Klassik im Internet Forschung: YouTube als Plattform für klassische Musikerinnen und Musiker

YouTube ist nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie eine wichtige Internet-Plattform für klassische Musikerinnen und Musiker – als Kanal fürs Selbstmarketing und als Auftrittsort. Welche ästhetischen Entwicklungen damit verbunden sind, damit beschäftigt sich ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das an der Universität Koblenz-Landau angesiedelt ist.

Die Königin der Nacht ist sauer und das macht sie ihrer Tochter hier klar. Diana Damrau gilt als eine der besten Sängerinnen für diese Partie. Auf der Videoplattform YouTube finden sich vier verschiedene Aufnahmen, die besonders interessant sind in den Augen der Musikwissenschaftlerin Corinna Herr.

Diese vier Aufnahmen sind zu der Zeit, als ich es untersucht habe, 32 Mal auf verschiedenen YouTube-Kanälen ins Internet gestellt worden. Die hatten insgesamt 38 Millionen Aufrufe – da sage mal einer, die klassische Musik sei tot. Und die hatten insgesamt 16.000 Kommentare, die ich untersucht habe.

Diese Kommentare sind das, was die Geschichtsforschung Ego-Dokumente nennt: eine Quelle, die viel über die Selbstwahrnehmung der kommentierenden Person erzählt. Corinna Herr erforscht anhand dieser Texte zum Beispiel, welche Rolle Humor spielt, auch wie die Klassik-Gemeinde miteinander streitet und schwärmt. Außerdem interessant: wie sich innerhalb der kommentierenden Gruppe Hierarchien ausbilden.

Dadurch dass unterschiedliches Wissen vorherrscht, zeigen sich unterschiedliche Machtverhältnisse. Aber das Spannende ist natürlich, dass niemand erstmal Macht über den anderen hat. Niemand darf da ex cathedra reden, ob der mehr weiß oder nicht. Dann kommt auf einmal jemand, der kommt und sagt: ‚Also ich finde diese Arie ganz furchtbar! Was erzählst Du mir da für einen Quatsch?'

YouTube ist eine große Spielwiese für klassische Musik, die zu mehr Resonanz verhelfen kann. Das haben die Klassik-Labels Warner Classics und Deutsche Grammophon früh erkannt. Deshalb liegen deren YouTube-Kanäle quasi unter dem Mikroskop des DFG-Projekts “Darstellung und Rezeption klassischer Musiker*innen bei YouTube: Aufführungs- und Lebenspraxen im digitalen Zeitalter“.

Statistischer Überblick der Videos der vergangenen zehn Jahre

Seit 2019 läuft das Projekt, unterbrochen von einer kurzen Pause im vergangenen Jahr. Bis 2023 soll unter anderem auch exemplarisch ein statistischer Überblick ausgewählter Klassik-Videos der Labels entstehen.

Wir haben die neue Musik rausgenommen – das ist ein ganz anderes Thema. Wir haben also Musik seit der frühen Neuzeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ungefähr als Voraussetzung genommen. Und da haben wir alle Videos untersucht von 2008 bzw. 2009 bis zum 31. Dezember 2019.

Diese Videos sortieren Corinna Herr und ihre Mitarbeiterinnen an der Universität Koblenz-Landau nach bestimmten Kategorien. Zentral ist die Frage: Welche künstlerischen Lösungen finden Musikerinnen und Musiker beziehungsweise deren Plattenfirmen für YouTube-Clips? Manchmal sind es Kurzfilme, die eine Geschichte erzählen und das Publikum förmlich hineinziehen sollen in die Handlung. Ähnlich funktionieren auch Videos, die Proben zu CD-Aufnahmen dokumentieren. Ein charakteristisches Beispiel ist ein Clip des Cembalisten Jean Rondeau.

Drei Menschen tragen ein Cembalo in einen Raum. Zu sehen sind vor allem ihre Hände, Beine und Füße, dann das Aufklappen des Instrumentendeckels, das Stimmen des Cembalos und andere Vorbereitungen. Schließlich nähert sich die Kamera von hinten durch eine Tür dem Cembalisten Jean Rondeau, sie umkreist ihn, zoomt auf Hände und Gesicht.

Es ist so geschnitten, dass wir das Gefühl haben, wir werden in diese Welt einer authentischen Probe reingeführt. Also Authentizität ist tatsächlich eine sehr wichtige Kategorie für die Rezeption klassischer Musik. Das ist einfach für die Rezipienten wichtig. Insofern fragen wir nicht, was ist authentisch. Aber wir fragen natürlich, wie kann Authentizität konstruiert werden.

Entsprechend empfiehlt die YouTube-Forscherin Corinna Herr bei Klassik-Videos darauf zu achten, dass der Film einen authentischen Eindruck vom Musikmachen vermittelt.

Der authentische Eindruck zählt

Jean Rondeau beispielsweise bleibt das ganze Video hindurch am Cembalo sitzen und spielt, nachdem der Clip zuvor die Vorbereitungen zum Probendreh geschickt inszeniert gezeigt hat. Dadurch taucht das Publikum sehr gelungen in diese Probensituation ein, findet Herr.

Das ist hier noch mal der Punkt: So dass dann, wenn die Musik tatsächlich dem Rezipienten bewusst ist - die ist ja von vornherein da. Und die sehen etwas und fragen sich: ‚Was ist hier los? Was passiert hier gerade?’  Und werden so gleich in diese private Atmosphäre reingebracht.

Was sich aktuell durch die Corona-Pandemie in der Klassik-Szene digital entwickelt, das ist laut Corinna Herr bei YouTube schon längst angelegt gewesen.

Die Pandemie hat das Ganze noch mal beschleunigt, diesen Vorgang, sie hat ihn nicht hervorgerufen.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 09. April 2021 | 09:40 Uhr