Geschlechterverteilung im Orchester Frauen sind selten an der Trompete

Früher sind Sinfonieorchester vor allem Männervereine gewesen: Reife Herren im Frack, die bedeutende Kunst machen. Eine Frau sitzt zur Zierde allenfalls an der Harfe. Natürlich sind solche Zeiten längst vorbei, die Geschlechtergerechtigkeit hat in Orchestern längst Einzug gehalten. Sollte man meinen. Bei den Streichern oder Holzbläsern ist das auch der Fall. Unter den Blechbläsern jedoch sind Frauen immer noch selten. Besonders Trompeterinnen gibt es wenige, schon gar nicht an exponierten Positionen. Mehr darüber weiß Laura Vukobratović. An der Essener Folkwang Universität leitet sie eine renommierte Trompetenklasse. Markus Bruderreck hat mit ihr über alte Vorurteile und neueste Entwicklungen gesprochen.

Trompeterin Laura Vukobratović
Trompeterin Laura Vukobratović Bildrechte: privat

In hohen Lagen fühlt sich Laura Vukobratović erst so richtig zuhause. Mit brillantem Klang lässt die Trompeterin die virtuose Partie in Johann Sebastian Bachs zweitem Brandenburgischen Konzert funkeln und blitzen. Heute stellt sich die Frage nicht mehr, ob eine Frau eine schwere Partie wie diese bewältigen kann. Früher waren männliche Kollegen mit Vorurteilen jedoch schnell bei der Hand: Frauen seien zu schwach dafür, hätten zu wenig Lungenvolumen. Märchen wie diese haben sich lange gehalten, meint Laura Vukobratović.

Immer wenn man über Trompete spricht, spricht man über Kraft. Was ist überhaupt Kraft bei der Trompete? Kraft liegt nur in der Luft und nicht in den Muskeln. […] Zum Beispiel, wenn wir Muskeln nutzen, um uns nur zu verkrampfen, dann können Sie einen Mann haben, der zwei Meter groß ist und genauso breit und es kommt nichts raus.

Mit 18 Solotrompeterin am Serbischen Nationaltheater

Laura Vukobratović zählt heute europaweit zu den gefragtesten Trompetensolistinnen. Der Klang des Instruments ist ihr seit der frühen Kindheit vertraut.

Mein Bruder hat Trompete gespielt, ich war damals zwei, als er begonnen hatte, er sechs. Und ich habe am Anfang einfach nur mitgemacht. Ich war nur eine kleine Kopie von ihm. Irgendwann hat er aufgehört und ich hab’ einfach weitergemacht.

Carole Dawn Reinhart bei einem Auftritt 1986
Carole Dawn Reinhart bei einem Auftritt 1986 Bildrechte: IMAGO / teutopress

Mit 14 Jahren macht die serbische Musikerin die Trompete zu ihrem Instrument. Nicht ganz unschuldig daran ist die amerikanische Solistin Carole Reinhart. Als erste Blechbläserin überhaupt hat sie die Männerdomäne Blechblasmusik gehörig in Aufruhr gebracht. Für Laura Vukobratović ist sie ein strahlendes Vorbild. Doch auch Vukobratović ist eine Pionierin, und das gleich in doppelter Hinsicht. Schon mit 18 Jahren wird sie Solotrompeterin am Serbischen Nationaltheater – als erste Frau überhaupt.

Als ich quasi nach Deutschland kam, hat mein Lehrer gesagt, Reinhold Friedrich: Jetzt solltest du auch Probespiele machen. […] Und dann habe ich ihm nur gesagt: Reinhold, wo siehst du hier eine Frau an einer führenden Position der Solotrompeterin.

Daraufhin reißt Vukobratović auch hierzulande Männerbastionen ein. Im Orchester des Nationaltheaters Mannheim wird sie Solotrompeterin – 2003 ist sie damit in Deutschland die erste Frau in dieser Position.

Starre Geschlechterstrukturen

Die starren Geschlechterstrukturen, die sich mit der Trompete verbinden, sind historisch gewachsen. Man denkt hier schnell an Männlich-Militärisches. Auch in den Hofkapellen des Barock sind Frauen an der Trompete undenkbar. Und natürlich sind es männliche Engel, die in den Kirchen überall rot- und pausbäckig in ihre Trompeten blasen. Solche verfestigte Bilder lassen sich zwar nicht so einfach verändern. Doch Laura Vukobratović hat dazu ein paar Ideen.

Wir brauchen eine Quantität von der Qualität. Dann brauchen wir diese Vorbilder für Frauen. […] Wie können wir diese Vorbilder darstellen, dass sie wahrgenommen werden. Und dann müssen wir sprechen über die Sensibilität für das Thema. […] Dass wir nicht mehr nur die Kommentare von den männlichen Kollegen hören: Oh, mit einer Frau das zu teilen, da weiß ich gar nicht, ob ich das überhaupt möchte.

World Youth Orchestra und Alison Balsom an der Trompete, 2007
Alison Balsom Bildrechte: IMAGO / Kai Bienert

Beim Thema Frauen an der Trompete gibt es ermutigende Entwicklungen: Einerseits machen Solistinnen wie Alison Balsom glänzende Karrieren. Beim ARD-Wettbewerb in München ist 2018 der erste Preis in der Kategorie Trompete erstmalig an eine Frau vergeben worden. Andererseits spielen nur fünf Frauen derzeit in so genannten A-Orchestern, großen Klangköpern mit höchster Gehaltsstufe. Das ist nicht viel bei 238 freien Stellen. Eine Frau mit Trompete: Das wird wohl vorerst ein seltenes Bild bleiben. Laura Vukobratović hat ihre Mannheimer Stelle als Solotrompeterin schon vor Jahren aufgegeben. Auf eine führende Position wie diese hat es seitdem keine Trompeterin wieder geschafft.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 25. Oktober 2021 | 08:56 Uhr

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