Erneute Absage Händel-Festspiele Halle Intendant Birnbaum: Es geht darum, Gäste und Musizierende zu schützen

Am Donnerstag kam die Nachricht, dass nun auch die Händel-Festspiele in Halle abgesagt werden. Das Festival, dessen Strahlkraft weit über Mitteldeutschland hinausgeht bringt jährlich viele Händel-Fans aus aller Welt nach Halle. Schon im vergangenen Jahr mussten die Händel-Festspiele coronabedingt abgesagt werden. Wie es nun weitergehen kann, das erklärt Clemens Birnbaum, der Intendant der Händel-Festspiele.

Abendstimmung am Marktplatz von Halle, Marktkirche mit vier Türneb rot angestrahlt, davor Händel-Statue mit Rücken nach vorn, ganz im Vordergrund Luftballon mit Logo der Händel-Festspiele.
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Es wird Ihnen nicht leicht gefallen sein, die Händel-Festspiele wieder absagen zu müssen. Die Eröffnung war für den 28. Mai geplant. Gab es denn gar keine Hoffnung mehr, dass das Festival mit Tests und mit fortschreitenden Impfungen vielleicht doch noch stattfinden kann?

Der Intendant der Händel-Festspiele, Clemens Birnbaum, während einer Pressekonferenz zu den beginnenden Festspielen in Halle an der Saale.
Der Intendant der Händel-Festspiele, Clemens Birnbaum. Bildrechte: dpa

CLEMENS BIRNBAUM: Ich sag mal, die Hoffnung stirbt zuletzt, und unser Motto war seit letztem Jahr gewesen: Wir tun alles dafür, dass die Festspiele stattfinden können. Mit den Entwicklungen, die ab Mitte März eingesetzt haben, mit sehr hohen Infektionszahlen, insbesondere auch in Halle und in Sachsen-Anhalt, sowie mit den Herausforderungen durch behördliche Vorgaben, damit überhaupt Kulturveranstaltung stattfinden können, war die Ausrichtung des Festivals nach unserer Einschätzung nicht möglich. Denn das würde bedeuten, dass wir ungefähr 14 Tage vor Beginn der Festspiele eine Inzidenzzahl von unter 50 brauchen. Bei einer Inzidenz von 200, die wir jetzt hatten, ist es eigentlich nicht denkbar, dass die Zahl in der Kürze der Zeit so weit runter geht und dann noch stabil bleibt.

Es geht uns ja auch darum, dass wir unsere Besucherinnen und Besucher schützen wollen. Sie sagten international. Ja, unser Publikum ist eigentlich international. Wie international es in diesem Jahr durch die starken Einschränkungen gewesen wäre, kann ich gar nicht sagen. Es haben schon die ersten Ensembles abgesagt, die einfach die Einreisebestimmungen nicht einhalten konnten. Dasselbe beträfe vermutlich auch viele Besucher. Was wäre übrig geblieben, wenn wir weiter dran geblieben wären, außer einem wirtschaftlicher Totalschaden durch die Zusatzkosten, die wir hätten, um Schnelltest durchzuführen?

Bei dem Modellprojekt der Berliner Philharmoniker kam ja als ein Ergebnis heraus, dass man ungefähr 30 Euro pro verkauftem Ticket einplanen müsste, um die Schnelltest durchzuführen zu können. Das ist nicht eingeplant gewesen. Dazu noch die Absagen. Was wäre dann noch übrig geblieben von einem Festival, wenn vielleicht drei spielfreie Tage sind, weil die Ensembles aus Frankreich, aus England, aus Barbados, in der Karibik, aus Italien, aus Spanien und aus anderen Ländern einfach nicht einreisen könnten, weil es auf einmal ein Hochinzidenzgebiet ist, wie es jetzt Frankreich und ganz neu auch die Niederlande sind? Wer weiß, was in vier Wochen Hochinzidenzgebiet ist und was für Reisebeschränkungen gelten. Was wäre davon übrig geblieben? Und so gab es zusammen mit dem Kuratorium die Entscheidung, die Festspiele können zum Schutz der Besucherinnen und Besucher, zum Schutze auch der Musikerinnen und Musiker und auch des Personals der Stiftung Händel-Haus einfach unter den gegebenen Umständen nicht stattfinden.

Im vergangenen Jahr konnte die Stiftung Händel-Haus, also der Veranstalter der Händel-Festspiele, Anfang Juni immerhin einen „Händel-Day“ anbieten, mit einem 24-Stunden-Streaming und Live-Konzerten aus dem Händel-Haus in Halle. Unter anderem mit dem Countertenor Valer Sabadus und der Lautten Compagney Berlin. Wir kriegen das hin: So hieß das Motto damals, und in diesem Jahr gilt das Motto auch? Was wird es geben? Was ist geplant?

BIRNBRAUM: Das kann ich jetzt nicht sagen. Wir stehen gerade davor, die Absage zu realisieren. Und wir müssen sehen, was überhaupt möglich ist Ende Mai, Anfang Juni. Was gibt uns die Inzidenz, die Krankheitszahl? Welche Entwicklung nimmt die Pandemie? Es sind höhere Inzidenzwerte als im vergangenen Jahr. Die Situation ist verschärfter. Nicht nur die Bundeskanzlerin, sondern auch die Epidemiologen reden nicht nur von einer dritten Welle, sondern von einer neuen Epidemie oder Pandemie, die noch viel stärker eingreift.

Wir gehen davon aus, dass wir als internationales Musikfest auch nicht in irgendeiner Form stattfinden können. Dafür sind die Zahlen jetzt viel zu hoch und auch die Ansteckungsrisiken mit den ganzen Mutanten ist viel zu gefährlich. Es ist gerade frisch, habe ich gelesen, diese neue afrikanische Mutante aufgetreten, die extrem gefährlich sein soll. Wir müssen abwarten. Die Absage ist der erste Schritt, im nächsten können wir über weitere Pläne nachdenken. Mit hiesigen Partnern vor Ort, wie etwa der Oper Halle und der Staatskapelle, kann man dann darüber sprechen, was man vielleicht während der Festspielzeit von regionalen Künstlern für ein regionales Publikum anbieten kann – in welcher Form auch immer. Aber dafür müssen wir abwarten, was die Möglichkeiten uns bieten, und das ist jetzt viel zu früh.

Ob wir im digitalen Raum was machen, steht auch nicht fest. Gespräche sind angelaufen, vor allem, nachdem wir sehr positive Signale bekommen haben, sowohl von der Landesregierung als auch vom Bund, die uns ja unterstützen. Und auch ein Sponsor, die Ostdeutsche Sparkassenstiftung, die uns die Möglichkeit einräumen, einen Umwidmungsantrag zu stellen für mögliche digitale Formate. Fest steht für uns, dass wir aufgrund der Gefährdung nicht großartig Künstler nach Halle einladen werden, nicht den „Händel-Day“ machen.

Wenn, ist die Fragestellung, können wir an dem Ort der Künstler selber ein Streaming machen und das eventuell hineinstellen? Aber wie gesagt, das ist alles noch ungelegt, das sind nur Gedanken, die zumindest zeigen wir geben jetzt nicht total auf. Wir wollen Händel, nachdem in Karlsruhe und Göttingen unsere Freunde auch schon absagen mussten, in London ebenfalls, wenigstens ein bisschen was Händel zum Leben bringen. Und sonst drücken die Daumen unseren Göttinger Kollegen, dass im September dort die Händel-Festspiele stattfinden können.

So ein Barockmusik-Festival wie die Händel-Festspiele arbeitet mit vielen Spezial-Ensembles zusammen, die überwiegend aus freischaffenden Musikerinnen und Musikern bestehen. Fehlen Konzertangebote, heißt es ja möglicherweise auch, dass das ein oder andere Ensemble in seiner Existenz bedroht ist. Welche Konsequenzen hat das für die nachfolgenden Jahre? Auch was das Renommee der Händel-Festspiele betrifft?

BIRBAUM: Es geht gar nicht mal um die einzelnen Ensembles. Das klingt so etwas anonym. Es geht um die einzelne Musikerinnen und Musiker. Die sogenannten Solo-Selbständigen, und das ist existenzbedrohend. Ich kenne einige Musiker, die mittlerweile auch schon ihre Instrumente verkauft haben, weil es einfach ums Überleben geht. Welche Ensembles überleben werden, wissen wir alles nicht. Wir wissen auch nicht, welche Veranstalter es noch geben wird. Denn auch auf der Veranstalterseite sieht es nicht viel besser aus. Wir wissen auch nicht, wie es auf der Agenturseite aussieht. Das heißt, die Vermittler, mit denen wir ja auch regelmäßig zusammenarbeiten, wer wird davon noch überleben?

All diese Institutionen und Menschen haben ein Grundproblem, dass sie nämlich durch fast alle Förderraster fallen. Ich mache nur für uns selber ein Beispiel. Die Stiftung Händel-Haus ist eine privatrechtliche Stiftung, die aber in erheblichem Maße, nämlich vor allem von der Kommune, von der Stadt Halle, finanziert wird. In dem Förderprogramm, das der Bund aufgelegt hat – Neustart Kultur – ist das ein Ausschlusskriterium, weil wir mehr als 40 Prozent öffentlich gefördert werden. Das heißt, wir können nicht investieren in irgendwelchen Desinfektionsspender oder sonstiges. Wir können auch nicht investieren, beispielsweise, um zu überlegen, beschaffen wir uns Technik dafür, um einen Stream zu machen. Nein, wir müssen das alles aus dem eigenen Stiftungshaushalt finanzieren. Und bei eingebrochenen Eintrittserlösen ist das kaum möglich.

Ähnlich geht es den Agenturen, die ein ganz anderes Geschäftsmodell haben, als andere Wirtschaftsunternehmen. Und für die Solo-Selbständigen auch, wo es zwar immer wieder Versuche gibt, das will ich auch bewusst betont, von Seiten der Politik diese solo-selbständigen Künstler zu unterstützen. Aber häufig greifen die Modelle anscheinend nicht, denn ich höre von vielen Künstlern, die gesagt haben, ich kann keine Förderung beantragen, weil ich beispielsweise meine Altersrente, meine Altersvorsorge, erstmal aufbrauchen muss. Und das will ich nicht tun, weil ich verschiebe so nur mein Problem oder ähnliche Probleme, die dann vielleicht auftauchen. Da kann ich aber weniger zu sagen, das müssen die Künstler selber. Ich kriege das bloß mit, dass da auch wirklich große existenzielle Probleme sind.

Wie es in der Zukunft weitergeht – in einer Post-Corona-Zeit – das müssen wir wirklich sehen, momentan denkt keiner drüber nach. Wir wissen, dass ein ganz großer Teil Kommunal finanziert ist von der Kultur. Und da gibt es den so genannten Begriff der „freiwilligen Leistungen“. Und wenn die nicht mehr durchgeführt werden können und es keine Unterstützung von Land und Bund gibt zur Kompensation, wird es schwer werden für die Kultur.

Zweimal mussten die Händel-Festspiele wegen Corona abgesagt werden. Vor ein paar Jahren fiel das Festival auf Grund von Hochwasser buchstäblich ins Wasser. Als Intendant sind Sie da durchaus Leid erprobt, sage ich mal vorsichtig. Was nimmt man mit aus solchen Erfahrungen? Wie behalten Sie sich da die Energie, die Kraft, trotzdem positiv auch auf das kommende Jahr zu schauen, um vielleicht auch eine neue Ausgabe zu organisieren?

BIRNBAUM: Letztendlich ist es die Reaktion von allen Partnern, Beteiligten, Zuschauern, die an uns eingehen. Nachdem wir jetzt das verkündet haben, auch auf den sozialen Netzwerken, kam die Reaktion: „Bedauerlich, aber bleibt dran!“ Aber auch von unseren Sponsoren, von Landespartnern oder auch vom Bund und von der Stadt: „Unausweichlich, aber halt den Kopf hoch!“. Also wir haben ja auch einen Auftrag weiterzumachen. Und das gibt den Mut.

Und das braucht man auch dann in dem Moment wahrscheinlich, wenn man selber sehr schwarz in die Zukunft blickt.

BIRNBAUM: Schwarz blicke ich nicht in die Zukunft. Ich denke, dass eine große Kulturnation, wie die Bundesrepublik Deutschland, die Kultur nicht aufgeben wird. Wir müssen daran arbeiten – und zwar gemeinsam mit allen Vertretern, mit der Gesellschaft. Und die Reaktionen zum Beispiel jetzt auf die Absage zeigt ja, dass sowohl von der öffentlichen Seite als auch von privater, aus Sponsoring-Bereichen, bis hin zu den einzelnen privaten Menschen, die Tickets gekauft haben, also den Besuchern, die Bereitschaft da ist, das nicht aufzugeben. Und es ist eine große gesellschaftliche Aufgabe, dass wir gemeinschaftlich in die Zukunft blicken müssen. Ich sehe da nicht schwarz. Wenn ich die Reaktion ansehe, macht es eigentlich Mut, weiter voranzugehen. Aber wir müssen das Problem lösen. Das ist richtig.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 09. April 2021 | 07:40 Uhr