Porträt des Dirigenten Dennis Russell Davies in schwarz-weiß.
Bildrechte: Andreas H. Bitesnich

Neuer Chefdirigent des MDR-Sinfonieorchesters Wer ist Dennis Russell Davies?

Das MDR-Sinfonieorchester hat wieder einen: Dennis Russell Davies wird Mitte 2020 neuer Chefdirigent. Und wer ist dieser Mann eigentlich?

Porträt des Dirigenten Dennis Russell Davies in schwarz-weiß.
Bildrechte: Andreas H. Bitesnich

In seiner Geburtstadt Toledo im US-Bundesstaat Ohio ist Dennis Russell Davies in bester Gesellschaft: Vom Komponisten David Stanley Smith über den Klavier-Virtuosen Art Tatum bis zum Jazz-Pianisten Larry Fuller – Toledo gibt einiges her, an großen Namen.

"Ur-amerikanische" Lehrjahre

Auch der dort 1944 geborene Dennis Russel Davies hat sich dem Klavier verschrieben, allerdings nicht in Toledo, sondern in New York, an der rennomierten Juilliard School: Pina Bausch, Yo-Yo Ma, Philip Glass und Alan Gilbert – die Liste wohlbekannter Studierender ist lang. Eine Entdeckung seiner Studienzeit legte auch den Grundstein seiner späteren Interessen: Der Komponist Charles Ives hatte es ihm angetan. "Ur-amerikanisch", so hat Davies den Klang einmal bei MDR KLASSIK beschrieben – wo viele Nordamerikaner doch mit einem kulturellen Erbe aus Mitteleuropa leben müssten. Das prägte sein ausgesprochenes Interesse für zeitgenössische Musik.

Neuer Chefdirigent: Dennis Russell Davies Dennis Russell Davies

Dennis Russell Davies wird neuer Chefdirigent des MDR-Sinfonieorchesters. Wer ist der Mann?

Porträt des Dirigenten Dennis Russell Davies in schwarz-weiß.
Dennis Russell Davies wurde am 16. April 1944 in Toledo, Ohio geboren. Bildrechte: Andreas H. Bitesnich
Porträt des Dirigenten Dennis Russell Davies in schwarz-weiß.
Dennis Russell Davies wurde am 16. April 1944 in Toledo, Ohio geboren. Bildrechte: Andreas H. Bitesnich
Alice Tully Hall (Juilliard School New York)
Er studierte Klavier und Dirigieren an der Juilliard School in New York. Die renommierte Hochschule liegt im New Yorker Stadtviertel Manhattan. Bildrechte: wikimedia commons/Ajay Suresh (CC BY 2.0)
Dennis Russell Davies
1972 erhielt er seine erste Position als Chefdirigent des Saint Paul Chamber Orchestra. Fünf Jahre später wurde er Chefdirigent des American Composers Orchestra in New York und leitete das Orchester für 25 Jahre. Das Foto zeigt ihn während der Bayreuther Festspiele 1978. Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone
Dennis Russell Davies
In der Zwischenzeit kam Davies nach Deutschland und wurde GMD am Württembergischen Staatstheater Stuttgart. Ebenso dirigierte er als GMD in den kommenden Jahren das Orchester der Beethovenhalle, das Internationale Beethovenfest und die Oper Bonn. Bildrechte: imago/Rudolf Gigler
Dirigent Dennis Russell Davies bei einer Probe
1995 wurde der Amerikaner Chefdirigent des Stuttgarter Kammerorchesters und ging zwei Jahre später nach Österreich, wo er in Wien Chefdirigent des Radio-Symphonieorchesters wurde. Bildrechte: dpa
Dennis Russell Davies dirigiert
In dieser Zeit lehrte er nicht nur als Professor am Mozarteum Salzburg, sondern veröffentlichte bis 2009 auch eine CD-Aufnahme mit den 107 Sinfonien Joseph Haydns — weltweit existieren nur drei Gesamteinspielungen dieser Werke. Bildrechte: imago images / Michel Neumeister
Dennis Russell Davies
2002 trat Davies die Position als Chefdirigent des Bruckner Orchesters Linz an und wurde Opernchef am Landestheater Linz. Sieben Jahre später verschlug es ihn in die Schweiz, wo er ebenfalls sieben Jahre lang Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel war. Seit Beginn der Spielzeit 2018/19 ist Davies künstlerischer Leiter und Chefdirigent der Filharmonie Brno. Bildrechte: imago images / CTK Photo
Dennis Russell Davies (Dirigent)
Als international renommierter Dirigent ist Dennis Russell Davies bekannt für sein breit gefächertes Repertoire, spannende Programmekonstellationen und seine enge Zusammenarbeit mit Komponistinnen und Komponisten. Bildrechte: Reinhard Winkler
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Nach dem Klavier- und Dirigierstudium promovierte Davies und begann 1972 seine erste Position als Chefdirigent des Saint Paul Chamber Orchestras sowie fünf Jahre später beim American Composers Orchestra in New York. Dort immerhin bis 2002, eine Zeit in der er schon über zwanzig Jahre in Deutschland und Österreich gelebt hat. Und in Mitteleuropa hagelte es förmlich an Aufgaben: Sieben Jahre war der Generalmusikdirektor am Württembergischen Staatstheater Stuttgart, acht Jahre in Bonn an der Oper und beim Internationalen Beethovenfest. Sein erstes Rundfunkensemble leitete er von 1997 bis 2002 beim ORF mit dem Radio-Symphonieorchester Wien. Ab 1998 sorgte er mit dem Stuttgarter Kammerorchester für die dritte Haydn-Gesamteinspielung weltweit und nahm elf Jahre lang alle 107 Sinfonien auf.

Europa: Im Dienst für Haydn und Bruckner

Nach diesem Mammutprojekt ist Dennis Russell Davies schließlich auch in der Schweiz gelandet und war dort sieben Jahre lang Chef des Sinfonieorchesters Basel. Und dem nicht genug: Bis 2017 war er Chef der Opernsparte im Landestheater in Linz und hat auch das dortige Bruckner-Orchester geleitet. Eine Zeit, in der das entstand, was heute für viele zusammengehört: Anton Bruckner und Dennis Russell Davies. "Ich kannte mich mit Bruckner nicht wirklich aus. Am Ende hatten wir alle Bruckners in allen Fassungen gespielt und aufgenommen. Es war ein wirklicher Lernprozess", sagte Davies gegenüber MDR KLASSIK. Ein Lernprozess mit über 60, wohlgemerkt. Und, obwohl Bruckner nicht gerade Zeitgenosse ist, ein klarer Teil der Linie von Davies: "Der Nachhall von Bruckner ist heute unter den Minimalisten zu finden – Komponisten wie Philip Glass."

Der Nachhall von Bruckner ist heute unter den Minimalisten zu finden.

Dennis Russell Davies

Das zeigt auch seine Bereitschaft für ein breitgefächertes Repertoire. Also, ein wirklich breitgefächertes. Das reicht vom Barock bis in die Gegenwart und führte zu direkter Zusammenarbeit mit Komponistinnen und Komponisten wie John Cage, Hans Werner Henze oder Laurie Anderson. Dennis Russell Davies' musikalischer Horizont ist folgerichtig auch keineswegs mit der Klassik zu Ende. Er hat Musik mit Jazzgrößen wie Till Brönner gemacht oder Ausflüge in die Popmusik zu Marianne Faithful. Und auch seinen Wirkungsradius erweitert er beständig – unlängst kam noch ein weiteres europäisches Land auf die Liste seiner Engagements: In Tschechiens zweitgrößter Stadt Brünn ist er seit der vergangenen Spielzeit 2018/2019 Künstlerischer Leiter der Filharmonie Brno.

Immer mal was Neues

Dennis Russell Davies hat sich neben verschiedenen Festival-Leitungen auch durch zahlreiche Gastdirigate einen Namen gemacht und feierte Ende der Siebziger sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen. In Leipzig hat er bereits mit dem Gewandhausorchester sowie über viele Jahre immer wieder mit dem MDR-Sinfonieorchester zusammengearbeitet. Und jetzt: Bleibt er hier. Ab Mitte 2020 ist er neuer Chef des MDR-Sinfonieorchesters, das zur Zeit noch ohne Leitung auskommen muss. Damit tritt er in die Fußstapfen von Herbert Kegel, Fabio Luisi, Jun Märkl, Kristjan Järvi und vielen anderen.

Im April hat Dennis Russell Davies seinen 75. Geburtstag gefeiert. Ein dreiviertel Jahrhundert Biografie, die zeigt: Zeit für was Neues ist immer.

Dennis Russell Davies (Dirigent) 20 min
Bildrechte: Reinhard Winkler

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 12. November 2019 | 06:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2019, 07:38 Uhr