzen können Deswegen ist dieser aktuelle Stand eigentlich 15 bis 20 Jahre alt. Es fängt jetzt an, dass neue Stellen besetzt werden."

Es geht um künstlerische Qualität

Im Bild sitzt ein älterer Herr im Hemd, der Musikwissenschaftler Christian Ahrens
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Musikwissenschaftler Christian Ahrens glaubt dennoch, dass die Orchester stärker sensibilisiert werden müssten: In Frankreich etwa würden jedes Jahr Zahlen zur Zusammensetzung der Orchester erhoben, und bei Stellenvergaben würden die Orchester damit konfrontiert. So sei das Thema dort stärker im Fokus. Ihm gehe es auch nicht um reine Zahlenspiele, sagt der Musikwissenschaftler: „Die angestrebte Gleichstellung der Frauen ist kein Selbstzweck. Ziel ist es vielmehr, ein bedeutendes künstlerisches Qualitätspotential auszuschöpfen. Wenn 20–50 Prozent der Höchstqualifizierten keine Chancen haben, Positionen in den Spitzenorchestern einzunehmen, dann verzichtet man darauf, die Qualität gerade dieser Orchester weiter zu steigern und fällt damit in Deutschland hinter die Leistungsfähigkeit ausländischer Spitzenorchester zurück".

Die angestrebte Gleichstellung ist kein Selbstzweck. Ziel ist es ein bedeutendes, künstlerisches Qualitätspotential auszuschöpfen.

Christian Ahrens – Musikwissenschaftler

Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV), ein einflussreicher Verband im Bereich der klassischen Musikwelt, betont auf Anfrage von MDR KLASSIK, dass sich das Problem der Ungleichheit in Orchestern von selbst erledigen werde: „Die Zukunft der deutschen Berufsorchester ist mehrheitlich weiblich. Schon jetzt ist aus Statistiken zu entnehmen, dass in der Alterskohorte von 25 bis 45 Jahren der Frauenanteil über 50 Prozent liegt.“ Das Problem großer Unterschiede bei einzelnen Instrumenten – wie etwa dem marginalen Anteil von Frauen an Blechblasinstrumenten – sieht die DOV nicht: „Es gibt Instrumente, die in der Kinder- und Jugendzeit traditionell mehrheitlich eher von Jungen oder von Mädchen erlernt werden. (...). Entscheidend für die DOV ist weniger die geschlechterparitätische Besetzung einzelner Stimmgruppen, sondern vielmehr eine ausgewogene Anzahl der Geschlechter insgesamt im Orchester.“

Musikwissenschaftler Christian Ahrens glaubt zwar auch, dass sich das Geschlechterverhältnis in den nächsten Jahrzehnten allgemein der 50%-Marke annähern wird, doch die großen Unterschiede bei einzelnen Instrumenten könnten bestehen bleiben, wenn man nicht die Strukturen ändert: Orchester müssten stärker für das Thema sensibilisiert werden, Frauen einfacher und häufiger in Verantwortungspositionen gelangen und der Staat müsse auf diesen Prozess ein Auge haben.

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2019, 12:54 Uhr