"Die Themen der Zeit sind auch unsere Themen" Dresdner Semperoper: Intendant Peter Theiler stellt die neue Spielzeit vor

Theater ist politisch. Was in der Welt geschieht, spiegelt sich auf ihren Bühnen. Der Intendant der Dresdner Semperoper Peter Theiler kann ein Lied davon singen: erst die Corona-Pandemie, jetzt der Krieg in der Ukraine. Für ihn ist unstrittig: Ein Haus wie die Semperoper muss darauf reagieren. Zugleich steht die Welt nicht still. Andere Themen, andere Schwerpunkte waren und sind relevant. Auch dem will Peter Theiler mit dem Spielplan für die Saison 22/23 Rechnung tragen. Mit MDR KLASSIK hat er darüber gesprochen.

Der Intendant der Dresdner Semperoper Peter Theiler im Gespräch mit Michael Ernst.
Der Intendant der Dresdner Semperoper Peter Theiler im Gespräch mit Michael Ernst. Bildrechte: Semperoper Dresden/Lukas Kober

MDR KLASSIK: Herr Theiler, als wir uns zu diesem Gespräch verabredet haben, war die Welt noch eine andere. Wie lässt sich jetzt noch Kunst machen und planen?

Peter Theiler: Sie müssen immer Kunst machen. In jeder Weltenlage. Je dramatischer die Ereignisse, desto wichtiger ist es, sich zu artikulieren. Was im Moment geschieht, ist unglaublich. Ich finde es sehr wichtig, dass wir sowohl den Ukrainerinnen und Ukrainern beistehen, als auch alle jenen Russinnen und Russen, die sich erheben gegen den Wahnsinn eines Präsidenten, der glaubt, das Völkerrecht missachten zu können. Wir müssen trotzdem unser Leben gestalten.

Aber wie können Sie einen Spielplan erarbeiten, während jeden Tag neue Überraschungen drohen?

Wir sind Zeugen eines schrecklichen Weltgeschehens. Ein Land wird von einem anderen mit Krieg überzogen. Gleichwohl müssen wir weiter unsere Arbeit machen. Das ist doch klar. Wir müssen trotzdem unser Leben gestalten. Wir müssen das auch in der Gewissheit tun, dass das eine außergewöhnliche Situation ist, die jederzeit eskalieren kann.

Wir sind Zeugen eines schrecklichen Weltgeschehens.

Peter Theiler, Intendant der Semperoper Dresden

Mit Überraschungen anderer Art haben sie inzwischen Erfahrung. In der Vergangenheit wurden Stücke angesetzt, dann wieder abgesetzt, ganze Produktionen ein ums andere Mal verschoben. Sogar kurzfristige Absagen blieben nicht aus, und schließlich musste das Haus ein weiteres Mal komplett geschlossen werden. Man könnte nun fragen, ob angesichts einer Pandemie Kriege nicht noch falscher sind, als sie es ohnehin schon sind. Macht diese potenzierte Bedrohung irgendwann mürbe?

Ich bin mit der ganzen Belegschaft seit zwei Jahren in einer außerordentlichen Situation. Das sind alles Dinge, die uns stark bewegen. Aber mürbe darf man nicht werden. Im Gegenteil! Hier fallen Gottseidank keine Bomben, und es wird nicht geschossen. Aber wir müssen doch wissen, dass das alles nicht so weit weg ist und dass die Situation, wie sie jetzt eskaliert ist, eigentlich etwas ist, was man nach 1945 hier in Europa nicht für möglich gehalten hat.

Die Aufgabe der Kunst ist kurz gesagt: die Aufklärung der Menschheit. Ist das wieder einmal fehlgeschlagen?

Seit zweieinhalbtausend Jahren versucht das Theater, die Menschen aufzuklären und das Leiden und die Konflikte, in die Menschen verstrickt sind, darzustellen – ihre Schuld, ihre Abhängigkeiten. Das sind Dinge die jede Generation auf’s Neue braucht und definieren muss. Das ist unsere Arbeit, und die sollten wir auch weiterhin tun.

Das Gespräch mit Peter Theiler zum Nachhören

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Intendant der Dresdner Semperoper Peter Theiler 8 min
Peter Theiler blickt auf die neue Spielzeit in der Semperoper. Bildrechte: imago images/Max Stein
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Die Semperoper präsentiert nach coronabedingter Schließung ihre Pläne für die Spielzeit 22/23. Michael Ernst sprach mit dem Intendanten Peter Theiler.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 02.03.2022 10:16Uhr 08:14 min

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Dann lassen Sie uns, Peter Theiler, über diese Arbeit reden: Was für Vorhaben hat die Sächsische Staatsoper für die nächste Spielzeit? Worauf freuen Sie sich besonders?

Blick von der Bühne in den leeren Zuschauerraum der Semperoper Dresden
Bald kann das Publikum hier wieder ein abwechlunsreiches Programm erwarten. Bildrechte: Semperoper Dresden

Die nächste Spielzeit beginnt an der Semperoper mit einem ganz besonderen Projekt: Wir setzen uns mit dem Thema "Künstliche Intelligenz" auseinander. Dafür haben wir den Komponisten Angus Lee beauftragt, eine Oper zu schreiben. Diese Komposition aber wird mit Hilfe künstlicher Intelligenz vervollständigt bzw. zu Ende geführt. Das ist Neuland, und dabei stellen sich nicht nur technischen Fragen, sondern auch ethische und moralische.

Außerdem wird es eine neue "Traviata" geben, und wir bringen eine Bellini-Oper – "Die Schlafwandlerin" – in Koproduktion mit dem Theatre des Champs Elysees in Paris. Außerdem kommt "L’Orfeo" von Claudio Monteverdi, und zum Ende der Spielzeit wird Andreas Dresen "Pique Dame" von Tschaikowsky umsetzen. Und das sind nur die Neuproduktionen. Parallel werden wir den "Ring", den wir in der letzten Spielzeit überhaupt nicht machen konnten, wieder auflegen. Den wird es komplett geben in zwei Zyklen mit Christian Thielemann und einer hervorragenden Besetzung. Dazu gibt es aber auch Konzerte zum Thema Strauss also, wir werden so eine Art Richard-Strauss-Tage in der Semperoper machen.

Ihr Vertrag soll 2024 auslaufen. Vielleicht eine Zwischenbilanz: Ist das Motto "Kunst ist politisch", mit dem Sie angetreten sind, aufgegangen?

Kunst ist immer politisch. Deswegen kann man nicht sagen, das geht auf oder nicht auf. Natürlich konnten wir während der Pandemie vieles nicht machen. Und die Menschen haben auch andere Sorgen gehabt. Der Blick auf die Kunst hat sich vielerorts verschoben. Sie hatte in den gesellschaftlichen Debatten zuletzt nicht den Stellenwert, den wir uns wünschen. Da müssen wir ran. Aber das war ein Stop-and-Go-Verfahren, und sicher haben wir nicht erreicht, was wir hätten erreichen können.

Das Gespräch führte Michael Ernst für MDR KLASSIK.

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MDR KULTUR - Das Radio Mi 02.03.2022 15:30Uhr 08:43 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 02. März 2022 | 07:50 Uhr

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