Stereotype und koloniale Geschichte Leipziger Musiktheaterprojekt hinterfragt Verdis "Aida"

„Aida“ von Giuseppe Verdi gehört zu den beliebtesten Opern und ist fester Bestandteil des Kanons. In Weimar hat die neue Operndirektorin Andrea Moses das Stück für ihre erste Inszenierung gewählt. Daran erzählt sie auch die problematische Geschichte von Kolonialismus und Beutekunst. Ein Musiktheaterprojekt aus Leipzig sieht die Oper selbst als problematisch und nimmt die Geschichte auseinander. Thilo Sauer hat mit dem Team über das Projekt gesprochen.

Ayda in Leipzig: In der Kammeroper "Radames" probt ein Sänger (Chen-Han Lin) eine Szene aus Verdis "Aida" und wird dabei von einem Filmregisseur (Hana Hazem) drangsaliert.
Szenenbild aus der Premiere Bildrechte: Miguel Cornejo

Die Performance-Künstlerin Neam Tarek erklärt den Auslöser des Projekts "Ayda":

Ayda in Leipzig: Performance-Künstlerin Neam Tarek
Performance-Künstlerin Neam Tarek Bildrechte: Miguel Cornejo

Die Themen von „Aida“ sind da. Verdi hatte bestimmte Personen um sich versammelt, um dieses Werk zu komponieren und zu schreiben über Ägypten und mit Figuren of Colour, wovon er keine Ahnung hatte. Wie die Inszenierung von „Aida“ in den normalen Kulturinstitutionen noch heute gestaltet wird, unter anderem mit dem Blackfacing unter anderem, ist sehr problematisch. Diese Probleme waren da und wir mussten nur suchen.

Deswegen haben Neam Tarek und der Dirigent Damian Ibn Salem das Musiktheaterprojekt „Ayda“ begonnen. Dafür haben sie Menschen in ihr Ensemble geholt, die ebenfalls nicht weiß sind. Ein Thema war der Suezkanal. Dass darüber unterschiedliche Geschichten erzählt werden – ist er europäische Machtdemonstration oder Zeichen für ägyptische Stärke?  – hat anfangs auch für Reibung gesorgt. Das sollte auch Teil des Konzepts sein, erklärt Neam Tarek:

Am Ende sind wir an einen Punkt gekommen, dass wir entschieden haben, diese verschiedenen Perspektiven und Wahrheiten der Geschichte mitzuinszenieren.

Darstellung von Frauen in der Oper

Ayda in Leipzig: Hana Hazem und Farah als Radames und Ayda.
Bildrechte: Miguel Cornejo

In dem Projekt „Ayda“ wird das Publikum durch das Leipziger Museum der bildenden Künste geführt. Auf den unterschiedlichen Etagen und in den einzelnen Räumen werden verschiedene Szenen gezeigt. Dafür hat sich das Team zunächst wie bei einem Steinbruch an Motiven und Momenten in Verdis „Aida“ bedient, die Musik wird verfremdet und der Inhalt mit Texten und Videoinstallationen erweitert. Den Abschluss bildet dann die Kammeroper „Radames“ von Peter Eötvös. Am Anfang der Inszenierung versammeln sich mehrere Aydas im oberen Stockwerk, die für die verschiedenen Darstellungsformen von Verdis Aida stehen. So will Neam die Darstellung von Frauen in der Oper thematisieren.

Mir persönlich waren die stereotypischen Frauenbilder wichtig. Ich bin als ägyptische Frau auch betroffen wenn wir Frauen of Colour meist halbnackig auf der Bühne dargestellt werden – auch jetzt in den zeitgenössischen Inszenierungen in Europa.

Kolonialismus und kulturelle Aneignung

Ein Stockwerk darunter geht es um den Kolonialismus, der bis heute wirkt. Ein Thema, das seit einiger Zeit in Deutschland viel diskutiert wird. Aber für Damian Ibn Salem reicht das noch nicht aus.

Es ist auf jeden Fall eine Debatte, aber es ist total oberflächlich, wie das geführt wird. Man beschäftigt sich damit, geht aber gar nicht an die Strukturen ran.

Für Damian geht es auch um kulturelle Aneignung: Dass Verdi sich beispielsweise von ägyptischer Musik inspirieren ließ, um eine eigene Version eines musikalischen Ägyptens zu schreiben – ohne die Kultur genauer zu kennen. Um dem etwas entgegenzusetzen, ist in der Inszenierung Musik von Sayed Darwish zu hören – einem der wichtigsten Komponisten Ägyptens und ein Zeitgenosse von Verdi.

„Radames“ von Peter Eötvös

Ayda in Leipzig
Szenenbild aus Ayda Bildrechte: Angelos Hess

Zum Schluss geht es ins Erdgeschoss und zum Ursprung des Projekts: hier wird das Stück „Radames“ von Peter Eötvös aufgeführt. Die Kammeroper ist eine scharfe Parodie auf den Opernbetrieb: Drei Regisseure reden auf einen Darsteller ein, der gleich beide Hauptrollen übernehmen muss. Das Stück ist ein sarkastischer Kommentar auf den Sparzwang im Kulturbetrieb, zeigt aber auch das Machtgefälle, das in der Opernwelt vermutlich besonders stark ausgeprägt ist.

Der Ort inspiriert das Stück

Wie schwer sich die Institution Oper mit Veränderung tut, zeigt sich laut Team auch daran, dass das Projekt eben nicht in einem Theaterraum, sondern in einem Ausstellungsraum stattfindet. Doch das Ensemble hat sich von der Größe der Räume inspirieren lassen. Das erzählt auch Hana Hazem, der unter anderem Radames verkörpert. Er studiert an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst und baut sich aktuell eine neue Karriere als Performer auf.

Ayda in Leipzig: Hana Hazem
Performer Hana Hazem Bildrechte: Miguel Cornejo

Ich habe Jura an der Uni in Damaskus studiert und habe vier Monate als Anwalt gearbeitet. Ich stand im Gericht in Damaskus und versuchte, stark zu sein und meine Meinung zu äußern. Und ich versuche gerade meinen damaligen Charakter auf der Bühne zu zeigen.

Vielfältige Bedeutungsebenen der Hauptfiguren

Ayda in Leipzig: In der ersten Szene zieht Radames (Hana Hazem) ein und singt "Ana El Masry" (übersetzt "Ich bin Ägypter") von Sayed Darwish.
Bildrechte: Miguel Cornejo

Denn im Musiktheaterprojekt „Ayda“ geht es auch um das Bild des starken Mannes, das in unserer Gesellschaft immer noch herrscht. Für Neam Tarek stehen vor allem die vielfältigen Bedeutungsebenen der Hauptfiguren im Zentrum.

Aida ist Radames und Radames ist Aida für mich. Das ist eine Seele und sie drückt sich manchmal in einer Position aus, wo sie das Publikum um Mitgefühl bittet, manchmal in einer Hinterfragung und einer kritischen Position und manchmal als die Verliebte, manchmal die Starke, manchmal die Traditionelle. Alles ist eins für mich.

Neam Tarek liebt die Oper. In „Ayda“ will sie gemeinsam mit Damian Ibn Salem Oper und Performance-Kunst verbinden, um mehr Freiräume zu ermöglichen.

Aufführungen Premiere am 8.11. 20 Uhr | 27 & 28.11. 19 Uhr im Museum der bildenden Künste Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 08. November 2021 | 07:43 Uhr

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