Zum europäischen Jahr der Schiene Musik und Mobilität - wie die Eisenbahn den Kulturbetrieb veränderte

Wer Gefallen am Reisen mit der Eisenbahn findet, gerne Fahrpläne studiert oder Speisewagen besucht, darf getrost als eisenbahnverrückt bezeichnet werden. Und steht in edler Linie mit Antonín Dvořák, Paul Hindemith und Glenn Gould. Züge faszinierten und inspirierten Musiker, sogar zu Musikstücken über Zugunglücke und den „heftigen Schmerz der Erben“. Die Entwicklung der Eisenbahn veränderte die Welt, stellte die Menschen vor Herausforderungen und die Musiklandschaft auf den Kopf.

Schaulustige posieren vor einer verunfallten Lokomotive in Minturn, Colorado
Vom Zusammenspiel der Technik und von ihrem Versagen wurden seit jeher Menschen angezogen. Auch in Kompositionen spielten Züge und Zugunglücke immer wieder eine Rolle. Bildrechte: imago images/StockTrek Images

Einer wollte nie mehr mit einem Zug fahren: Gioachino Rossini. Ob es an der Reiseübelkeit nach seiner ersten und einzigen Bahnfahrt 1836 zwischen Antwerpen und Brüssel lag, oder an den Berichten über Eisenbahnunglücke, die den hypersensiblen und ängstlichen Komponisten schockierten, wird wohl ungeklärt bleiben.

Gioachino Antonio Rossini
Fürchtete und finanzierte die Eisenbahn, der Komponist Gioachino Antonio Rossini. Bildrechte: imago images/Bildagentur-online/UIG

Seine Abneigung aber gegenüber der Eisenbahn blieb, er zog fortan die Kutsche fürs Reisen vor. Seinen Argwohn verarbeitete er im programmatischen Klavierstück „Ein kleiner Ausflüglerzug“ – inklusive der Einzeltitel „schrecklicher Entgleisung des Zuges“ mit Verletzten und Toten und den „heftigen Schmerz der Erben“. Und doch hinderte das Rossini nicht, sein beträchtliches Vermögen in Anleihen für den Bau von Eisenbahnstrecken in Frankreich anzulegen.

Die Eisenbahn entsteht und polarisiert

Die Erfolgsgeschichte der Eisenbahn beginnt wenige Jahre vor Rossinis Schreckensfahrt, im September 1825 in Großbritannien. Deutschland zieht zehn Jahre später nach, ganze neun Minuten währt die Fahrt von Nürnberg nach Führt. Die erste Ferneisenbahn zwischen Dresden und Leipzig entsteht und nach und nach durchziehen stählerne Adern das Land.

Es gibt vehemente Verfechter, überzeugt, dieses Transportmittel sei schneller und sicherer als andere, und es gibt streitlustige Gegner: die hohe Geschwindigkeit gefährde die Gesundheit und der Dampf belaste die Ernten. Kutscher fürchten die Konkurrenz.

Die Lorenbahn verbindet das Festland mit den Halligen Oland und Langeneß.
Entlegenste Regionen wurden dank der Eisenbahn erschlossen, doch nicht immer ging das so beschaulich zu wie auf der Halligbahn im nordfriesischen Wattenmeer. Bildrechte: MDR/SWR/Bernhard Foos

Ein neues Zeitalter, auch für die Sinne

Die rasante Entwicklung konnte das nicht aufhalten. Genauso wenig wie die fundamentalen Veränderungen: als neues Mittel der Raumerschließung und Zeitverkürzung brachte die Eisenbahn mit ihren schnaufenden Lokomotiven und quietschenden Wagen auch vollkommen neuartige akustische Erfahrungen mit sich. Und eine paradoxe Situation: Die Reisenden in den Postkutschen nachempfundenen Abteilen waren abgeschirmt von der Welt, die an ihrem Fenster ausschnittsweise vorüberzog. Max Maria von Weber, Sohn des Komponisten Carl Maria von Weber und führender Eisenbahnphilosoph, schreibt in seiner Schule des Eisenbahnwesens von 1857:

So hat jeder Aufmerksame beobachtet, dass, wenn man bei festlichen Gelegenheiten an schreienden Volksmassen vorüberfährt, das Schreien nur an der Bewegung der Gesichter bemerkt, gar nicht gehört werden kann.

Max Maria von Weber Eisenbahnphilosoph

Faszination Eisenbahn auch in der Musik

Doch diese Skepsis wich der Gewohnheit – und der Faszination. Gerade unter Musikerinnen und Musikern fanden und finden sich viele Eisenbahnliebhaber, die das Zusammenspiel komplexer Maschinerien und das doch simple Grundprinzip von Stahlrädern auf Stahlschienen, das bis heute währt, begeistert. Kein anderes Verkehrsmittel wurde so häufig in musikalische Strukturen übersetzt wie die Eisenbahn, Rhythmen und Klänge adaptiert, programmatisch auf den Schienenverkehr reagiert.

Eine Kapelle empfängt einen Hochgeschwindigkeitszug im Kursker Bahnhof in Moskau.
Einst wurde Johann Strauß Sohn zur Eröffnung neuer Eisenbahnstrecken in Russland engagiert. Und auch heutzutage ist die Eisenbahn mit Musik verbunden, hier beim Empfang eines Zuges der Baureihe "Lastotschka" im Kursker Bahnhof in Moskau. Bildrechte: dpa

Von der Schnellpolka "Ohne Bremse" über den „Eisenbahn-Lust-Walzer“ aus der Feder von Johann Strauss/Vater bis hin zu Arthur Honeggers musikalische Verehrung der Dampflokomotive «Pacific 231» im gleichnamigen sinfonischen Werk, das Eisenbahnfieber grassierte. Und infizierte auch Komponisten wie Hector Berlioz, der als Zugnarr eine Kantate zur Eröffnung der Eisenbahnstrecke Paris-Lille komponierte. Oder Paul Hindemith, der, wie eine Studentin beschrieb, an seiner 300 Meter langen Modelleisenbahn minutiöse Fahrpläne erstellte, die jedem Stationsvorstand Ehre gemacht hätten.

Trainspotter Antonín Dvořák

Antonín Dvořák
"Pufferküsser" nennt man Eisenbahnverrückte, Antonín Dvořák war einer von ihnen. Bildrechte: imago/CTK Photo

Zu diesen Eisenbahnenthusiasten gesellte sich auch Antonín Dvořák, vielleicht der Inbegriff der musikalischen Pufferküsser. Schon als Knabe war er begeistert von Zügen, erlebte den Bau der Eisenbahnstrecke von Prag nach Dresden mit. Später sah man Dvořák häufig am Kaiser-Franz-Joseph-Bahnhof, dem heutigen Prager Hauptbahnhof, mit Lokführern im Gespräch. Hatte er selbst keine Zeit, schickte er Schüler zum Bahnhof, um die Nummern der eingesetzten Lokomotiven zu notieren. Das lange Zeit ein Fernverkehrszug zwischen Prag und Wien nach ihm benannt war, hätte dem Eisenbahnliebhaber Dvořák gefallen.

Ich gäbe alle meine Symphonien darum, die Lokomotive erfunden zu haben.

Antonín Dvořák

Dank Eisenbahn und Meiningen: Dirigentenstars und Komponistenkult

Georg II. Herzog von Sachsen-Meiningen
Große Visionen hinter grimmigem Blick: Georg II. Herzog von Sachsen-Meiningen schickte seine Hofkapelle mit dem Zug auf Reisen und leitete damit eine neue Epoche ein. Bildrechte: imago images/H. Tschanz-Hofmann

Ausgerechnet die Meininger Hofkapelle hat einen Anteil daran, dass die rasante Entwicklung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert auch die musikalische Landschaft auf den Kopf stellte. Denn dieses Orchester ging in den 1880er Jahren als erstes deutsches Sinfonieorchester mit dem Zug auf Tournee. Dank eines kunstbegeisterten Herzogs und dem mit Schienen verbundenen Kontinents wurde die Meininger Hofkapelle europaweit zur Sensation. Eduard Hanslick, einflussreichster Musikkritiker im deutschsprachigen Raum, kommentierte das Debüt der Hofkapelle 1884 in Wien:

Ein ganzes Orchester, das auf Reisen geht [...] mit den größten symphonischen Werken, ist jedenfalls eine neue Erscheinung, ein unserer Eisenbahn-Epoche vorbehaltenes Unicum. [...] Indem dieser Herzog, mit Verzicht auf sein eigenes Vergnügen, monatelang Kunstreisen seiner Musiker und Schauspieler gestattet, giebt er ihrem Fleiße den wirksamsten Sporn, ihrem Ehrgeize die weitesten Grenzen.

Eduard Hanslick Musikkritiker

Die Meininger Hofkapelle fand Nachahmer, Wiener und Berliner Philharmoniker gingen auf Auslandstourneen, britische und französische Orchester folgten – und veränderten das Konzertwesen. Mit der neuen Verkehrsinfrastruktur der Eisenbahn begann ein internationaler Musikbetrieb mit Agententätigkeit, Geschäftsinteressen und einem Personenkult um Dirigenten und Komponisten. Ein revolutionärer Wandel für die Orchester, vergleichbar mit der Verbreitung von Rundfunk und Schallplatte im frühen 20. Jahrhundert. Und nicht nur ganze Orchester wurden mobiler, Max Reger bezeichnete sich aufgrund vieler Reisen und Gastauftritte gequält als „wohnhaft in der Eisenbahn“.

Renaissance der Schienenstränge

Heute nutzen Orchester und Musiker die Eisenbahn weitaus freiwilliger. Schon vor dem pandemiebedingten Rückgang des Reisens und des Flugverkehrs stiegen zum Schutz des Klimas und der Umwelt viele Ensembles wieder in Züge ein, wurden Tourneen mit weniger Reiseaufwand geplant, verzichteten manche Orchester wie das Symphonieorchester aus dem schwedischen Helsingborg sogar ganz auf Flugreisen. Auch im Musikbetrieb erfährt die Eisenbahn eine Renaissance, weit über das europäische Jahr der Schiene hinaus.

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR Klassik | 15. Dezember 2021 | 08:40 Uhr

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