Publikation der Deutschen Orchestervereinigung Corona als Chance, Orchesterstrukturen neu zu denken

Viel haben wir in den letzten Monaten über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Musikerinnen und Musiker gehört, über die daraus resultierenden Folgen wie Kurzarbeit, Konzertabsagen, über die kräftezehrende Ungewissheit und die Zukunftssorgen, über finanzielle und seelische Nöte. Wir wollen bei MDR KLASSIK nun auch eine andere Perspektive einnehmen, und zwar die des Orchestermanagements. MDR KLASSIK-Moderator Stefan Blattner spricht darüber mit Gerald Mertens, dem Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung.

Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung Bildrechte: MDR/Adina Rieckmann

Gerald Mertens ist Rechtsanwalt und Kirchenmusiker und nutzt diese eher seltene, aber sehr nützliche Kombination, um sich für Berufsmusikerinnen und -musiker, insbesondere in Orchestern, einzusetzen. Außerdem ist er leitender Redakteur der EDITION  Das Orchester. Er plant eine Publikation mit dem Titel: "The (fr)agile Orchestra® – Empowerment Strategies for Orchestras". Das Buch ist noch nicht erschienen, dennoch hat Stefan Blattner bei MDR KLASSIK mit Gerald Mertens über das Thema gesprochen. Hier gibt es Ausschnitte aus dem Interview:

Stefan Blattner: Was überwiegt denn im Moment - das fragile oder das agile Orchester?

 Leere Stühle in Konzertsaal sowie Notenständer auf der Bühne ohne Musiker, Ansicht von oben.
Bildrechte: IMAGO/Hans Lucas

Gerald Mertens: Im Moment haben wir ein fragiles Orchester, weil die Produktionsbedingungen ja suboptimal sind. Das heißt: Einige Orchester sind in Kurzarbeit null. Das bessert sich jetzt so ganz langsam. Also, wir sind wirklich im Stadium der Fragilität. Aber die Frage, die wir uns gestellt haben und die wir uns auch mit Fachautorinnen und -autoren gestellt haben, ist: Wie können wir eigentlich das, was jetzt an Kreativität in dieser Krise entstanden ist, auch mit in die Zukunft nehmen. Es sind unglaublich viele Dinge in dieser Lockdown-Phase entstanden, wo zum Beispiel dann ein Orchestermusiker einen Podcast entwickelt hat oder wo über das Internet alle möglichen Aktivitäten veranstaltet worden sind. Und wir fragen uns: Was ist davon so gut, dass wir es auch in der Zukunft weiter machen müssen.

Ein Beispiel: Einige Orchester haben One-to-one-concerts, also Mikrokammerkonzerte entwickelt, wo nur ein Musiker spielt und nur ein Mensch ihm als Zuhörer gegenüber sitzt. Dadurch entsteht eine ganz neue Beziehung zwischen dem Musiker und dem Zuhörer. Das ist bei den Zuhörern unglaublich gut angekommen. Das ist so ein kleines Mikroformat, das Sie in jedem kleinen Raum, in jedem Wohnzimmer, in jeder kleinen Kirche machen können. Das ist super flexibel und das erzeugt eine ganz neue Beziehung zur Musik und zu diesem Musiker. Und da gibt es unendlich viele weitere Formate (...).

Stefan Blattner: Geht Agilität auch so weit, dass man über das Aufbrechen von Hierarchien innerhalb eines Orchesters nachdenken sollte?

Pauken und Notenständer
Bildrechte: IMAGO

Gerald Mertens: Man wird auf jeden Fall auch über das Aufbrechen von Hierarchien nachdenken müssen, weil es ja in traditionellen Orchestern so ist, dass beispielsweise ein Geschäftsführer, ein Intendant, ein Dirigent bestimmt, was in der nächsten Spielzeit gespielt wird. Das ist die Tradition seit vielen hundert Jahren. Und wir haben gesehen, in dem Moment, wo man auch die Musikerinnen und Musiker - das sind alles Hochschulabsolventen - einbindet und auch in die Planung einbindet, entstehen völlig neue Dinge. (...) Da müssen wir neue Wege finden, die alte Hierarchien tatsächlich aufbrechen, ohne alles über den Haufen zu schmeißen, sondern um einfach agiler und flexibler zu werden, um ein neues Orchester zu entwickeln (...), was diese ganzen Dinge aufnimmt.

Stefan Blattner: Wie wird die Orchesterlandschaft nach dieser Pandemie aussehen, speziell auch in der freien Szene? Wie viele werden ihren Beruf noch ausüben?

Gerald Mertens: Die freie Szene ist in der Tat massiv unter Druck. Es überlegen ja bis zu 30 Prozent der Freischaffenden, ihren Beruf aufzugeben. Wenn sich das wirklich realisiert, ist das ein herber Verlust für den Reichtum unserer Musiklandschaft. Aber ich glaube, die Zusammenarbeit - und das ist auch ein Credo von mir - die Zusammenarbeit zwischen institutionell geförderten Theatern und Orchestern und der freien Szene muss einfach weiter ausgebaut werden (...), um noch mehr Kreativität in die Städte und Kommunen zu bringen. Ich bin wirklich sehr zuversichtlich, dass wir hier großes Potential haben. Und ich glaube auch, dass das Bund, Ländern und Kommunen kommuniziert werden muss, um vor Kürzungen in der Zukunft besser gewappnet zu sein als wir es in der Vergangenheit waren.

Das komplette Gespräch zum Nachhören:

Kultur

Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung 10 min
Bildrechte: MDR/Adina Rieckmann

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 16. März 2021 | 09:10 Uhr