Oper Halle Liebe, Hass und Ausgrenzung: die Oper "Manru" feiert Premiere in Halle

"Manru" ist die einzige Oper des Komponisten Ignacy Paderewski. Nach der erfolgreichen Uraufführung in Dresden wurde sie innerhalb kurzer Zeit in Prag, Köln, Warschau, London und sogar in Amerika aufgeführt. Bis heute ist "Manru" die einzige polnische Oper, die es an die Metropolitan Opera in New York schaffte. Danach wurde sie nur noch sehr vereinzelt in Polen gezeigt. Zuletzt 2018 am Teatr Wielki in Poznan anlässlich der Staatsgründung vor 100 Jahren. In deutscher Fassung kommt sie nun erstmals nach Halle zurück.

Bühnenszene
Szene aus dem 1. Akt: Ulana (Kammersängerin Romelia Lichtenstein) und Manru (Thomas Mohr) werden von der Dorfgemeinschaft beschimpft. Bildrechte: Bühnen Halle, Foto: Anna Koalta

Ulana und Manru lieben sich und werden für ihre Liebe geächtet. Denn sie gehören verschiedenen Gesellschaftsgruppen an: Sie entstammt den sesshaften Tatra-Bauern, er einer nomadischen Roma-Sippe. Von Anfang an brechen sich Gewalt und Verachtung gegenüber den jeweils "Anderen" Bahn. Die Liebe zwischen Ulana und Manru ist zum Scheitern verurteilt.
Der Stoff zu "Manru" basiert auf dem Roman "Die Hütte am Ende des Dorfes" von Josef Kraszewski, Alfred Nossig formt daraus das Libretto.

Eine Liebe zum Scheitern verurteilt

Beide, Kraszewski und Nossig, waren glühende Anhänger der polnischen Romantik und der damit verbunden Sehnsucht nach Emanzipation von der Fremdherrschaft. Innerhalb eines polnischen Staates sollte zugleich Platz für verschiedene Lebens- und Gesellschaftsformen sein. Und so suchen sowohl Kraszewski als auch Nossig in ihren Texten nach Lösungen für ein menschliches Miteinander.

Bühnenszene
Ulana und Manru ringen um ihre Liebe. Bildrechte: Bühnen Halle, Foto: Anna Koalta

Paderewski: Musiker und Politiker

Ignacy Jan Paderewski kommt 1860 in einem Dorf im Gouvernement Podolien zur Welt. Dieses Gebiet ist damals dem russischen Zarenreich untergeordnet. Der Vater kämpft im Januaraufstand 1863/64 gegen die russische Herrschaft und muss dafür ins Gefängnis. Der junge Paderewski wächst bei Verwandten auf, bevor er zum Musikstudium nach Warschau, Berlin und Wien geht.

Ignacy Jan Paderewski
Besiegelte die Unabhängigkeit der Zweiten Republik Polens mit und wurde international als Pianist gefeiert: Ignacy Jan Paderewski. Bildrechte: imago images / Everett Collection

Sein Debüt in Paris 1888 verhilft ihm zum internationalen Durchbruch als Pianist. Von hier aus beginnt seine unglaubliche Karriere. Er ist so erfolgreich, dass ihm nicht nur die Damenwelt zu Füßen liegt, sondern er auch auf internationalem Parkett an Einfluss gewinnt. Den weiß der nationalbewusste Paderewski für seine Heimat Polen zu nutzen. Schon lange sehnt sich das Land nach Eigenständigkeit und Souveränität. Nach dem Ersten Weltkrieg wird Paderewski als Ministerpräsident den Versailler Vertrag mitunterzeichnen und somit die Unabhängigkeit der Zweiten Republik Polens besiegeln.

Komponist polnischer Musik

Paderewski schreibt zahlreiche Klavierwerke, Chor- und Kammermusik sowie eine Sinfonie, die den Beinamen "Polonia" trägt. Auf Reisen durch die Karpaten und die Hohe Tatra lernt er die Musik der dort lebenden Menschen kennen und schreibt sie für sich auf. Einige dieser Melodien verwendet er in Klavierstücken, die sich in seinem "Tatra-Album" wiederfinden. Paderewski verinnerlicht die Musik und nimmt sie als Inspirationsquelle für seine eigenen volkstümliche Melodien in der Oper "Manru".

Große romantische Oper

"Manru" ist Paderewskis einzige Oper. An Aktualität hat sie bis heute nichts verloren. Noch immer ringen unterschiedliche Gesellschaftsgruppen um Zugehörigkeiten, Freiheit und Anerkennung, noch immer scheitern sie an Unverständnis, Traditionen und Ausgrenzung. Auch musikalisch differenziert Paderewski die unterschiedlichen Ethnien. Slawische Volkslieder und Tänze stehen den Melodien der Roma gegenüber.

Es finden sich aber auch Anklänge der großen Zeitgenossen wie Wagner und Puccini wieder, sagt Michael Wendeberg, der Dirigent der Premiere in Halle. "Man hört ziemlich direkt, dass Wagner und Puccini und auch der Tschaikowski von 'Jewgeni Onegin' nicht so weit weg sind.

Es ist natürlich ein musikalischer Kontext, den Paderewski sehr gut kannte.  Ich denke trotzdem, dass es einen eigenen Ton gibt, den dieses Stück hat.

Michael Wendeberg, Dirigent

Die Tessitura (Stimmumfang) ist ähnlich wie beispielsweise bei 'Tosca', also die Figur des Manru bewegt sich irgendwo zwischen Cavaradossi und Siegfried."

Aufführungen in der Oper Halle Premiere: 19. März 2022, 19.30 Uhr

Weitere Aufführungen
Sonntag, 27. März 2022, 16 Uhr
Freitag, 1. April 2022, 19.30 Uhr
Freitag, 22. April 2022, 19.30 Uhr
Sonntag, 22. Mai 2022, 18 Uhr
Donnerstag, 30. Juni 2022, 19.30 Uhr

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MDR KULTUR - Das Radio Sa 26.02.2022 12:46Uhr 54:38 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 19. März 2022 | 09:10 Uhr

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