"A Gentle Spirit" und "The Bear" Zwei Kammeropern in Gera: Macht und Gefühlsstau

Beim ersten Hinhören scheinen diese beiden Kammeropern nichts gemeinsam zu haben: Am Theater Altenburg-Gera werden "A Gentle Spirit" und "The Bear" zusammen gespielt. Bei dem Doppelabend wird deutlich, wie viel die Stücke verbindet: Es geht um Ehe, um Beziehungen und unterdrückte Gefühle.

Eva-Maria Wurlitzer als Popova und Kai Wefer als Luka
Bildrechte: Ronny Ristok/Theater Altenburg-Gera

Obwohl die beiden Stücke im 20. Jahrhundert in England entstanden sind, könnten sie stilistisch kaum unterschiedlicher sein: In "A Gentle Spirit" von John Tavener gibt es kaum Melodien, dafür viel Schlagwerk und Dissonanzen. Der Komponist William Walton hingegen knüpft eher an die Spätromantik an mit Melodien à la Puccini und Klängen wie bei Tschaikowsky.

Dennoch verbindet beide Stücke erstaunlich viel, erklärt Intendant und Regisseur Kay Kuntze: "In beiden spielt ein Duell eine wesentliche Rolle. Es gibt in beiden eine Ehegeschichte und einen Toten. Beide basieren auf Texte von russischen Dichtern aus dem 19. Jahrhundert, die beide jeweils von englischen Komponisten des 20. Jahrhunderts vertont wurden." Diese Gemeinsamkeiten schaffen eine Klammer für den Doppelabend, sodass sich beide Stücke gegenseitig ergänzen.

Erinnerungsräume auf Geraer Bühne

Ein Mann im Anzug hockt neben einer liegenden Frau auf der Geraer Bühne.
Isaak Lee singt den Mann in John Taveners "A Gentle Spirit" Bildrechte: Ronny Ristok/Theater Altenburg-Gera

Eine Frau liegt neben dem Orchestergraben am Bühnenrand, scheinbar tot. Ihr Ehemann tritt neben sie, die Aufregung ist seiner Stimme anzuhören. Wie in der Vorlage von Fjodor Dostojewski erinnert er sich an wichtige Momente in ihrer Beziehung: Wie sie sich kennenlernten und wie sie sich auseinanderlebten. Dafür tritt er auf der Geraer Bühne hinter einen durchsichtigen, schwarzen Vorhang. Hier ist seine Frau noch lebendig: Ganz in weiß gekleidet bewegt sie sich wie eine Lichtgestalt. "Das passt genau zur Musik", erklärt der musikalische Leiter Ruben Gazarian. Denn die Musik ist von Extremen bestimmt: mal sehr laut, mal sehr leise, mal sehr hoch:

Die Musik ist schwarz-weiß. Es ist entweder kochend heißes Wasser oder eiskalte Dusche.

Ruben Gazarian, Musikalischer Leiter

Der Tenor Isaak Lee muss dabei auch immer wieder an die oberen Grenzen seines Stimmumfangs gehen: "Fast 80 Prozent der Partie fordert die volle Stimme. Aber dann ist sie wieder sehr sensibel. Da muss man eine sehr gute Balance finden." Weder in den sensiblen, leisen Stellen, noch in den lauten Momenten gibt es Entspannung, erzählt Ruben Gazarian – bis zum Schluss nicht. "Das ist einfach nur permanente Reibung mit kleinen Intervallen", erläutert der Dirigent.

Spärlich beleuchtet halten sich zwei Sänger an den Händen.
Die Geraer Inszenierung setzt auf Minimalismus. Bildrechte: Ronny Ristok/Theater Altenburg-Gera

Dramatische Ehegeschichte

Diese Spannung in der Musik spiegelt jedoch nicht die Trauer des Witwers, sondern die Probleme in seiner Ehe: Über all die Jahre hatte er ihr verschwiegen, wie er in seiner Armee-Zeit ein Duell verweigert hat und deswegen in Ungnade gefallen ist. Es sei die Geschichte einer Misshandlung, meint Kay Kuntze:

Das ist ein seelisch völlig deformierter Mensch, der nur über den Missbrauch einer anderen, noch jämmerlicheren Kreatur sich selbst beginnt zu spüren.

Kay Kuntze, Regisseur

Für Sängerin Miriam Zubieta geht es dabei nicht in erster Linie um Ehe oder Liebesbeziehungen, viel allgemeiner zeigt es, "wie Menschen mit Emotionen umgehen, die innerlichen Kämpfe." Als einen möglichen Grund für diese innerlichen Kämpfe erkennt Zubieta die gesellschaftlichen Rollenbilder: dass Männer immer hart und gefühlskalt sein sollen. Das bestätigt auch Isaak Lee, der in Südkorea genau so aufgewachsen ist. Aber auch auf der Bühne halten die beiden ihre Gefühle zurück, "sonst könnte man das nicht ertragen", so Zubieta.

Kulissenzauber aus den Geraer Werkstätten

Während die Frau in "A Gentle Spirit" daran zerbricht, von ihrem Mann nicht wahrgenommen zu werden, triumphiert die Popova. Sie ist stolz darauf, auch als Witwe noch treu zu sein, obwohl ihr Mann sie immer wieder betrogen hat. Auf der Geraer Bühne wird das versinnbildlicht durch einen riesigen, in Falten liegenden Teppich, unter den alles gekehrt wurde und auf dem die Popova ganz in Schwarz in einem Schlitten sitzt.

Eine Frau sitzt auf einem Schlitten, an dem zwei Männer ziehen.
Popova ist frisch verwitwet und soll die Schulden ihres Mannes bezahlen. Bildrechte: Ronny Ristok/Theater Altenburg-Gera

"The Bear" ist ein skurril-komisches Stück nach einem Einakter von Tschechow. Ein Mann namens Smirnow erscheint auf dem Anwesen, der sein Geld vom Verstorbenen zurückhaben will. Es kommt zu viel Streitereien, einigem Slapstick und am Ende auch zu einem Liebesgeständnis. Die größte Herausforderung war das Bühnenbild, erinnert sich Kay Kuntze, "weil es so viele Absturzkanten hat." Deswegen war bei dieser Inszenierung das Wichtigste, die Abläufe ständig zu wiederholen, damit sie wie von selbst und ganz organisch gespielt werden können.

Zwei Sänger knien sich gegenüber und schauen sich herausfordernd an.
Am Ende erkennen Popova und Smirnow ihre Liebe zueinander. Bildrechte: Ronny Ristok/Theater Altenburg-Gera

Unterstützt werden die Aktionen durch die Musik, so Ruben Gazarian: "Das Orchester kommentiert permanent und untermalt. Wenn auf der Bühne eine andere Fassade vorgespielt wird als das, was tatsächlich gemeint ist, dann erkennt man an der Musik, was wirklich ist." Denn auch in diesem Stück geht es um unterdrückte Gefühle, erzählt Sängerin Eva-Maria Wurlitzer: "Bei ihrem verstorbenen Mann hat sie immer geschwiegen. Und jetzt kann sie sagen, was sie will, was ihr passt und was nicht. Es ist irgendwie toll, weil die zwei sich finden und auch bei ihm kann sie sich behaupten." Auf diese Weise bricht die Figur der Popova letztlich den Panzer von Smirnow auf und auch aus ihrer Rolle der Ehefrau aus. So zeigt der Abend am Theater Gera, wie gut es tun kann, Gefühle offen zu zeigen.

Weitere Informationen "A Gentle Spirit" von John Tavener und "The Bear" von William Walton wird in Gera an einem Abend mit Pause gezeigt.

Musikalische Leitung: Ruben Gazarian
Inszenierung: Kay Kuntze
Ausstattung: Benita Roth
Mit: Miriam Zubieta, Isaac Lee, Eva-Maria Wurlitzer, Johannes Beck, Kai Wefer

Termine:
10., 11., 17. Dezember, 27. März und 18. Juni jeweils um 19.30 Uhr

Weitere Opern-Themen bei MDR KLASSIK

Das Gebäude der Deutschen Oper Berlin, 1998
Die Deutsche Oper Berlin wurde 1961 eröffnet und ist das größte der drei Opernhäuser in Berlin. Das Gebäude war Ersatz für die an gleicher Stelle im Zweiten Weltkrieg zerstörten Deutsche Oper. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 10. Dezember 2021 | 09:10 Uhr

Meistgelesen/Meistgehört

MDR KLASSIK auf Social Media