Gleichberechtigung bei Knabenchören Zeitenwende in Regensburg: Die Domspatzen werden weiblich(er)

Das männliche Privileg, in Knabenchören singen und eine entsprechende Förderung genießen zu dürfen, wird von Zeit zu Zeit hitzig diskutiert. Nach mehr als tausend Jahren werden bei den Domspatzen in Regensburg nun auch Mädchen schulisch und musikalisch ausgebildet. Im renommierten Chor mitsingen dürfen sie deshalb aber nicht. Auch in Mitteldeutschland steht das Thema von Zeit zu Zeit auf der Agenda.

Chorproben mit vielen freizeitlich angezogenen Jungs, davor eine Person am Flügel sowie eine beim Dirigieren. Im Hintergrund eine Orgel.
Regensburger Domspatzen – bald proben auch Mädchen, allerdings im reinen Mädchenchor Bildrechte: imago images/Manfred Segerer

Ein heißes Thema an heißen Tagen, so sagen die einen. Für die anderen ist es ein leicht verspätetes neues Jahrtausend der Regensburger Domspatzen. Bei dem renommierten Knabenchor kündigt sich so etwas wie eine Zeitenwende an: Künftig sind in schulischer und musikalischer Hinsicht auch Mädchen willkommen. Das hat der Stiftungsrat einstimmig beschlossen.

Die neue Ausrichtung hatte Domkapellmeister Christian Heiß zum Zeitpunkt seines Amtsantritts bereits vor knapp zwei Jahren angedeutet. Bereits genau so lange hat das Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen mit Christine Lohse eine weibliche Leitung. So wird es ab dem Schuljahr 2022/2023 auch für Mädchen möglich sein, die Schule zu besuchen. Der Knabenchor selbst soll von dem Paradigmenwechsel aber unberührt bleiben. Stattdessen entstehe mit einem reinen Mädchenchor eine zweite musikalische Säule. Wie Domkapellmeister Christian Heiß mitteilte, werde bei Konzerte und Gottesdienste bis auf Weiteres nicht gemischt, gemeinsame Projekte der beiden Chöre seien aber denkbar.

Bis 2022 noch einiges zu tun

Auch der Name des Mädchenchors solle an die Marke Domspatzen angelehnt sein, man sei aber noch in der Findungsphase:

Es wäre ja Blödsinn, da auf einmal Domnachtigallen einzuführen.

Domkapellmeister Christian Heiß über den künftigen Namen

Und zur neuen Marke gehört auch das öffentliche Auftreten: Sowohl liturgische Gewänder als auch eine Kleidungslinie für weltliche Konzerte müssen in einer Mädchenausführung angeschafft werden. Zudem sei die Öffnung des Internats für Mädchen denkbar, sofern es eine entsprechende Nachfrage gäbe.

Knabenchöre in Mitteldeutschland

Der Status von Knabenchören ist auch in Mitteldeutschland immer wieder Thema, was auch mit der umfangreichen musikalischen Förderung zusammenhängt, die Jungs bevorzugt und für die es kein weibliches Äquivalent gibt. Immerhin: An der Dresdner Kreuzschule und der Leipziger Thomasschule können auch Mädchen lernen und im Schulchor singen. In Leipzig gibt es mit den in höheren Klassen gemischtstimmigen Kammerchor zudem für Jungen wie für Mädchen die Möglichkeit, eine vertiefte chorische Ausbildung wahrzunehmen. Der Thomanerchor selbst und die damit verbundene musikalische Förderung bleibt aber Jungs vorbehalten.

Vorsingen für Mädchen – in Leipzig kurzzeitig möglich

Im Sommer 2019 sorgte ein Fall für Aufsehen als eine Berliner Mutter vor Gericht erstritten hatte, dass ihre Tochter beim Aufnahmeverfahren der Thomaner teilnehmen durfte. Allerdings bat die Mutter um Aufschub für das Vorsingen, wodurch die Frist schließlich verstrich. Eine Chance auf Aufnahme hätte zudem nur bestanden, wenn die Stimme des Mädchens den Vorgaben für eine Knabenchorstimme entsprochen hätte. Eine Aufnahme wäre zudem als keine generelle Öffnung des Chores für Mädchen zu verstehen gewesen.

flo