Achtsamkeit "Yoga und Musik" im Dresdner Kulturpalast

Vergleichsweise leer war es am vergangenen Wochenende auf der Bühne im Dresdner Kulturpalast. Statt Notenständern und Stühlen stand dort nur ein einziger Flügel. Und davor: eine ausgerollte Yogamatte. "Yoga und Musik" hieß das Kammerkonzert, bei dem Werke von Johann Sebastian Bach oder Erik Satie zu hören waren. Begleitet wurde das Konzert von einer Yoga-Choreografie. In der zweiten Hälfte durfte das Publikum sogar mitmachen und sich selbst in Achtsamkeit üben. MDR KLASSIK war dabei.

Junge Frau imit Flagge der Ukraine neben Pianospieler auf einer Bühne
Anastasia Shevchenko kam mit ukrainischer Flagge auf die Bühne. Sie lebt seit vielen Jahren in Berlin, geboren ist sie aber in der Ukraine, wo ihre Eltern und Brüder bis heute wohnen. Bildrechte: Elad Itzkin Yoga Photography

Vergangenes Wochenende im Dresdner Kulturpalast: Eine weiß gekleidete Frau betritt die Bühne. Um die Schultern trägt sie eine Ukraine-Flagge. Das Publikum zögert, erst nach einigen Momenten traut sich jemand zu klatschen. Behutsam nimmt Anastasia Shevchenko die Flagge ab, legt sie unter den Konzertflügel und geht zu ihrer Yogamatte.

Meditation in Bewegung

Junge Frau in Yogastellung neben Pianospieler auf einer Bühne
"Yoga ist Kunst", findet die in Berlin lebende Yoga-Lehrerin Anastasia Shevchenko. Bildrechte: Elad Itzkin Yoga Photography

Mit Johann Sebastian Bach beginnt das Konzert von Anastasia Shevchenko und Pianist Ohad Ben-Ari. Konzentriert bewegt sich die Yoga-Lehrerin zur Musik, sie beugt und streckt sich, macht komplizierte Drehungen und lässt eine Übung in die nächste fließen. Die Bewegungen strahlen Ruhe aus und wirken doch kraftvoll, passend zu Bachs Musik. Diese Art der Choreografie nennt Anastasia Shevchenko "Moving Meditation": Meditation in Bewegung.

Mir fällt es eigentlich schwer, beim Meditieren einfach zu sitzen und in Stille zu mir zu finden. Ich bekomme dann ganz viele verschiedene Gefühle. Aber wenn ich zusammen mit klassischer Musik übe, kann ich mich gut konzentrieren, zu mir selbst finden. Dann fühle ich mich nicht so überwältigt von allem, was jetzt gerade in der Welt passiert.

Anastasia Shevchenko, Yoga-Lehrerin

Ein Zeichen setzen durch Bewusstsein

Yoga-Lehrerin Anastasia Shevchenko und ihr Ehemann Ohad Ben-Ari (Pianist)
Das Ehepaar möchte mit ihrem Konzert dem Publikum die Möglichkeit geben, auf achtsame Weise Musik zu hören und sich selbst zu spüren. Bildrechte: Elad Itzkin Yoga Photography

Anastasia Shevchenko lebt seit vielen Jahren in Berlin, geboren ist sie aber in der Ukraine, wo ihre Eltern und Brüder bis heute wohnen. Beim Konzert im Dresdner Kulturpalast wollten Anastasia Shevchenko und ihr Mann, Ohad Ben-Ari, ein Zeichen setzen, ohne dabei große Reden zu schwingen: "Ich will einfach mit der Flagge da sein. Und das finde ich genug. Es ist ein Konzert und wir wollten nicht, dass es ein politisches Thema wird. Aber trotzdem: Sich bewusst sein, das bedeutet, dass man alles wahrnimmt", sagt Shevchenko. Ohad Ben-Ari ergänzt seine Frau:

Yoga praktizieren oder Meditation heißt nicht "escapism". Es heißt das Gegenteil: Hier zu sein, das wahrzunehmen, was jetzt ist. Und das gehört leider zum Jetzt.

Ohad Ben-Ari, Musiker

Eigenkompositionen für Achtsamkeit

Ohad Ben-Ari ist Pianist und Komponist. Er praktiziert seit vielen Jahren selbst Yoga und Meditation. Beide Welten hat er in seinem Klavierwerk "Five Meditations" verbunden. Es sind fünf Klavierstücke, zu denen jeweils eine Achtsamkeits-Übung gehört. "Es sind fünf Improvisationen, mit bestimmten Charakter. Ich überlege erst, was zur Meditation gut passen könnte. Dann nehme ich auch mal die Stücke auf, höre sie an und versuche, dabei zu meditieren. Dann merke ich, das funktioniert gut oder nicht so gut. Dann muss ich umkomponieren oder anpassen oder neu komponieren oder weglassen. Das ist der Prozess", erklärt Ben-Ari.

Ein bereicherndes Konzerterlebnis

Junge Frau in Meditationshaltung auf einer Bühne 6 min
Bildrechte: Elad Itzkin Yoga Photography
6 min

MDR KLASSIK Mo 07.03.2022 08:40Uhr 05:30 min

https://www.mdr.de/mdr-klassik-radio/klassikthemen/dresden-yoga-musik-kulturpalast-100.html

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Im Konzert darf das Publikum die Übungen mitmachen – angeleitet von Anastasia Shevchenko. Im Schneidersitz thront sie auf einem kleinen Podest. Das Publikum sitzt auf den normalen Sesseln im Parkett. Das ist nicht ganz so bequem, vor allem die Armlehnen stören ein bisschen bei den "Mudras", den Handgesten, die man ausführen soll. Trotzdem ist die Atmosphäre hoch konzentriert: Alle Anwesenden machen bereitwillig mit, egal ob junger Yogi oder Seniorin im Strickpullover. Nach der Anleitung beginnt die erste musikalische Meditation.

"Zu sich selbst finden" heißt der erste Satz. Obwohl die Klänge eine große Ruhe ausstrahlen, haben sie wenig mit typischer Meditationsmusik gemeinsam. Ohad Ben-Aris Stücke sind sehr abwechslungsreich und werden auch mal wild.

Am Ende des Konzertes herrscht lange Stille. Auch nach dem Applaus bleiben viele Menschen noch eine Weile sitzen. Auf diese achtsame Weise Musik zu hören, hat gut getan. Den eigenen Körper nicht zur Ruhe zu zwingen, sondern sich bewusst zu spüren, bereichert das Konzerterlebnis. Und noch eine Sache hat dieser Vormittag gezeigt: Dass man bei sich bleiben kann, ohne die Welt da draußen zu vergessen.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 07. März 2022 | 08:40 Uhr

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