"Sozialprojekt" Leipziger a cappella-Ensemble feiert Jubiläum: "amarcord ist ein riesiges Sozialprojekt"

amarcord – das bedeutet im Dialekt der Emilia-Romagna "Ich erinnere mich". Und die fünf Sänger des a cappella-Ensembles Amarcord können sich an viel erinnern: Vor 30 Jahren haben sie nach ihrer Zeit im Leipziger Thomanerchor zusammengefunden. Erst nach vielen Erfolgen wurde die Musik für sie zum beruflichen Mittelpunkt. Das Quintett begründete das internationale a cappella-Festival in Leipzig und reiste selbst durch die Welt. Und: Es gibt noch genug Pläne für die Zukunft.

Fünf Männer in schwarzen Hemden stützen sich lässig aufeinander ab und schauen in die Kamera.
Bildrechte: Martin Jehnichen

30 Jahre amarcord – das heißt für mich als Musikjournalistin: Es gibt zahlreiche Manuskripte in meinem Archiv über dieses Ensemble, seine CDs und die a cappella-Festivaljahrgänge. Zum zehnjährigen Jubiläum beispielsweise kam gerade die neue, vierte CD "And so it goes" raus. Für den Vorgänger wurden die fünf Sänger mit dem Contemporary A Cappella Recording Award 2002 ausgezeichnet. Komponisten wie Marcus Ludwig schrieben Auftragswerke für das Ensemble. "Das einfach nur von Anderen attestiert bekommen, ist auch schön", erinnert sich amarcord-Bass Daniel Knauft an die Fortschritte.

Weil alle Zeichen auf Erfolg standen, traute sich das Ensemble dann den große Schritt von der Hobbysingerei zu Berufsmusikern: "Ohne diese tiefe innere Überzeugung ist man, glaube ich, auch nicht bereit, eine Durststrecke gemeinsam durchzustehen, sich jahrelang harten Probenmaßnahmen zu unterziehen, bis man dann irgendwann merkt: Das ist wirklich eine Welt, die sich hier auftut und das Arbeiten hat sich gelohnt", so Knauft. "Das war tatsächlich ein magischer Schritt, den wir gegangen sind. Da musste Vieles passieren, da musste Wolfram dazukommen und sich eine Besetzung irgendwie rausmendeln, die dann auch gesagt hat: Okay, wir sind soweit. Wir werfen den Hut in den Ring."

Wurzeln im Leipziger Thomanerchor

Rausgemendelt, wie Daniel Knauft das so schön nennt, hat sich diese Besetzung tatsächlich aus anfänglich sechs amarcord-Sängern, die allesamt ihre Wurzeln im Leipziger Thomanerchor haben. Nach einigen Umbesetzungen und der Reduktion auf fünf Stimmen sind immer noch drei Gründungsmitglieder dabei: Frank Ozimek, Holger Krause und Daniel Knauft, die sich an das allererste Konzert 1992 im geschichtsträchtigen Leipziger Gästehaus am Park erinnern – nicht ohne mit Schmunzeln darauf hinzuweisen, dass das Gebäude danach unter Denkmalschutz gestellt wurde. Das ist typisch amarcord: Ein gemeinsamer Humor, der sie trägt, der Situationen am Kipppunkt auffängt, der auch nach herausragenden Leistung nie abheben lässt und der vor allem diese urtümliche Freude und Lust am gemeinsamen Musizieren erhält.

Die fünf Sänger von Amarcord posieren für ein Gruppenfoto im Foyer der Leipziger Oper.
Wenn immer es um Gesang in Leipzig geht, wie beim Chorfest, dann ist Amarcord dabei. Bildrechte: Nick Begbie

"amarcord ist eigentlich ein riesiges Sozialprojekt", erklärt Knauft, "bei dem auch Konzerte und Auftritte mit stattfinden, aber eigentlich ist es diese Gemeinschaft von fünf Jungs, die langsam zu Männern herangereift sind und die Anteil am Leben des Anderen nehmen." amarcord versteht sich also durchaus wörtlich als Klang-Körper. Die fünf Sänger, zu denen in der aktuellen Besetzung auch die beiden Tenöre Wolfram Lattke und Robert Pohlers gehören, fühlen sich als gemeinsamer Organismus.

Das ist nicht nur Freundschaft und Kollegialität. Das geht weit darüber hinaus und das ist, glaube ich, auch das Geheimnis, warum es uns nach 30 Jahren immer noch gibt.

Daniel Knauft, Bass bei Amarcord

Verbindende Kraft von Musik und Gesang

Und von diesem "Sozialprojekt" haben tausende Menschen etwas – Jahr für Jahr im Frühling, wenn das Internationale a cappella-Festival Vokalmusik-Fans nach Leipzig zieht. Ursprünglich war es zum fünfjährigen amarcord-Bestehen eine Art Geburtstagsgeschenk an sich selbst, befreundete Gruppen zum gemeinsamen Musizieren einzuladen. Heute ist dieses Herzensprojekt längst aus den Kinderschuhen herausgewachsen.

In 22 Festival-Jahrgängen hat amarcord als Gastgeber nicht nur grundsätzlich das Eröffnungs- und im Abschlusskonzert gesungen, sondern vor allem a cappella-Gruppen aus aller Welt präsentiert – eine immense Bandbreite an Vokalmusik-Stilen, berühmte Ensembles, Geheimtipps und Newcomer in allen Genres. Der Nachwuchs wurde im angeschlossenen a cappella-Wettbewerb mit Workshops und Masterclasses auf die Bühne begleitet.

So ein Engagement hat auch Strahlkraft über die Stadtgrenzen hinaus, findet Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung und hat dabei auch ganz eigene Erinnerungen an das 20-jährige Jubiläum: "Ich hab 'Blackbird' singen dürfen mit amarcord – unvergesslich. Dieses Ensemble ist so frisch, so jung. Mich fasziniert wirklich die absolute Exzellenz, die Professionalität im a cappella-Gesang. Das zu verbinden mit einem großen Festival, ist so eine wunderbare Ergänzung zur Gesamtkultur, das man nur sagen kann: Herzlichen Glückwunsch. Bitte macht 30 Jahre weiter und bleibt so jung und so frisch wie jetzt."

Viele Pläne beim Ensemble amarcord

Nach mittlerweile ungefähr 2.500 Auftritten in mehr als 50 Ländern, 30 CDs und eben 22 a cappella-Festivals in Leipzig ist amarcord heute tatsächlich primus inter pares. Die Corona-Zeit hat das Ensemble noch enger zusammengeschweißt und zudem die glücklicherweise abgeschlossenen Hochschulkenntnisse reaktivieren können. Einer der Männer arbeitete zeitweise als Lehrer, Daniel Knauft als Impfarzt.

Fünf Männer stehen um einen Tisch im Halbkreis. Auf dem Tisch liegen mittelalterliche Noten. Die Männer sind Sänger.
Amarcord singt gerne Alte Musik mit einem frischen und heutigen Klang. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Nun geht es mit neuer Kraft weiter, erzählt der Bass: Es gäbe tatsächlich noch weiße Flecken auf der amarcord-Weltkarte: In Südamerika, in Afrika und "meterweise Musikbibliotheks-Regale, die noch zu erforschen sind", meint Knauft. "Da wird mir langsam ein bisschen weh ums Herz, weil ich merke: Das schaffen wir auf jeden Fall nicht mehr. Das müssen wir dann doch den Nachfolgern überreichen. Aber die Ideen gehen nicht aus und das ist auch ein schönes Gefühl, weil immer wieder neue Programme entstehen, wir zu jedem a cappella-Festival in Leipzig ein neues Programm präsentieren – und so dreht sich auch für uns die a cappella-Welt weiter."

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 21. Juli 2022 | 07:10 Uhr

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