Eine Zusammenfassung Die Reaktionen zur Debatte um die Zukunft von Semperoper und Sächsischer Staatskapelle

Als vor einer Woche einigermaßen überraschend mitgeteilt worden war, dass Chefdirigent Christian Thielemann und Semperoper-Intendant Peter Theiler ihre Ämter nur mehr bis Sommer 2024 wahrnehmen sollen, schlugen die Wogen hoch – nicht nur in Dresden. Die Reaktionen auf diese Entscheidung durch das Sächsische Kulturministerium sind durchaus vielfältig und reichen von heller Empörung über Unverständnis bis hin zu Zustimmung. Michael Ernst fasst sie zusammen.

Semperoper: Ansehnsliches Operngebäude in Dresden mit etwas Schnee, zwei Männer ins Bild montiert, links Dirigent mit Taktstock (Christian Thielemann), rechts Mann mit Anzug und dickrandiger Brille (Peter Theiler)
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Die Debatte geht weiter. Die Reaktionen auf diese lediglich per Pressemitteilung kommunizierte Entscheidung durch das Sächsische Kulturministerium sind durchaus vielfältig und reichen von heller Empörung über Unverständnis bis hin zu Zustimmung.

Nachgefragt: Die Meinungen zur Debatte

MDR KLASSIK lässt ausgewählte Expertinnen und Experten zu Wort kommen und befragt sie zu ihrer Sicht auf die Dinge. Dabei geht es nicht allein um Christian Thielemann und Peter Theiler, die sich beide nach wie vor ausdrücklich einem Gespräch verweigern, sondern überhaupt um die Zukunftsfähigkeit von Orchestern und Musiktheater sowie das Verhältnis von Chefdirigenten beziehungsweise Generalmusikdirektoren und Klangkörpern.

Welche Konsequenzen sind durch diese politische Entscheidung zu erwarten? Welche Folgen hat das für die Dresdner Kultur? Und wie reagieren davon unmittelbar berührte Persönlichkeiten darauf? Das fragen wir verschiedene Persönlichkeiten aus Dresden im Radio bei MDR KLASSIK.

Die Semperoper in der Dämmerung  6 min
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Sächsische Staatskapelle und Semperoper Dresden Das Fazit

Sächsische Staatskapelle und Semperoper Dresden: Das Fazit

Der 10. Mai, jetzt wagen wir mal eine Prognose, wird Sachsens Kulturleben kräftig verändert haben. Der Vertrg von Christian Thielemann wird nicht verlängert und der von Peter Theiler um ledigleich ein Jahr. Ein Fazit.

MDR KLASSIK Fr 21.05.2021 09:10Uhr 05:47 min

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Der 10. Mai, jetzt wagen wir mal eine Prognose, wird das Dresdner Kulturleben kräftig verändert haben. An diesem Tag gab das sächsische Kulturministerium bekannt, den Vertrag von Christian Thielemann als Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle nach Ablauf der Spielzeit 2023/24 nicht zu verlängern und den von Peter Theiler als Intendanten der Semperoper um ledigleich ein Jahr bis ebenfalls zum Sommer 2024.

Für viele kam diese Entscheidung als Überraschung, für andere war sie wohl absehbar. Wir haben dazu bei MDR KLASSIK eine kleine Debattenserie ins Leben gerufen, in der unterschiedlichste Persönlichkeiten aus dem Kulturleben zu Wort kommen. Ein Pro und Contra soll das ausdrücklich nicht sein, sondern eine Suche nach der jeweiligen Sicht auf die Dinge.

Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung

Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deuschen Orchestervereinigung – Lachender Mann an Betonsäule in Büro 9 min
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Sächsische Staatskapelle und Semperoper Dresden "Alles hat seine Zeit"

Gerald Mertens: "Alles hat seine Zeit"

Dass Chefdirigent/-innen kommen und gehen, ist für Gerald Mertens nicht ungewöhnlich, nur die Art habe ihn verwundert. Der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung im Gespräch mit André Sittner.

MDR KLASSIK Do 20.05.2021 09:10Uhr 08:37 min

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Dass Chefdirigent/-innen und Theaterintendant/-innen kommen und gehen, ist für Gerald Mertens nicht ungewöhnlich. Inhaltlich sei das ein normaler Vorgang, formal jedoch habe es ihn etwas verwundert, dass diese Entscheidung in Dresden von einer Ministerin quasi am Orchester vorbei verkündet worden ist. Aber "alles hat seine Zeit", so Gerald Mertens, man müsse sich fragen, wann eine Ära ihr Ende hat, das galt vergleichsweise auch bei Herbert von Karajan sowie Simon Rattle. Da Musikerinnen und Musiker mitunter bis zu vier Jahrzehnte lang im Orchester bleiben, könne es Abnutzungserscheinungen geben, wenn dies über sehr lange Zeit mit ein und demselben Dirigenten der Fall sei. Irgendwann komme der Punkt, an dem es heißt, jetzt wäre es gut, wenn man einen neuen Impuls bekommt.

Der Fachmann hat allerdings auch betont, dass Orchester bei der Wahl einer neuen Chefdirigentin oder eines neuen Chefdirigenten in die Entscheidung unbedingt mit eingebunden sein sollten, auch bei der Verlängerung eines bestehenden Vertrages, um das gemeinsame Potenzial für die Zukunft zu nutzen. Über einen vorhandenen Chef während dessen Amtszeit zu entscheiden sei problematisch.

Mit Blick auf die gegenwärtige Situation hob Gerald Mertens im Gespräch mit MDR KLASSIK hervor, dass heute ein neues Dirigent/-innenprofil als vor zehn, zwanzig Jahren gefragt sei. Gerade auch unter den Bedingungen der Pandemie sollten Orchester und Dirigent/innen flexibler sein und neue Formate entwickeln. Befragt, welche Folgen auf die Musikkultur zukommen könnten, war sich der Experte sicher: "Ich gehe nicht davon aus, dass wir ein Orchestersterben haben werden, wie wir es in den Neunzigerjahren gehabt haben." Es gehe jetzt darum, die Länder und Kommunen zu überzeugen, ihre Zuwendungen für die Kultur nicht zu kürzen, "denn was jetzt gekürzt würde, wäre dauerhaft verloren."

Christoph Hollenders, Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle Dresden

Porträt von Mann mit grauen, gekämmten Haaren, runder Brille, Krawatte, Hemd und Jacke; Blickt in Kamera, im Hintergrund Elbe und Blaues Wunder in Dresden, viel Grün 14 min
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Christoph Hollenders ist Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde der Sächsischen Staatskapelle und hat sich mit ihr stets um die Belange des Orchesters gekümmert. Im Gespräch gibt's seine Einschätzung zur Debatte.

MDR KLASSIK Mi 19.05.2021 09:10Uhr 13:34 min

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In seinem Hauptberuf ist Christoph Hollenders, der Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle Dresden, Notar. Keine Frage also, dass er deutliche Worte findet. Er sei von der Nichtverlängerung des Vertrags von Christian Thielemann als Chefdirigent des Orchesters überrascht gewesen und hält dies für "eine katastrophale Entscheidung". Den vom sächsischen Kulturministerium in Umlauf gebrachten Begriff der Erneuerung unter dem Motto "Semper 2030" bezeichnet Hollenders als "leere Worthülse", die etwas Tieferliegendes offenbare, "dass man den wahren Zusammenhang zwischen Orchester und Dirigent nicht erkennt." Ein Ausdruck dafür, dass bei politischen Entscheidungsträgern das Verständnis für Kunst nicht mehr so ausgeprägt sei.

Einen Tag nach der Vollversammlung des Orchesters rate Christoph Hollenders den Musikerinnen und Musikern, bei ihrer Linie zu bleiben, um auch künftig "höchsten Ansprüchen zu genügen" und zu den Top Ten der internationalen Musikwelt zu zählen. Er wies zudem darauf hin, dass die Orchestermitglieder in der Zusammenarbeit mit Christian Thielemann "Momente erleben können, die sie mit keinem anderen Dirigenten erlebt haben – der holt aus ihnen etwas heraus, von dem sie gar nicht wussten, dass es in ihnen drin steckt."

Folglich solle es keine Zwangsauflösung dieser Zusammenarbeit durch die Politik geben. Die Staatskapelle sei immer schon ein Zukunftsorchester gewesen, das habe vor 200 Jahren ebenso gegolten wie heute. Über die weitere Zukunft solle allein das Orchester selbst entscheiden. Wenn die Politik in solche Prozesse eingreift, sei die Freiheit der Kunst nicht mehr gewährleistet, so Christoph Hollenders, der in diesem Vorgang einen "unnötigen Affront" sieht. Denn wenn man schon die Preziosen im Grünen Gewölbe verloren habe, dürfe man einen Mann wie Christian Thielemann auf keinen Fall auch noch  verlieren.

Axel Brüggemann, Autor, Musikpublizist und Fernsehmann

Axel Brüggemann 9 min
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Der Musikjournalist Axel Brüggemann kennt sich aus in der Klassikszene. Über Jahre hat er Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle begleitet. Im Gespräch erklärt er seine Einschätzung zur Debatte.

MDR KLASSIK Di 18.05.2021 09:10Uhr 09:25 min

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Wenig überrascht über die viel diskutierte Causa um Christian Thielemann und Peter Theiler zeigte sich der Musikjournalist Axel Brüggemann. Als Autor, Filmmann, Publizist und Moderator kennt er sich in der Szene gut aus, hat sowohl Christian Thielemann als auch die Sächsische Staatskapelle seit vielen Jahren begleitet. Auf einer gemeinsamen Asien-Tournee habe er aus den Reihen des Orchesters gehört, dass die Zusammenarbeit mit Chefdirigent Christian Thielemann plangemäß 2024 enden solle. Insofern sei der Grundstein zur jetzigen Debatte in den Reihen des Klangkörpers selbst gelegt worden – und wir hätten es gar nicht mit einer politischen Order zu tun?

Axel Brüggemann hält Christian Thielemann für den besten Dirigenten der Musik von Richard Wagner und Richard Strauss, hat aber deutlich gemacht, dass seine Arbeitsatmosphäre wiederholt Kritik hervorrief. Auch habe es häufige Personalwechsel im direkten Umfeld des Maestro gegeben, die dies zum Ausdruck brächten. Zudem soll es Brüggemann zufolge sogar einen Versuch Thielemanns gegeben haben, seinen Vertrag in Dresden auf Lebenszeit zu verlängern. Doch das Orchester wollte sich nicht alle Macht aus der Hand nehmen lassen.

"Dirigenten kommen und gehen", fasste der Kenner die aktuelle Aufgeregtheit zusammen. Die Staatskapelle solle ihn künftig als Gast an sich binden und sich jemanden suchen, der das Orchester in Richtung Zukunft führt. Dabei komme es darauf an, welche Visionen der neue Chef oder die neue Chefin mitbringen wird, um die regionale Verbundenheit mit Dresden und Sachsen zu stärken und sich auf dieser Basis international zu positionieren. „Die Staatskapelle ist für die Moderne prädestiniert, gerade weil sie so große Traditionen hat und so eng mit der Bürgerschaft der Stadt verbunden ist“, hob Axel Brüggemann im Gespräch mit MDR Klassik hervor. Der enorme Stolz der Dresdner sei die Quelle für die weltweite Ausstrahlung dieses Orchesters.

Andreas Schulz, Leipziger Gewandhausdirektor

Andreas Schulz 10 min
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Gewandhausdirektor Andreas Schulz im Gespräch zur Debatte um Dirigent Christian Thielemann und Intendant Peter Theiler.

MDR KLASSIK Mo 17.05.2021 09:10Uhr 10:29 min

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Und auch der Direktor vom Leipziger Gewandhaus, Andreas Schulz, zeigte sich im Gespräch mit MDR KLASSIK schlicht "überrascht von der Kurzfristigkeit dieser Thematik". Es sei bemerkenswert, dass die Politik so handelt, denn sie habe in künstlerische Prozesse nicht einzugreifen, sondern lediglich den rechtlich organisatorischen Rahmen zu stellen, in dem sich Institutionen wie Orchester und Musiktheater dann bewegen können, um ihn "bestmöglich mit Inhalten auszufüllen". In Leipzig, wo das Gewandhausorchester für die Konzerte im eigenen Haus sowie für Opern und Ballett im Opernhaus und zudem für zumeist kammermusikalisch besetzte Motetten in der Thomaskirche zuständig ist, funktioniere das überwiegend reibungslos. Wo gemeinsam gearbeitet und kommuniziert werde, könne die Kunst im Fokus stehen, so Andreas Schulz.

Axel Köhler, Rektor der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden

Axel Köhler, Rektor der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden 9 min
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Axel Köhler, Rektor der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, brachte noch einen ganz eigenen Aspekt in unsere kleine Gesprächsreihe, schließlich ist seine Einrichtung durch ein sogenanntes Exzellenz-Cluster sehr direkt von der Entscheidung betroffen, dass Christian Thielemann dann nicht länger Chefdirigent der Staatskapelle bleiben soll. Schließlich hat der Maestro erst im vergangenen Jahr eine Honorarprofessur an der Hochschule übernommen, um Studierende der Dirigierklasse in unmittelbarer Zusammenarbeit mit der Sächsischen Staatskapelle und seinem persönlichen Know-how zu unterstützen. Fernziel des Ganzen soll sogar ein "Thielemann-Preis" sein, verbunden mit einem Stipendium und ausgelobt durch die Orchestermitglieder.

Die Relevanz des Chefdirigenten der so traditionsreichen Staatskapelle sei mit anderen Orchestern unvergleichbar, so Köhler, da Thielemann ein "geniales Händchen" just für das Kernrepertoire um Komponisten wie Weber, Wagner und Richard Strauss habe. Kapelle und Thielemann befänden sich künstlerisch anhaltend auf einem extremen Höhepunkt höchster Qualität. Axel Köhler befürchtet durchaus, dass dieses Niveau nach 2024 nicht mehr zu halten sei. Zwar wolle er politische Entscheidungen nicht bewerten, allerdings seien solche am Orchester vorbei getroffenen Weichenstellungen schlicht nicht in Ordnung.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 21. Mai 2021 | 09:10 Uhr