Musikpädagogik Maria Leo - Pionierin der modernen Musikpädagogik

An den staatlichen Musikschulen in Deutschland darf nicht jeder unterrichten. Lehrerinnen und Lehrer müssen ihr Fach, egal ob Tuba, Klavier oder Bağlama, an einer Musikhochschule studiert haben. Und sie müssen gelernt haben, Schüler im Musizieren zu unterrichten. Grundlegende Ideen zu dieser musikpädagogischen Ausbildung stiftete vor über hundert Jahren die Pianistin Maria Leo. Anna-Christine Rhode-Jüchtern legt nun eine erste Biografie dieser „Pionierin einer neuen Musikpädagogik“ vor.

Porträt der Pianistin und Pädagogin Maria Leo
Bildrechte: Olms-Verlag

Berlin im Oktober 1904. Im Berliner Reichstagsgebäude findet der erste musikpädagogische Kongress statt. Das Eingangsreferat hält eine junge Frau. Maria Leo, Tochter eines Kaufmanns und einer Klavierlehrerin, ist zu diesem Zeitpunkt dreißig Jahre alt. Sie ist Pianistin, weiß aber, dass ein Armleiden sie an einer vielversprechenden Karriere hindern wird. Sie hat noch andere Interessen: „Die Pädagogik als Lehrgegenstand im Musiklehrer-Seminar“ – diesen Titel gibt Maria Leo ihrem Vortrag.

Der Schwerpunkt lag dabei sowohl auf psychologischer als auch auf musikwissenschaftlicher und pädagogischer Ausbildung. Das war absolut neu.

Anna-Christine Rhode-Jüchtern

Besonders Klavier wird im späten neunzehnten Jahrhundert massenhaft unterrichtet, denn es gilt als Voraussetzung für den Aufstieg ins Bürgertum. Um zu unterrichten, genügt es in der Regel, das Instrument spielen zu können, und das nicht einmal besonders gut. Es sind vor allem Frauen, die privaten Instrumentalunterricht erteilen und selbst kaum mehr ein paar leichte Stücke zu spielen vermögen.

Unter dem Einfluss der Reformpädagogik

Maria Leo ist klar, dass die Verbesserung der Lebensbedingungen der Musiklehrenden und die Verbesserung der Standards ihres Unterrichts einander bedingen. Dabei stützt sie sich auf die Erkenntnisse der brandneuen Reformpädagogik und redet den versammelten deutschen Musikpädagogen und -pädagoginnen im Reichstagsgebäude ins Gewissen.

Man muss sich vorstellen: riesiger Saal, gefüllt mit all den ehrenwerten Leitern der wichtigsten Berliner Konservatorien, hauptsächlich Männer. Und dann steht da eine Frau und sagt: Wenn ihr in Zukunft Musiklehrer sein wollt, dann müsst ihr darauf achten, dass ihr die Kinder mitnehmt. Dass ihr euch darum kümmert, wie die Kinder beschaffen sind, wie sie denken, wie sie strukturieren. Wenn ihr das nicht tut, seid ihr nicht berechtigt, ihnen so und so viele Stunden ihres Lebens zu rauben. Die Reaktion war entsprechend.

Anna-Christine Rhode-Jüchtern

Maria Leos Forderungen an die Musikpädagogik werden totgeschwiegen. Sie selbst arbeitet jedoch an den Zielen, die sie formuliert hat. 1911 gründet sie in ihrer Privatwohnung in Berlin-Schöneberg das erste musikpädagogische Seminar für Frauen deutschlandweit und hat regen Zulauf. Sie bindet Erkenntnisse der modernen Psychologie und Pädagogik in ihre Musikseminare ein. Mit besonderer Begeisterung gibt sie die Methode der relativen Solmisation weiter – die sogenannte Tonika-Do-Methode, die sie selbst 1906 kennengelernt hatte.

Mit ihrem Musikseminar wird Leo zur Wegbereiterin der Kestenberg‘schen großen Reform des Musik- und Instrumentalunterrichts in der Weimarer Republik. Leo Kestenberg ist seit 1919 Musikreferent im preußischen Bildungsministerium. Die staatlichen Seminare für angehende Musikpädagogen und -pädagoginnen gelten als wesentlicher Baustein seiner Reform.

Leos Ideen verbreiten sich im Reich

Maria Leo hat ihr Seminar aufgrund der engen Zusammenarbeit innerhalb der Frauenverbände in sechs verschiedene Seminare des Reichs verbreiten können. Das heißt, diese arbeiteten nach ihrem Prinzip. Und als 1925 die neue Prüfung für private Instrumentallehrer eingeführt wurde, waren diese sechs Seminare sofort in der Lage, die Abschlussprüfung zu absolvieren, weil: Es waren dieselben Strukturen, die Maria Leo vorgegeben hatte. Es ist ihr an keiner Stelle von Kestenberg einmal ein Lob dafür ausgesprochen worden. Das hat er nicht geschafft.

Anna-Christine Rhode-Jüchtern

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 ist der Anfang vom Ende der musikpädagogischen Bemühungen Maria Leos. Als Jüdin wird ihr das Leben und die Arbeit zunehmend erschwert. Im Alter von 68 Jahren begeht sie 1942 in ihrer Berliner Wohnung Selbstmord – kurz bevor sie ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert werden soll. Nach dem Krieg wird die pädagogische Ausbildung an deutschen Musikhochschulen nicht mehr mit ihrem Namen in Verbindung gebracht. Und doch gehen entscheidende Elemente dieser Ausbildung bis heute auf Maria Leo zurück.

Buchcover
Bildrechte: Olms-Verlag

Anna-Christine Rhode-Jüchtern: Maria Leo (1873-1942) - Pionierin einer neuen Musikpädagogik Olms-Verlag 2021
446 Seiten
ISBN 978-3-487-16050-4

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 04. Januar 2022 | 09:10 Uhr

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