Sächsischer Musikrat Projekt "Stille Orte" zeigt unfreiwillig verstummte Musizierende

In Konzertsälen und Musikschulen ist es still – seit nunmehr einem Jahr. Für Musikerinnen und Musiker ist das unerträglich. Damit die unfreiwillig Verstummten nicht in Vergessenheit geraten, hat der Sächsische Musikrat das Projekt „Stille Orte“ initiiert.

Die Kamera schwenkt über einen menschenleeren Probenraum. Braune Polsterstühle sind im Halbkreis angeordnet. Davor stehen leere Notenpulte. Kein Laut ist zu hören. Bis ein junger Mann ins Bild kommt, seine Trompete ansetzt.

In Bad Lausick ist alles verstummt

Hier bei der Sächsischen Bläserphilharmonie in Bad Lausick proben normalerweise bis zu 30 Holz- und Blechbläser und geben Konzerte. Nun steht Linus Krimphove allein auf weiter Flur und fängt an zu erzählen.

Musik ist für mich Lebensinhalt. Es ist das, was ich am liebsten mache. Ich vermisse es besonders, mit den Kollegen zusammen zu spielen, zum Dienst zu fahren. Diese Routine. Das Musikmachen. Das Spielen mit anderen Leuten – das fehlt mir am meisten.

Damit steht Krimphove exemplarisch für viele Musizierende, die seit Monaten von Corona ausgebremst werden, nicht nur finanziell. Das Projekt "Stille Orte" gibt ihnen Raum, sich den Frust von der Seele zu reden und nach Monaten der Stille, wieder wahrgenommen zu werden, sagt Projektleiterin Lena Thalheim:

Wir wollen unseren Mitgliedern eine Stimme geben, gerade jetzt wo viele nicht mehr so medienpräsent sind oder bei vielen Leuten einfach langsam aus dem Bewusstsein raus gestrichen werden und haben uns gewünscht, dass die Leute die teilnehmen, uns einfach erzählen, was sie gerade beschäftigt. Damit sie bei uns Gehör finden und eben auch in der breiten Masse.

"Stille Orte" porträtiert Musikerinnen und Musiker in kurzen Clips

17 Ensembles und Verbände machen mit. In einem vier- bis sechsminütigem Clip erzählen sie ihre Geschichte. Die Videos sollen bis Mitte April nach und nach auf der Internetseite des Sächsischen Musikrats veröffentlicht werden.

Der Film von Laura Wasniewski ist bereits online. Die Leipziger Jazzpianistin und -Sängerin hockt auf dem Boden. Neben ihr Türme aus aufeinander gestapelten Stühlen, die auf ein Publikum warten, das nicht kommen darf.

Nun sitz ich hier an diesem stillen Ort, fühl mich nicht ganz wohl in meiner Haut. Es fällt mir nach Monaten der Zwangsabstinenz noch schwer zu behaupten, ich sei Jazz-Pianistin.

Das klingt bitter und zeigt: Das Virus zehrt am Selbstverständnis der Musikerinnen und Musiker – und lässt leise Panik aufkommen.

Was nach der Pandemie heißt und wann es so was wie ein Ende überhaupt gibt, will ich mir nicht ausmalen. Meine Angst ist groß, dass der ohnehin schon große Konkurrenzkampf in unserer Branche ins Unermessliche steigen wird.

Berührend auch eine Sequenz im Film des Chors "Cantico Chemnitz". Dirigent Christoph Sandmann steht im Altarraum der Matthäus-Kirche. Hier wäre im November ein großes Oratorium uraufgeführt worden. 

Hier hätte der Chor gestanden, hier das Orchester gesessen. Hier hätten die Solisten gestanden und gesungen. Und hier stehe ich jetzt.

Dann beginnt Sandmann trotzdem zu dirigieren. Vor ihm steht eine einzelne Sängerin, die zwar die Lippen bewegt, doch stumm bleibt. Sandmann lässt sich nicht beirren. Dirigiert er eben die Stille.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 16. März 2021 | 08:40 Uhr