Diversity-Tag MDR-Ensemble-Mitglieder berichten über ihre musikalischen Wurzeln

Musik ist die gemeinsame Sprache, die sie alle verbindet, viele wurden in ihrer Kindheit schon musikalisch vorgeprägt und doch gibt es einige regionale Unterschiede. Mitglieder des MDR-Rundfunkchores und des MDR-Sinfonieorchesters berichten hier anlässlich des Diversitätstages am 18. Mai 2021, wie sie zur klassichen Musik gekommen sind und wie ihre Herkunft ihr Verständnis für Musik beeinflusst hat.

Joanne D'Mello - Der Weg zur Berufsmusikerin

Joanne D'Mello ist in Indien geboren und aufgewachsen, ging dann aber nach Deutschland, um an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig zu studieren. Seit 2017 singt sie im Sopran im MDR-Rundfunkchor.

Joanne D'Mello, Sopranistin im MDR-Rundfunkchor
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

"Es gibt schon viele Amateurmusiker in der Familie, muss ich sagen. Alle Cousinen spielen Instrumente, alle singen in der Kirche, im Chor. [...] Aber dass jemand das wirklich beruflich macht, ist in Indien sehr, sehr selten. Es gibt viele gute Amateurmusiker, und sie haben normale Büroarbeit tagsüber und abends musizieren sie, und das ist akzeptiert in der Gesellschaft. Aber dass man nur Musik als Beruf macht, ist sehr selten. Und für meine Eltern, natürlich, das war am Anfang ein bisschen mit einem großen Fragezeichen: Schaffst du das irgendwie? Aber [...] sie haben gesagt: Du weißt, was du machst. Wenn du überzeugt bist, wir geben dir unsere Unterstützung – hundert Prozent. Aber trotzdem, ich habe andere Leidenschaften, also Wissenschaft. Ich habe Mikrobiologie studiert, an der Universität in Indien, aber dazu immer gesungen und Gesangsunterricht und [...] Masterclasses besucht. Und langsam habe ich entdeckt, dass eine musikalische Karriere doch möglich ist. Aber man muss leider das Land verlassen, und das habe ich gemacht, also Musik weiterstudiert in Europa und dann glücklicherweise Arbeit gefunden. Und das ist ein großes Glück. Und meine Eltern sind sehr stolz, dass ich das geschafft habe."

Kristian Sørensen - Mit Schubert und Brahms aufgewachsen

Kristian Sørensen kommt ursprünglich aus Dänemark. Seit fast 30 Jahren singt er im Tenor des MDR-Rundfunkchores.

Kristian Sørensen, Tenor im MDR-Rundfunkchor
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

"Erstens ist Dänemark ja nicht so weit weg von Deutschland. Zweitens ist die dänische Kultur sehr von Deutschland beeinflusst gewesen. Immer. Zum Beispiel Heinrich Schütz war in Kopenhagen. J. A. P. Schulz lebte sehr viele Jahre in Kopenhagen, wo er als Lehrer tätig war – wichtig fürs dänische Musikleben. Und all die Jahrhunderte hat man Kultur von Europa nach oben gekriegt. Und da sind wir immer sehr von der deutschen Kultur beeinflusst gewesen. Außerdem hat meine Mutter Schubert- und Brahms-Lieder und sowas geliebt und hat gesessen und am Klavier und gespielt und gesungen für mich, als ich ganz klein war. Und das ist ja deutsche Kultur, womit ich dann auch aufgewachsen bin."

Muriel Razavi - Zwischen persischen und westlichen Tonwelten

Muriel Razavi ist in Freiburg geboren und aufgewachsen. Ihre Mutter kommt ursprünglich aus den USA, ihr Vater aus dem Iran. Sie spielt seit 2020 in der Bratschengruppe des MDR-Sinfonieorchesters.

MDR-Sinfonieorchester-Mitglied Muriel Razavi
Bildrechte: Adam Markowski

"Bei mir zu Hause lief immer persische Musik, aber auch klassische Musik, sodass ich einfach mit beidem aufgewachsen bin und mich auch in diesen sehr unterschiedlichen Tonsystemen und Tonwelten sehr gut zurechtgefunden habe. Das hält auch bis heute an. Also für mich sind auch Mikrotöne etwas, wo ich mich sehr wohlfühle und nicht nur in diesen traditionell westlichen Harmonie- und Tonsystemen, sondern auch bei der persischen Musik. Und da ist auch bemerkenswert die Nähe zur Sprache, also wahnsinnig viele Lieder handeln von der Liebe oder von Gedichten, die von Hafis oder Rumi sind. Und diese Nähe von Musik und Sprache spielt eine sehr große Rolle. Und jetzt ist das so, dass ich eine Doktorarbeit schreibe und eng mit iranischen Komponistinnen zusammenarbeite und deren Stücke aufführe und erarbeite. Da habe ich eine schöne Brücke gefunden zwischen klassischen Kompositionen auf der Bratsche und der persischen Kultur."

Anna Rad-Markowska - Eine Neigung für Moll-Tonalitäten

Anna Rad-Markowska kommt ursprünglich aus Polen, gehörte dort zu einer ukrainischen Minderheit. Sie singt seit 20 Jahren im Sopran des MDR-Rundfunkchores.

Anna Rad-Markowska, Sopranistin im MDR-Rundfunkchor
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

"Wir sind so gestaltet und beeinflusst von der Umgebung, in der wir aufwachsen und wir saugen alles auf als kleine Kinder, was in unserer Umgebung passiert, in unserem Haus und so weiter. Ich wuchs in keinem Musikerhaus [auf], aber die Musik war immer da und immer präsent. Man sang bei uns bei allen möglichen Gelegenheiten, bei den Familienfesten [...], ich sang in einem Kinderchor und so weiter. Also ich glaube, das hat sich nicht [unterschieden] davon, was auch hier Kinder in Deutschland machen, was die Musik angeht. Die Menschen sind überall gleich, aber es gibt doch regionale Unterschiede oder gewisse Melodik, die in unseren Seelen so schwingt. Das unterscheidet, glaube ich, immer gewisse Gebiete oder gewisse Völker. Ich gehörte in Polen zu einer ukrainischen Minderheit, und da hatte sie auch ihre Volkslieder, die sich unterscheiden von den polnischen und ich bin damit aufgewachsen. Das hat mich schon geprägt. Gewisse Neigung zu Moll-Tonalitäten, das kann ich sagen."

Irène Zwiener - Die Violine als Volksinstrument

Irène Zwiener ist in Frankreich aufgewachsen. Ihre Eltern stammen aus Rumänien und sind in den 80er Jahren nach Frankreich ausgewandert. Seit 2003 lebt Irène Zwiener in Deutschland und seit 2019 spielt sie in der Gruppe der 2. Violinen im MDR-Sinfonieorchester.

Irène Zwiener, 2. Violine im MDR-Sinfonieorchester
Bildrechte: privat

"In Rumänien ist die Violine ein Volksinstrument, vielleicht kommt es daher, aber ich habe wirklich das Bedürfnis, immer mal mein Instrument in Alltagssituationen zu bringen. Ob es für meine Familie, meine Tochter oder für Nachbarn [ist]. Also in ganz normalen Situationen mag ich einfach mal spontan, wenn ich das Gefühl habe, jetzt würde das passen, spielen. Und ich mag dadurch wirklich, dass es in so einem Rahmen total spürbar [ist], was die Musik auslöst beim Zuhörer. Da erfährt man das total direkt. Und ich finde das unglaublich bereichernd und rührend, wenn plötzlich mitgesungen wird oder mitgeklatscht oder das kleine Tränchen kommt da – das erfahre ich einfach unglaublich gerne. Und da fühlt sich der Zuhörer in so einem Rahmen freier als in einem Konzertsaal. Und die Erfahrung brauche ich immer mal wieder neben meiner eher klassischen Beschäftigung in einem klassischen Konzertsaal."

Kent Carlson - Wie sich das deutsche Musikverständnis vom us-amerikanischen unterscheidet

Kent Carlson stammt aus Los Angeles, USA. Seit 2010 ist er Mitglied des MDR-Rundfunkchores und singt hier im Tenor.

Kent Carlson, Tenor im MDR-Rundfunkchor
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

"[Also ich habe] gelernt, in Deutschland denkt man, also Musiker denken zumindest, dass es zwei Kategorien von Musik gibt, also E-Musik und U-Musik, E für Ernst und U für Unterhaltung. Und das musste ich dann lernen als Nichtdeutscher, was diese Begriffe überhaupt bedeuten und was es konkret bedeutet für Aufführungen. In Los Angeles zumindest haben wir zwei Kategorien von Musik: Entweder es ist gut oder es ist nicht gut. Und ob das jetzt symphonisch ist oder Popmusik von Beyoncé ist, da achtet keiner drauf als Merkmal für die Qualität, sondern man guckt: Ist das Lied von Beyoncé gut, dann ist es gute Musik. Ist dieser Marsch von Mozart nicht wirklich gut, dann ist es nicht gut, egal, ob das jetzt Mozart ist und als klassische Musik gilt. Das ist auch ein ganz, ganz großer Unterschied. Und das ist auch ein Grund, warum es so etwas wie Crossover in Amerika nicht gibt, weil da ist ja nichts zum Überbrücken. Paul McCartney hat ein Stück für Solisten, Chor und Orchester geschrieben, und wir haben es gemacht, und niemand hat sich Gedanken gemacht, dass das eigentlich ein Popmusik-Komponist ist. Wir haben es einfach gesungen, weil es gut war, Punkt."

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | ab 17. Mai 2021 im Frühprogramm