Interview mit Christian Ahrens „Das sind Staatsorchester“

Der Musikwissenschaftler hat eine große Studie zu Frauen in Berufsorchestern gemacht. Wir haben mit ihm über die Situation in Deutschland gesprochen.

Der Musikwissenschaftler Christian Ahrens hat 2018 eine Studie veröffentlicht, in der er die Zusammensetzung von internationalen Orchestern untersucht hat. Dabei schneiden deutsche Orchester nicht besonders gut ab. Wir haben mit ihm über die Datenrecherche von MDR KLASSIK gesprochen — genauer gesagt, über das Geschlechterverhältnis in 129 deutschen, öffentlich geförderten Berufsorchestern.

Hier können Sie das Interview auch als Video sehen. Darunter finden Sie das Interview in Textform.

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Der Musikwissenschaftler Christian Ahrens hat die Geschlechterverteilung in internationalen Orchestern untersucht. Wir haben mit ihm über die Situation in Deutschland gesprochen.

MDR KLASSIK Mi 06.11.2019 09:28Uhr 07:45 min

https://www.mdr.de/mdr-klassik-radio/videos/interview-mit-christian-ahrens100.html

Rechte: MDR KLASSIK

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Der Musikwissenschaftler Christian Ahrens hat die Geschlechterverteilung in internationalen Orchestern untersucht. Wir haben mit ihm über die Situation in Deutschland gesprochen.

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https://www.mdr.de/mdr-klassik-radio/videos/interview-mit-christian-ahrens100.html

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Stand der Dinge

Frage: Wir sind für die Spielzeit 2018/19 auf einen Frauenanteil von 38% in den 129 deutschen Berufsorchestern gekommen: Ist das gut oder schlecht?

Antwort: „Das Verhältnis an sich ist gar nicht so schlecht, aber erstens im internationalen Vergleich muss man es sehen. Und da schneiden andere Regionen anderer Länder sehr viel besser ab. Und dann darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir eine ganz klare Konzentration auf bestimmte Instrumente haben und andererseits Instrumente mit einem riesigen Defizit. Dann gibt es noch die Staffelung von den Top-Orchestern zu den eher Regionalorchestern und je weiter man nach oben kommt, desto geringer wird der Frauenanteil. Und dann ist dieser Anteil von 38% natürlich ganz wesentlich dadurch bestimmt, dass in den hohen Streichinstrumenten bis einschließlich zum Violoncello die Frauen relativ gut vertreten sind. Aber Kontrabass zum Beispiel ist eine Katastrophe. Und bei den Blasinstrumenten abgesehen von der Flöte ist es auch eine Katastrophe. Bei den Blechbläsern sowieso und dann am Schlagzeug? Ich weiß nicht, ob es eine Schlagzeugerin in Deutschland gibt.“

Gibt es Schlagzeugerinnen in deutschen Berufsorchestern? Hier finden Sie die Antwort und noch mehr Zahlen aus der Orchesterwelt:

Ursachen des Problems

Frage: Wie erklären Sie sich dieses Verhältnis?

Antwort: „Auf der einen Seite denke ich: Die Ausbildungsförderung ist in Deutschland zu schlecht und zwar deswegen, weil sich die beteiligten Institutionen sträuben oder sich nicht besonders engagieren. In Skandinavien beispielsweise aber auch in Frankreich und natürlich in USA und anderen angelsächsischen Ländern ist das ganz anders, da wird viel mehr gefördert. Das gesellschaftliche Umfeld ist ein anderes. Denken Sie mal bitte daran welches Aufsehen hier in Deutschland erregt wird, wenn eine Dirigentin ans Pult tritt. Es gibt meines Wissens zwei oder drei Orchester in Deutschland, aber das sind Regionalorchester, aber die großen Orchester sperren sich doch offensichtlich. Dafür werden die alten Herren bis über 80 beschäftigt. Ich bitte Sie. Muss das sein?

Es hat sich einiges gebessert, seit dem der Usus eingeführt worden ist, dass das Vorspiel hinter einem Vorhang stattfindet, sodass man im Prinzip nicht erkennen kann, ob es sich um eine Frau oder um einen Mann handelt. Aber dann geht es natürlich um die Frage: Wollen wir uns eine Frau ins Orchester holen mit allem, was daran hängt und das finde ich, ist ein großes weites Feld, in dem der Staat eigentlich eingreifen müsste. Wenn Sie die Literatur lesen, insbesondere die Berichte aus den Orchestern, wird immer wieder darauf hingewiesen, welche Schwierigkeiten sie haben, die Stellen von Frauen in der Schwangerschaft, Elternzeit kurzfristig zu besetzen und dafür die Gelder locker zu machen. Da finde ich, ist der Staat gefragt. Unsere Orchester sind in aller Regel Staatsorchester. Dann muss man die Mittel bereitstellen. Unter dem Gesichtspunkt ist noch einiges zu machen.“

Lösungsansätze

Frage: Was muss getan werden, um Geschlechtergleichheit zu erreichen?

Antwort: In jungen Jahren finde ich den Ansatz der Franzosen ganz sinnvoll, dass Kindern, wenn sie mit den Instrumenten des Orchesters vertraut gemacht werden, von Anfang an der Eindruck vermittelt werden muss, dass jeder ein solches Instrument spielen kann. Dass es keine typisch weiblichen oder typisch männlichen Instrumente gibt. Da werden alle Orchesterinstrumente von einer Frau und einem Mann vorgestellt. Dann müsste man in der Musikschule fördern, dass Mädchen sich auch und vielleicht sogar besonders mit solchen Instrumenten beschäftigen, die bis heute noch allgemein als typisch männlich gelten. Dann müsste man in der Universitätsausbildung dafür sorgen, die Hochschulen müssten dafür sorgen, dass in viel größerem Maße auch Frauen als Lehrer eingestellt werden. Ich meine: wieso muss ein Kontrabass von einem Mann unterrichtet werden? Mittlerweile gibt es einige Orchester, die Kontrabassistinnen haben. Warum sollen die nicht qualifiziert genug sein, um für die Ausbildung zu sorgen? Ich denke das ist schon ein Unterschied, ob sie bei einem Orchesterinstrument einen Lehrer haben oder eine Lehrerin haben und auf diese Weise könnte man, denke ich, da schon fördern. Ganz wichtig ist die Förderung der Teilnahme an Wettbewerben insbesondere in den Instrumentengruppen, in denen bisher noch ein Defizit an Frauen in den Orchestern besteht. Das kann nicht sein, dass bei solchen Wettbewerben dann bei der Trompete auf zehn Männer eine Frau kommt. Das hat sich mittlerweile ja schon ein bisschen geändert, aber ich finde da müsste man noch sehr viel mehr tun. Und dann müssten die Orchester sensibilisiert werden dafür, dass es hier ein Problem gibt. Das denke ich ist ein ganz wichtiger Punkt: der Staat und alle Institutionen dürfen sich nicht einfach raushalten und darauf hoffen, dass es schon irgendwie geht. Das haben wir beim Thema Klima gesehen. Es geht nicht.

Und macht die Zukunft alles besser?

Frage: Was ist ihre Prognose für die Zukunft?

Antwort: Wenn wir nichts unternehmen und wenn man einfach nur weiter abwartet und hofft, dann wird es in sehr kleinen Schritten vorangehen. Ich bin nicht mal davon überzeugt, dass es immer Schritte nach vorne sind, wie das Beispiel des Bayreuther Festspiel-Orchesters lehrt. Da gibt es selbst heute noch Rückschritte. Ich würde prognostizieren, dass wir zwar in einem Zeitraum von 20 oder 25 Jahren die Gesamtquote sicher an die 50 Prozent bringen werden, dass wir aber die ungleiche Verteilung in bestimmten Instrumentengruppen nicht signifikant ändern werden.