PREMIERE Premiere in Dresden: "Die Nase" von Dmitri Schostakowitsch an der Semperoper

Wer die Musik des Komponisten Dmitri Schostakowitsch liebt, kommt an den Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch nicht vorbei. Die waren diesmal an ihrem Vorabend mit einem fulminanten Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle und mittendrin mit der Premiere von Schostakowitschs Operngroteske "Die Nase" an der Semperoper verbunden.

Bo Skovhus (Platon Kusmitsch Kowaljow)
Mit nur 22 Jahren entwickelte der junge Schostakowitsch die Oper "Die Nase". Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Zurück in den Graben der Semperoper

Vielleicht sollte die Sächsische Staatskapelle einen der nächsten Schostakowitsch-Preise für diese Interpretation bekommen. Vielleicht aber auch Petr Popelka, der die Oper nun in Dresden einstudiert hat und für das Ergebnis heftig gefeiert worden ist. Es war sein Debüt im Graben der Semperoper, bislang hatte er nur an der kleinen Spielstätte Semper Zwei dirigiert. Dabei war er in diesem Orchestergraben mal so gut wie zu Hause, denn von 2010 bis 2019 hat er als stellvertretender Solo-Kontrabassist der Kapelle gewirkt. Seitdem darf eine Blitzkarriere als Dirigent und Orchesterleiter bestaunt werden: Popelka ist Chefdirigent am Norwegischen Rundfunkorchester Oslo, ab Herbst leitet er zudem das Radio-Sinfonieorchester Prag, gefragter Gast ist er obendrein am Prager Nationaltheater und anderswo.

Neue Inszinierung sorgt für Überraschungen

Bo Skovhus (Platon Kusmitsch Kowaljow)
Die Oper entstand nach einer Novelle von Nikolai Gogol. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Wie er nun in der "Nase" das flirrende Zusammenspiel der einzelnen Instrumentengruppen, Schostakowitschs vertrackte Rhythmen, das Miteinander von Bühne und Graben sowie die wahnwitzigen Tempi einschließlich zahlreicher Brüche koordiniert hat, das verdient höchsten Respekt. Seine unübersehbare Freude dabei übertrug sich sowohl auf das Orchester als auch aufs Premierenpublikum. Die Inszenierung von Regisseur Peter Konwitschny hat den vielen Fragen, die ohnehin schon in dieser Oper stecken – wo ist die Nase von Kowaljow, wie hat der eitle Beamte sie nur verlieren können und was soll er nun tun? – noch ein paar weitere hinzugefügt: Wo ist die Brezelverkäuferin, die im Original von einer Horde Polizisten bedrängt wird, warum erschießt sich der nasenlose Kowaljow, kommt in den Himmel und begegnet dort einem lieben Gott und dessen eingeborenen Sohn? Im Original wären das ein Wachtmeister und ein Doktor gewesen.

Leichtfüßig mit viel Witz

Peter Konwitschny und sein Ausstatter Helmut Brade haben offensichtlich viel Spaß an dieser Oper gehabt, der man kurz nach ihrer Uraufführung Anfang 1930 am Leningrader Maly-Theater noch vorgeworfen hat, sie sei die "Handgranate eines Anarchisten". In Dresden ist sie herrlich leichtfüßig und mit viel Witz umgesetzt worden und konnte so eine höchst farbenfrohe, erfrischend lebendige Wirkung entfalten. Dank massivem Einsatz der Bühnentechnik mit ständig bewegten Hubpodien, Lichteffekten sowie einigen geradezu kafkaesken Regieeinfällen geriet das Ergebnis so kurzweilig wie unterhaltsam.

Aaron Pegram (Der liebe Gott), Bo Skovhus (Platon Kusmitsch Kowaljow), Komparserie
Der Hallenser Helmut Brade sorgte für Bühnenbild und Kostüm. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Köstlich zum Beispiel die Szenen, nachdem sich der Nasenlose kurzentschlossen erschießt und in den Himmel gerät. Dort trifft er auf einen lieben, geldgierigen Gott und dessen selbstlosen Sohn, beide mit goldenen Nasen im Gegensatz zu den sonst durchweg roten Aufsätzen, mit denen die gesamte Personage ausgestattet ist – bis eben auf Kowaljow.

Hauptrolle "Platon Kusmitsch Kowaljow" wird gefordert

Bo Skovhus (Platon Kusmitsch Kowaljow)
Bariton Bo Skovhus steht als Platon Kusmitsch Kowaljow in der Hauptrolle auf der Bühne. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Da es eine insgesamt stattliche Anzahl von gut drei Dutzend Figuren gibt, soll nur die Hauptrolle namens Platon Kusmitsch Kowaljow hervorgehoben sein: Bariton Bo Skovhus agiert und gestikuliert vortrefflich, wird geradezu sportiv gefordert und geschunden, vermag bei alldem vokal zu brillieren und erhält dafür völlig zu Recht reichlich Applaus. "Die Nase" der Semperoper ist jedoch eine Ensembleleistung. Ähnlich heftiger Beifall brandet für alle weiteren Mitwirkenden auf und insbesondere für den Opernchor in seinen mal plakativen, mal hysterischen Volksszenen.

Alles in allem ist diese deutsch gesungene "Nase" eine bissige Oper, in der es viel zu lachen gibt, die jedoch auch rein künstlerisch hohe Maßstäbe setzt und erfüllt.

Aufführungen: 7., 10. und 13. Juli sowie 18., 21. und 30. September

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 04. Juli 2022 | 08:40 Uhr