Premiere in Freiberg "Die menschliche Stimme": Choreografin Arila Siegert gibt Seeleneinblicke

Seit mehr als 60 Jahren erfreut sich die Monooper "La voix humaine" von Francis Poulenc großer Beliebtheit. In den vergangenen Pandemie-Jahren stand das Stück besonders häufig auf den Spielplänen – denn normalerweise steht nur eine Sängerin auf der Bühne und führt ein Gespräch durch ein Telefon. In Freiberg und Döbeln ist auf der Bühne jedoch mehr los. Die Regisseurin Arila Siegert fand am Mittelsächsischen Theater einen zeitlosen Zugang.

Eine Frau in einem gräulichen Mantel lehnt an einer Säule. Davor tanzt ein Paar eng umschlungen.
Bildrechte: HL Böhme

Plötzlich kann sie sich nicht mehr bewegen. Zwischen den vier Säulen auf der Freiberger Bühne, die wie in den Raum gemalt wirken, spannen sich schwarze Kabel. Darin hat sich die Frau in dem schlichten, roten Kleid verheddert. Es gelingt ihr nicht, Unbeschwertheit vorzuspielen. Schließlich lockern sich die Kabel und sie rutscht verzweifelt zu Boden. 

1930 hat der Dichter Jean Cocteau eine Szene geschrieben, die viele aus dem Alltag kennen: eine Seite eines Telefongesprächs. In "Die menschliche Stimme" (orig. "La voix humaine") versucht eine Frau verzweifelt ihren Geliebten zu erreichen, der sich gerade von ihr getrennt hat. Am Telefon fällt es ihr zunächst leicht, die Fröhliche zu spielen. Dann bricht die Wahrheit aus ihr heraus. In ihrer Verzweiflung legt sie das Telefonkabel um ihren Hals, wie um sich zu erdrosseln. 

Zeitlose Interpretation am Mittelsächsischen Theater 

Im Zeitalter von Smartphone und Bluetooth-Kopfhörer wirken Telefonkabel ausgefallen. Die Regisseurin und Choreografin Arila Siegert hat für dieses Problem eine spannende Lösung gefunden: Die Bühne zeigt nicht das Wohnzimmer der namenlosen Protagonistin, sondern ihr Inneres, ihr Seelenleben. Zeitweise spannt sich durch diesen irrealen Ort kreuz und quer ein Kabel, das aber nicht zu einem Telefon führt. Es steht für die Verbindung, die jeder Mensch zu anderen sucht oder für die kleinen Lügen, in denen sich die Protagonistin verstrickt. 

Eine Frau hängt über einer Sofalehne. Ein Tänzer in schwarzer Kleidung und eine Tänzerin mit rotem Rock posieren daneben.
Geschickt zeigt Arila Siegert, wie die Stimmung der Frau sich beim Telefonat verändert. Bildrechte: HL Böhme

Vor ihrer Karriere als Opernregisseurin war Arila Siegert Tänzerin und Choreografin. Für ihre Inszenierung in Freiberg greift sie auf den Tanz zurück und stellt der Protagonistin zwei allegorische Figuren zur Seite: Der Besetzungszettel erklärt Aya Sone zur Seele, die die Sängerin umtanzt, mal aufrichtet oder mit dem Hut spielt, von dem die Frau erzählt. Lorenzo Malisan verkörpert den Tod. Er schreitet oft langsam über die Bühne und spannt zwischen den Säulen das lange Kabel, in dem sich die Sängerin verheddert. So wird der Tänzer für sie zur Verzweiflung. 

Auf diese Weise zeigt Siegert die Seelenzustände der Protagonistin und übersetzt sie in deutliche Bilder: Gerade ist die Verbindung wieder abgebrochen und die Frau erreicht ihren Geliebten nicht. Sie sinkt an einer Säule zu Boden und deckt sich mit einem gräulichen Mantel zu. Der Tod steht hinter dieser Säule und lässt weiße Flocken auf sie schneien. – Die Kälte der Verzweiflung wird spürbar. 

Wunderbare Musik 

Francis Poulenc hat das Stück von Jean Cocteau kongenial in Musik gesetzt. Das Publikum erlebt nur eine Seite des Gesprächs. Was auf der anderen Seite der Leitung passiert, muss es sich aus den Antworten der Frau erschließen oder aus der Musik heraushören. Nur hin und wieder steigert sich das Zwiegespräch zwischen Gesang und Orchester zu melodramatischen Momenten, in denen sich die Frau in ihren Gefühlen verliert. Dieses Wechselspiel setzt Dirigent José Luis Gutiérrez Hernandez wunderbar um und bringt die Mittelsächsische Philharmonie in Kammerbesetzung immer auf den Punkt zum Klingen. 

Eine Frau ist an eine Säule gebunden und singt mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Die Sopranistin Leonora Weiß-del Rio überzeugt mit ihrer Ausdrucksstärke. Bildrechte: HL Böhme

Auch die Sopranistin Leonora Weiß-del Rio überzeugt als verlassene Frau auf ganzer Linie: Glaubhaft spielt sie die aufgesetzte Freude einer jungen Frau und die Verzweiflung einer von der Liebe Gezeichneten. Sie wechselt problemlos vom sprechnahem zum ariosen Gesang. Der Text (es wird in Deutsch gesungen) bleibt fast immer klar verständlich. Nur an einer Stelle übertönt das Orchester die Sängerin – weil sie gerade von ihren Gefühlen überwältigt wird. Leider gibt es punktuell Längen. Statt die Spannung in den Unterbrechungen auf Null sinken zu lassen, um sie wieder neu aufzubauen, bleibt die Energie immer auf einem ähnlichen Level. Dadurch erwartet man, dass das dramatische Ende bald kommt. Da die Momente der "Langeweile" nur kurz anhalten, bleibt es ein kleiner Wermutstropfen. 

Unnötige Kombination in Freiberg 

Eine Sängerin hat sich einen Mantel umgehängt. Hinter ihr steht ein blass geschminkter Mann.
Poulencs Monooper erzählt von der Schwierigkeit, Beziehungen aufzubauen. Bildrechte: HL Böhme

Poulencs "La voix humaine" wird meist, um den Abend zu füllen, mit einem weiteren Werk verbunden. In Döbeln setzt die Theaterleitung auf die gut erprobte Kombination mit Gian Carlo Menottis Kurzoper "Das Telefon" in einer Inszenierung von Noch-Intendanten Ralf-Peter Schulze. Für Freiberg wurde eine ungewöhnliche Lösung gefunden: In der Pause wandert das Publikum in die gegenüberliegende Konzertkirche, wo das "Te Deum" von Arvo Pärt gespielt wird. 
Mit Wohlwollen lassen sich da Verknüpfungen erkennen: Auch bei diesem oratorienhaften Stück geht es um die Kommunikation mit einem Abwesenden. Arvo Pärt selbst schrieb zu seinem Stück, es sei die "Suche nach etwas ständig Entgleitendem". Auch der Wechsel zwischen Gesang und Orchester findet sich wieder, den Chordirektor Peter Kubisch mit viel Gespür einstudiert hat. Durch den Ortswechsel und die unterschiedliche Aufführungssituation wirken beide Teile losgelöst voneinander, bestenfalls zusammengekittet. Im Zusammenspiel gerät der Abend zu schwer und voll. 

Vielleicht wäre es besser gewesen, sich auf die Inszenierung von "Die menschliche Stimme" zu beschränken. Denn Arila Siegert schafft es wunderbar, die allgemein menschlichen und damit zeitlosen Aspekte herauszuarbeiten und in Bilder zu übersetzen. Der jubelnde Applaus für alle Beteiligten war verdient. Ob es den zweiten Teil da noch braucht, kann jede und jeder selbst entscheiden.

Weitere Informationen "Die menschliche Stimme" von Jean Cocteau und Francis Poulenc

Musikalische Leitung: José Luis Gutiérrez Hernandez
Regie und Choreografie: Arila Siegert
Ausstattung: Marie Luise Strandt
Mit: Leonora Weiß-del Rio, Aya Sone und Lorenzo Malisan

"Te Deum" von Arvo Pärt

Musikalische Leitung: Peter Kubisch
mit dem Opernchor des Mittelsächsischen Theaters, dem Max-Klinger-Kammerchor Leipzig, dem A-cappella Kammerchor Freiberg dem Jugendchor "Voice Dance" und Mitgliedern der Mittelsächsischen Philharmonie

Termine in Freiberg (mit "Te Deum"):
24. April, 17 Uhr
27. April, 19.30 Uhr
3. Mai, 19.30 Uhr
7. Mai, 19.30 Uhr

Termin in Döbeln (mit "Das Telefon" von Gian Carlo Menotti):
1. Mai, 19 Uhr

Musiktheater in Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 16. April 2022 | 09:10 Uhr

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