Chorfest 2022 Zukunft der Chorszene: "Corona war schon ein Aderlass"

Singen kann lebensgefährlich sein – diese schmerzliche Tatsache hat das Coronavirus deutlich gezeigt. Und das war umso schmerzlicher, als das Singen ja unter normalen Umständen lebensförderlich ist – es entkrampft, es entlastet von Sorgen und es weitet die Lunge. Jetzt darf zum Glück wieder gesungen werden, im Moment ausgiebigst beim Deutschen Chorfest in Leipzig. Aber ist nun alles wieder wie vorher? MDR KLASSIK über die derzeitige Situation der Chorszene in Deutschland.

Sängerinnen und Sänger verschiedener Chöre aus Annaberg-Buchholz, Zwickau und Stollberg eröffnen mit einem Festkonzert auf dem Marktplatz in Leipzig das Deutsche Chorfest
Wie geht es der Chorlandschaft aktuell und wie blickt sie in die Zukunft? MDR KLASSIK hat sich umgehört. Bildrechte: dpa

Die vergangenen zwei Jahre waren schwere Zeiten für Chöre, dessen ist sich Veronika Petzold, die Geschäftsführerin des Deutschen Chorverbandes, bewusst. Sie muss es wissen, denn sie steht einem Verband vor, der rund 15.000 Chöre mit insgesamt einer Million Sängerinnen und Sänger umfasst.

Gesangsensemble Chor Beau
Der "Chor Beau" hat in der Corona-Zeit viele Mitglieder verloren. Bildrechte: Edmund Zuber

Vielen fehle der altgewohnte Mut, wieder beisammen zu sein und in der Gruppe zu singen, vermutet Petzold. Sichtbar wird das beim "Chor Beau", einem deutsch-französischen Chor aus Leipzig, der in der Corona-Zeit um mehr als die Hälfte geschrumpft ist.

Vor der Corona-Pandemie waren immer um die 50 Leute bei den Proben, mal mehr, mal weniger – und jetzt sind wir froh, wenn 20 kommen – das war auf jeden Fall ein Aderlass!

Susanne Siemund, Vorsitzende "Chor Beau"

Mutlosigkeit, mangelnde Bindungsbereitschaft und Infrastrukturprobleme

Viele Chöre habe man in der Pandemie verloren, stellt Veronika Petzold vom Deutschen Chorverband fest. Neben einem Mitgliederrückgang und einer gewissen anhaltenden Vorsichtshaltung exisitereten noch viele Ängste: "Aber in anderen Punkten sind auch Entwicklungen, die sowieso schon im Gang waren, nur beschleunigt worden", sagt Petzold.

Corona als Katalysator sozusagen. Chöre, die schon vor der Pandemie beispielsweise ein Problem mit Überalterung hatten, spüren das jetzt so stark, dass es womöglich an die Substanz geht. Und es gibt laut Petzold noch mehr Probleme: "Wir haben Änderungsprozesse, was die Bindungsbereitschaft von Menschen anbelangt. In vielen Regionen ist es einfach auch schwer, einen Chor zu unterhalten, wenn der Bus abends nicht fährt, wenn sozusagen die Rahmenbedingungen nicht stimmen oder man keinen Chorleiter findet."

Hilfe für den Neuanfang im Internet

Es braucht in vielen Punkten einen Neuanfang, davon ist Petzold überzeugt. Und damit dieser Neuanfang gelingen kann, gibt es in der Chorszene eine ganze Reihe von Projekten. So bietet der Bundesmusikverband Chor & Orchester, zu dem auch der Deutsche Chorverband gehört, ganz konkrete Hilfe für den Neustart an. Auf der Internetseite frag-amu.de, miterarbeitet von Lorenz Overbeck, finden Chorleiterinnen und Chorleiter Antworten auf alle derzeit wichtigen Fragen. Denn Corona ist ja noch nicht vorbei. Entwickler Overbeck erklärt, welche Fragen auf der Seite beantwortet werden:      

"Wie kann ich z.B. ein Hygienekonzept umbauen? Wie kann ich in den Herbst gehen, meine Probenarbeit fortsetzen oder wiederbeginnen? Es gibt eine ganz große Sammlung von Praxisbeispielen, die mit Videos verlinkt sind, wo genau beschrieben wird, welche Methoden eingesetzt werden können."

Problem in Kinder- und Jugendchören: Nachwuchsmange

Ein wichtiges Thema ist auch der fehlende Nachwuchs in Kinder- und Jugendchören. Bei den Thüringer Sängerknaben an der Johanneskirche in Saalfeld hat Corona ein großes Loch geschlagen, bedauert Kantor Andreas Marquardt. Er konnte für die Nachwuchssuche nicht in die Schulen gehen.

Uns fehlt mindestens ein kompletter Jahrgang! Das fällt natürlich bei einem Knabenchor besonders auf, denn die Jungs kriegen ja irgendwann ihren Stimmwechsel.

 Andreas Marquardt, Leiter der Thüringer Sängerknaben

So gibt es bei den Thüringer Sängerknaben im Moment ein Mißverhältnis zwischen Männer- und Knabenstimmen.

Thomaskantor Andreas Reize und der Thomanerchor
Kann endlich wieder auftreten, auch auf dem Chorfest 2022: Der Thomanerchor Leipzig. Bildrechte: dpa

2022 – das Jahr der Chöre

Die Chorverbände haben also derzeit etliche Baustellen zu bewältigen. Aus diesem Grund haben Sie das Jahr 2022 zum "Jahr der Chöre" erklärt. Der erste Höhepunkt ist nun das Deutsche Chorfest in Leipzig. Aber es sind noch weitere Aktionen geplant. So gibt es eine Chorkarte auf der Internetseite des Deutschen Chorverbandes, auf der sich jeder Chor, jedes Vokalensemble, jede Gruppe, die gern und regelmäßig singt, eintragen soll, um so die Chorlandschaft sichtbar zu machen.

Mehr zum Deutschen Chorfest in Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 27. Mai 2022 | 07:10 Uhr

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