Deutsche Erstaufführung an der Semperoper Dresden Fest des Absurden: "Die kahle Sängerin" von Luciano Chailly

Am 16. Januar öffnete „Semper Zwei“ – die kleine Spielstätte der Semperoper – nach dem sächsischen November-Lockdown wieder ihre Pforten, um mit einer deutschen Erstaufführung gleich richtig zu powern: Der Kammeroper „Die kahle Sängerin“ von Luciano Chailly nach „La Cantatrice chauve“ von Eugène Ionesco. Bettina Volksdorf war für MDR KLASSIK dabei. Moderator André Sittner hat mit ihr über die Premiere gesprochen.

Anna Kudriashova-Stepanets (Mrs. Martin), Peter Tantsits (Mr.Smith), Dilara Bastar (Mrs. Smith), Doğukan Kuran (Mr. Martin) sitzen nebeneiander.
Anna Kudriashova-Stepanets (Mrs. Martin), Peter Tantsits (Mr.Smith), Dilara Bastar (Mrs. Smith), Doğukan Kuran (Mr. Martin) bei der deutschen Erstaufführung der Oper "Die kahle Sängerin" von Luciano Chailly an der Dresdner Semperoper am 16. Januar 2022. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

André Sittner: Luciano Chailly ist der Vater von Riccardo Chailly – einst Gewandhauskapellmeister in Leipzig, aktuell Musikchef der Scala in Mailand – ist er ein veritabler Opernkomponist?

Bettina Volksdorf: Absolut und zugegebenermaßen auch für mich eine Entdeckung! Luciano Chailly, Jahrgang 1920, verstarb 2002 in Mailand, war Dirigent und ein wichtiger Komponist im Nachkriegs-Italien. Er hat ein gutes Dutzend Kammeropern geschrieben. Für seine dreizehnte Oper adaptierte er Ionescos Theater-Stück „Die kahle Sängerin“, das er im Kern nicht veränderte, sondern auf knapp achtzig Minuten Spieldauer kürzte. So wurde das Werk 1986 in Wien uraufgeführt, und ebenso gestern Abend in Dresden.

Eugène Ionesco gilt als Erfinder des „Absurden Theaters“. Inwiefern spielt das bei der „Kahlen Sängerin“ eine Rolle?

Dilara	Bastar (Mrs. Smith), Peter Tantsits (Mr. Smith) auf der Bühne.
Dilara Bastar (Mrs. Smith), Peter Tantsits (Mr. Smith) auf der Bühne. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

„Die kahle Sängerin“ war Ionescos erstes Stück für das Theater des Absurden. Der gebürtige Rumäne gilt als der bedeutendste Dramatiker des Genres. Mit „Rhinocéros“ – „Die Nashörner“ – gelangte er zu Weltruhm. Bei der „Kahlen Sängerin“ haben wir es mit einem Theaterstück zu tun, in dem Ionesco sich jeder Handlung oder logischen Geschichte konsequent entzog, dafür Szenen und Momentaufnahmen aneinanderreihte. Das ist auch der Zeit geschuldet, in der das Stück entstand – 1948. Das Werk ist als Reaktion auf die Gräuel des Zweiten Weltkrieges und die damit verbundene Entwertung der Maßstäbe, Formen und Regeln menschlichen Zusammenlebens einzuordnen.

Wobei Ionesco die Idee zu dem Stück konkret gekommen sein soll, als er nach einer bestimmten Methode Englisch lernte und ihn die eigenwilligen Dialoge inspiriert haben sollen?

Richtig. Die Banalität einer nichts-sagenden Alltags-Kommunikation, die sich in diesem Sprach-Kurs widergespiegelt haben muss, hat ihn offenbar so fasziniert, dass er, statt eine Parodie auf das Theater zu schreiben (das war sein ursprünglicher Plan), eine  „tragedie du langage“ – eine Tragödie auf die Sprache und sinnentleerte Kommunikation seiner Zeit – verfasste. Und für Luciano Chailly, der damals auf der Suche nach einem geeigneten Opern-Stoff war, bot sich damit die ideale literarische Vorlage.

Bevor wir auf die szenische Umsetzung kommen: Wodurch zeichnet sich die Musik des Opernkomponisten Luciano Chailly aus?

Anna Kudriashova-Stepanets (Mrs. Martin), Peter Tantsits (Mr. Smith), Dilara Bastar (Mrs. Smith), Doğukan Kuran (Mr. Martin)
Anna Kudriashova-Stepanets (Mrs. Martin), Peter Tantsits (Mr. Smith), Dilara Bastar (Mrs. Smith), Doğukan Kuran (Mr. Martin) Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Ich kenne leider nur diese eine Oper von ihm, habe aber gelesen, dass er für jede seiner Kammeropern ein eigenständiges, musikalisches Konzept entwickelt hat. In der „Kahlen Sängerin“ setzte er das so um, dass jedem Paar bzw. jeder Figur eine charakteristische Klangwelt zugeordnet wird: Dem Ehepaar Smith ein Zupfinstrumenten-Quintett, Mr. und Mrs. Martin ein Streichquintett, dem Dienstmädchen Mary hohe, dem Feuerwehrhauptmann tiefe Bläser. Die Titelfigur hingegen tritt gar nicht auf, sie ist erst am Ende mit einer Vokalise aus dem Off zu hören. Kennzeichnend für Luciano Chaillys Musik ist seine gemäßigt-moderne Tonsprache, in der er ein Anfangsthema zwanzig Mal mit großem Erfindungsreichtum variiert und so das Bühnengeschehen kommentiert, zuweilen auch karikiert! In Summe ist das gleichermaßen anspruchsvolle wie witzige Musik und sowohl das 7-köpfige Sänger-Ensemble, als auch das „Projektorchester“ unter der Leitung von Thomas Leo Cadenbach haben das bravourös umgesetzt. Übrigens empfinde ich es als schöne, auch notwendige Geste, dass die Semperoper für diese Produktion freischaffende Musikerinnen und Musiker verpflichtet hat.     

Und wie inszeniert man nun Welt-Literatur auf der Opern-Bühne, ohne dass es eine Handlung gibt? Regie führte Barbora Horáková, die in „Semper Zwei" schon Eötvös’ „Der goldene Drache“ herausgebracht hat.

Dilara	Bastar	(Mrs. Smith),	Anna	Kudriashova-Stepanets	(Mrs. Martin),	Doğukan Kuran	(Mr.	Martin), Martin-Jan	Nijhof	(Der	Feuerwehrhauptmann), Peter Tantsits (Mr. Smith)
Dilara Bastar (Mrs. Smith), Anna Kudriashova-Stepanets (Mrs. Martin), Doğukan Kuran (Mr. Martin), Martin-Jan Nijhof (Der Feuerwehrhauptmann), Peter Tantsits (Mr. Smith) Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Diese Produktion soll im Juni auch wiederaufgenommen werden!  Horakova nimmt das Absurde – so wie es auch Ionesco ein Anliegen war – ernst. Ich beginne mal mit dem Bühnenbild: Da ist das auf Ständern aufgebockte Wohnzimmer der Familie Smith, dessen Papier-Wände auf offener Szene zerrissen werden, wobei Mr. Smith seinen Whisky bevorzugt mittels Strohhalm aus einem Eimer trinkt. Da gibt es fahrbare Sessel, die mittels einer Kurbel von den Sängern bewegt werden, einen Tisch als Wippe, einen begehbaren Schrank mit mindestens drei Türen u.v.a. Aber Barbora Horakova stand nicht nur eine gute Bühnenbildnerin – Annett Hunger – zur Seite, sondern zwei ebenso fantasievolle Kostüm- und Videodesigner – Benjamin Burgunder und Sergio Verde –, die das Absurde künstlerisch auf ihre Weise, oft mit einem Touch ins Surreale spiegeln.

Hinzukommt, dass das Publikum in der kleinen Spielstätte der Semperoper, in der es keinen Orchestergraben gibt, sehr nah am Geschehen ist. Aktuell dürfen nur ca. fünfunddreißig Zuschauerinnen und Zuschauer eingelassen werden und selbst da war gestern hinsichtlich der Auslastung – leider – noch Luft nach oben. Ich bin mir aber sicher, dass sich diese phantasievoll-skurrile, sehens- und hörenswerte Produktion bald herumsprechen wird. Und wenn es an der deutschen Erstaufführung etwas zu kritteln gibt, dann betrifft es allenfalls die Textverständlichkeit. In Summe ist es eine absolut zu empfehlende Neu-Produktion.

"Die kahle Sängerin" von Luciano Chailly
Kammeroper in einem Akt nach der Anti-Komödie von Eugène Ionesco
Die nächsten Vorstellungen:
18. und 19. Januar 2022, 19.00 Uhr in Semper Zwei
Besetzung am 16. Januar 2022:
Musikalische Leitung: Thomas Leo Cadenbach
Inszenierung: Barbora Horáková
Bühnenbild: Annett Hunger
Kostüme: Benjamin Burgunder
Licht: Marco Dietzel
Video: Sergio Verde
Dramaturgie: Juliane Schunke
Mr. Smith: Peter Tantsits – Tenor
Mrs. Smith: Dilara Bastar – Alt
Mr. Martin: Doğukan Kuran – Bariton
Mrs. Martin: Anna Kudriashova-Stepanets – Mezzo-Sopran
Mary, das Dienstmädchen: Jennifer Riedel – Sopran
Der Feuerwehrhauptmann: Martin-Jan Nijhof – Bass
Die kahle Sängerin: Mariya Taniguchi – Sopran

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 17. Januar 2022 | 09:10 Uhr

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