Buchbesprechung Alles bleibt anders: 200 Jahre Konzerthaus Berlin als Graphic Novel

Wer auf der riesigen Freitreppe des Berliner Konzerthauses steht und auf den Gendarmenmarkt hinunterblickt, fragt sich vielleicht, wer hier auch schon gestanden haben könnte: Der Architekt Carl Friedrich Schinkel – in Baupläne vertieft? Marlene Dietrich, übernächtigt nach einer Party? Doch das Haus hat auch Revolution, Krieg und Zerstörung erlebt. Vor zweihundert Jahren wurde es eröffnet. Zum Jubiläum hat das Konzerthaus eine Graphic Novel in Auftrag gegeben.

Gezeichnete lebhafte Szene mit Berliner Konzerthaus im Hintergrund.
Das Konzerthaus Berlin wird u.a. aus der immer gleichen Perspektive mit wechselndem geschichtlichen Umfeld gezeigt. Bildrechte: avant-verlag

Eigentlich begann die Geschichte des Königlichen Schauspielhauses und heutigen Konzerthauses Berlin schon 1817. Vor 204 Jahren nämlich wurden die Voraussetzungen für den klassizistischen Prunkbau am Berliner Gendarmenmarkt geschaffen: Das Vorgängergebäude brannte ab. Gehalten hatte das Königliche Nationaltheater des prominenten preußischen Architekten Carl Gotthard Langhans nur fünfzehn Jahre.

Die Graphic Novel schildert den Brand aus der Perspektive des Dichters und Komponisten Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der gleich auf der anderen Straßenseite des Theaters wohnte. Kurz zuvor war seine Oper Undine hier aufgeführt worden. Nun verbrannten die gefeierten Kulissen, die Carl Friedrich Schinkel für Hoffmanns Oper gebaut hatte. Der gleiche Schinkel übrigens, der nach den Löscharbeiten vom König mit dem Bau eines neuen Schauspielhauses beauftragt wurde.

Immer gleiche Perspektive, immer andere historische Vorzeichen

Vier Jahre später wurde das neue Haus eröffnet. Die Uraufführung von Carl Maria von Webers Freischütz war im Juni 1821 der erste große Opernerfolg am Königlichen Schauspielhaus. Die Graphic Novel zeigt die gruselige Wolfsschlucht-Szene mit den Jägersburschen Kaspar und Max beim Gießen der teuflischen Freikugeln.

Repräsentatives Gebäude mit Säulen und Treppen, beleuchtet bei Nacht am Gendarmenmarkt in Berlin
Sieht auch in echt schön aus: Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt Bildrechte: IMAGO / Eibner

Vom Berliner Schauspielhaus aus wurde der Freischütz, samt Polemik gegen die italienische und französische Oper, zur deutschen Nationaloper. Auch zukünftig war das Schauspielhaus Mittelpunkt einer politisierten Bürgerstadt. Zeichner Felix Pestemer zeigt den Zug der 183 Särge – Menschen, die im März 1848 während der bürgerlichen Revolution in Berlin vom Militär erschossen worden waren und anklagend über den Gendarmenmarkt getragen wurden. Eine Bilderserie des Bandes zeigt den Platz immer wieder in der gleichen Perspektive, aber unter wechselnden historischen Vorzeichen. Unmittelbar nach Kriegsende 1945 zum Beispiel wurde der Gendarmenmarkt vor dem zerbombten Schauspielhaus als Kartoffelacker genutzt – drei Jahre später allerdings bereits als Plattform für ein Freiluftspektakel mit rund vierzigtausend Zuschauern, das von der Roten Armee für die kulturdurstigen Berliner veranstaltet wurde.

Doppelseite im Graphic-Novel-Stil. In Brauntönen, Figuren, Sprechblasen, das Konzerthaus von innen
Bildrechte: avant-verlag

Zeichner Pestemer hat hierfür eine Szene aus dem DEFA-Dokumentarfilm Botschafter des Friedens in einem Bild festgehalten: Berliner Jugendliche sind auf das Portal der Schauspielhaus-Ruine geklettert und blicken neugierig von oben auf den Gendarmenmarkt.

Starke Darstellung der Veränderung oder Marketingprodukt?

Danach wurde es noch einmal still um das Schauspielhaus – für sehr viele Jahre. Es war ein aus der Zeit gefallener Ort, aus dem Dach der Ruine wuchsen Birken. In der Darstellung solch örtlicher Veränderungen ist der Zeichner Pestemer stark – weniger stark ist er bei der Darstellung von Situationen und da, wo wirklich die Fantasie des Künstlers jenseits bildlicher Quellen gefordert ist. Die Gewerke zu zeigen, die aus der ganzen DDR zum Wiederaufbau des Schauspielhauses als Konzerthaus Anfang der 1980er Jahre zusammenkamen, ist eine gute Idee. Doch die handelnden Personen wirken holzschnittartig, die erfundenen Dialoge betulich. Die Physiognomie von Leonard Bernstein, der 1989 im Schauspielhaus die Ode an die Freiheit anstimmen ließ, ist allbekannt – in Pestemers Zeichnung ist der legendäre US-Dirigent aber kaum zu erkennen. So sinkt die Graphic Novel zuweilen zu einem mittelmäßigen Marketing-Produkt des heutigen Konzerthauses herab – das Haus am Gendarmenmarkt aber hat seine geschichtliche Kraft aus sich selbst heraus längst entfaltet.

Buchcover mit gezeichnetem Konzerthaus und Musiker mit Streicherkoffer auf Rücken und flanierendes Paar
Bildrechte: avant-verlag

Zum Buch Die Graphic Novel "Alles bleibt anders – das Konzerthaus Berlin und seine Geschichten" von Felix Pestemer erschien im avant-verlag.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 05. Mai 2021 | 07:43 Uhr