Frauentagspezial Wie steht es um die geschlechtliche Gleichstellung in mitteldeutschen Berufsorchestern?

In den Berufsorchestern in Mitteldeutschland ist inzwischen rund jeder dritte Platz von einer Frau besetzt. Es gibt jedoch immer noch Instrumente, an denen fast keine Frau zu finden ist. Dazu gehören Kontrabass, Horn und Schlagzeug. MDR KLASSIK hat Musikerinnen und Musiker getroffen und nachgefragt, was getan werden muss, damit mehr Instrumentalistinnen aus diesen Stimmen Karriere machen können.

Xizi Wang
Paukistin Xizi Wang hat in Shanghai Schlagzeug gelernt. Frauen an diesem Instrument sind für sie ganz normal. Im Studium in Wien wird ihr jedoch signalisiert, dass es ungewöhnlich ist, als Frau Schlagzeug zu spielen. Bildrechte: Gerard Spee

Die Klischees über typisch männliche und typisch weibliche Instrumente sind eigentlich längst überholt. Aber in den Berufsorchestern zeichnen sich solche Tendenzen noch deutlich ab. So sind beispielsweise die Kontrabässe meist rein männlich besetzt. Nur hier und da findet sich eine Frau allein in der Gruppe.

Frithjof-Martin Grabner ist Kontrabass-Professor an der Musikhochschule in Leipzig. Er sieht seine Aufgabe an der Universität darin, Rollenklischees aufzubrechen: "Das ist eigentlich schon die Aufgabe von früheren Generationen gewesen. Damit man die Klischees nicht mehr bedient, wie: man braucht Kraft um so ein Instrument zu spielen und Frauen können das physisch nicht leisten."

Frauen am Kontrabass

Grabner hat für MDR KLASSIK ausgerechnet, wie viele junge Musikerinnen und Musiker sich in den letzten 25 Jahren bei ihm vorgestellt haben. Das Ergebnis: 26% davon waren Frauen. Das ist eine deutlich höhere Quote als in den Berufsorchestern.

Frau spielt einen Bass 4 min
Bildrechte: IMAGO / Eibner
4 min

MDR KLASSIK Di 08.03.2022 09:10Uhr 04:26 min

https://www.mdr.de/mdr-klassik-radio/klassikthemen/mitteldeutschland-orchester-klassik-gleichstellung-frauentag-100.html

Rechte: MDR KLASSIK

Audio

Anna-Dorothea Promnitz ist eine von ihnen. Letztes Jahr hat sie ihren Master in Leipzig abgeschlossen. Derzeit bewirbt sie sich auf Orchesterstellen. Als Kind lernte sie zunächst Cello bevor sie als Jugendliche den Kontrabass ausprobierte und nicht mehr davon loszureißen war. Für sie selbst war es nichts besonders als Mädchen Bass zu spielen – für andere offenbar schon:

Sobald man das erste mal mit einem Kontrabass über die Straße läuft, spricht dich jeder an: So eine kleine Frau mit so einem großen Instrument!

Anna-Dorothea Promnitz, Kontrabassistin

Wunsch nach Gleichberechtigung

Über den Anteil von Bassistinnen in Berufsorchestern denkt die Musikerin erst später im Studium nach, als sich der Wunsch nach der Orchesterkarriere abzeichnet. Dabei prägt sie eine Erinnerung, die sie nach einem Probespiel für eine Akademiestelle macht.

Zahlen und Fakten: Bundesweite Situation Derzeit sind rund 40 % aller Orchesterstellen mit Frauen besetzt, das hat letztes Jahr eine erste bundesweite Auswertung gezeigt. In den Spitzenorchestern sind es mit 34,5 % weniger.

Als Promnitz Feedback von den Bassisten einholt, sagt einer zu ihr, dass sie grundsätzlich gut gespielt, es aber leider nicht gereicht habe. "Er sagte dann, er wolle jetzt mal mutig sein und das sagen, was wohl alle denken, aber die meisten nicht sagen: als Frau müsse man grundsätzlich besser spielen, um gleich behandelt zu werden. Das ist kein Scherz! Das hat er mir so gesagt und das hat meine Laufbahn schon geprägt, weil ich diesen Satz immer im Hinterkopf hatte," erzählt die junge Kontrabassistin.

Inzwischen findet sie den Satz einfach nur frauenfeindlich und ist überzeugt, dass nicht alle so denken. Sie lässt sich bei der Stellensuche nicht davon beirren und konzentriert sich darauf, ihr Können zu zeigen. In einigen Ausschreibungen fällt ihr der Satz auf: Frauen werden bei gleicher Eignung bevorzugt. Das ermutigt sie – mehr Maßnahmen, etwa eine Quote, wünscht sie sich aber nicht.

Ich will  auch nicht, dass es dann irgendwann heißt, dass Männer eigentlich keine Chance mehr haben. Noch ist es tatsächlich so, dass es in den Orchestern im Bass nicht unendlich viele Frauen gibt, aber das ist tatsächlich eine Frage der Zeit, bis sich das ändert.

Anna-Dorothea Promnitz, Kontrabassistin

Männer an der Harfe

Eine Stimme, in der wiederum Männer unterrepräsentiert sind, ist die Harfe. In den fünf größten Orchestern in Mitteldeutschland ist Andreas Wehrenfennig von der Staatskapelle Halle der einzige Mann an dem Instrument. Wieso die Harfe so stark weiblich konnotiert ist, dafür vermutet er den Grund in einer ganz bestimmten Vorbildfigur:

Zur Entstehung der modernen Harfe mit Pedalmechanik Ende des 18. / Anfang des 19. Jahrhunderts ist sie in Paris zu einem Modeinstrument geworden. Nicht zuletzt, weil Marie Antoinette Harfe gespielt hat. Wahrscheinlich war sie dann das Vorbild für viele adelige Damen und dadurch ist wahrscheinlich dieses Bild entstanden.

Andreas Wehrenfennig, Harfenist
Harfe mit Händen
Immer hat es aber auch berühmte Professoren an der Harfe gegeben und auch in der Volksmusik wurde das Instrument viel von Männern gespielt. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Gerhard Leber

Wehrenfennig unterrichtet an der Hochschule in Rostock und am Latina-Gymnasium in Halle. Das Verhältnis an Schülerinnen und Schülern ist dort ausgeglichen: "Ich selbst habe das nie als etwas besonderes empfunden, dass ich als Junge oder Mann Harfe spiele, aber natürlich wird man schon oft drauf angesprochen. Es gibt natürlich die Klischeebilder: die Harfe ist ein schönes Instrument und da möchte man da eben eine wunderbare Harfenfee dran sehen. Ich finde es schön, wenn sich Klischeebilder auflösen!"

Zahlen und Fakten: Situation an Berufsorchestern in Mitteldeutschland

• Im Jahr 2020 lag der Frauenanteil in den 129 öffentlich finanzierten Orchestern in Deutschland bei 39,6%. In höheren Dienststellungen wie Konzertmeister-, Stimmführer- und Solopositionen sind es mit 28,4% deutlich weniger.
• Unter den fünf größten Orchestern in Mitteldeutschland...
...hat die Staatskapelle Weimar mit rund 38% den höchsten Frauenanteil. Davon spielen auch viele Musikerinnen in führenden Positionen.
...mit nur 30% Frauenanteil bildet die Staatskapelle Dresden das Schlusslicht.
• Besonders unausgewogen ist die Besetzung in den Harfen, im Kontrabass, im Schlagzeug und in den Blechblasinstrumenten, wobei im Horn noch deutlich mehr Frauen zu finden sind als an Trompete, Posaune oder Tuba. An der Staatskapelle Halle führen drei Frauen die Hornstimme, und auch an der Jenaer Philharmonie sind drei Hornistinnen im Dienst.
• Der Frauenanteil steigt in den meisten Orchestern kontinuierlich, z.B. im Gewandhausorchester von 11% im Jahr 1993, über rund 29% im Jahr 2014 bis zum heutigen Stand von etwa 37%.
• An den Musikhochschulen studieren bereits mehr weibliche als männliche Studierende, wobei es auch im Studium schon große Unterschiede zwischen den einzelnen Stimmfächern gibt.

Frauen am Schlagwerk

An Vorbildern hat es der Paukistin Xizi Wang nie gemangelt. Am Musikgymnasium in Shanghai war ihre Schlagzeuglehrerin eine Frau und drei Viertel der Klasse Mädchen. Erst im Studium in Wien wird ihr signalisiert, dass es ungewöhnlich ist, als Frau Schlagwerk zu spielen.

Dann kamen auch schon ein paar nicht sehr schöne Momente, wo Leute sagen: Für eine Frau spielst du nicht schlecht.

Xizi Wang, Paukistin
Xizi Wang 5 min
Bildrechte: TWOSYDE
5 min

MDR KLASSIK Mi 09.03.2022 09:10Uhr 04:34 min

https://www.mdr.de/mdr-klassik-radio/klassikthemen/mitteldeutschland-orchester-klassik-gleichstellung-frauentag-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Ihr Eindruck: Als asiatische Frau wurde sie schon für Akademien viel seltener zum Probespiel eingeladen als männliche, europäische Kommilitonen. Die Bewerbungs- und Probespielverfahren sind gefürchtet und viel kritisiert. Die Orchester legen wert darauf, basisdemokratisch zu entscheiden.

Simon Lauer ist Schlagzeuger und Gleichstellungsbeauftragter am Deutschen Nationaltheater Weimar. Wie bei den meisten Orchestern findet an der Staatskapelle Weimar die erste Probespielrunde hinter einem Sichtschutz statt – so soll nur nach musikalischer Qualität entschieden werden. "Jedes einzelne Orchestermitglied hat ein Stimmrecht und unter welchen Gesichtspunkten sie abstimmen, muss keiner erklären", so Lauer.

Wie bei den meisten Orchestern findet an der Staatskapelle Weimar die erste Probespielrunde hinter einem Sichtschutz statt, damit nur nach musikalischer Qualität entschieden wird.

Gleichberechtigung durch Onlineplattform

Doch es fängt schon bei der Frage an, wer überhaupt eingeladen wird. Hier hat eine neue Onlineplattform viel verändert, auf der inzwischen alle großen Orchester ausschreiben. Die Staatskappele Weimar nutzt muvac seit 2018. Lauer sieht darin einen großen Schritt für mehr Gleichberechtigung: "Früher war es so, dass man sich mit Bewerbungsmappen an einen Tisch gesetzt hat und jetzt gibt es dieses Portal: Man kann es durchsehen, wann man möchte und kann Bemerkungen ergänzen. Zusätzlich gibt es eine Beobachterfunktion. Man kann sehen, wer eingeladen wird und wer nicht."

Frauen am Horn

Anne Grethen
Die Hornistin Anne Grethen möchte Frauen Mut machen, sich für Führungspositionen in Orchestern zu bewerben. Bildrechte: Andreas Schlager

Anne Grethen ist seit zwei Jahren stellvertretende Solo-Hornistin an der Staatskapelle Weimar. Sie ist die einzige Frau in ihrer Stimme. Gerade in führende Position schaffen es Frauen deutlich seltener als in die Tutti-Stimmen. Das zeigte im letzten Jahr eine Studie des Deutschen Musikrats und des Deutschen Musikinformationszentrums. Damit sich das ändert, sieht Anne Grethen Handlungsbedarf auf beiden Seiten:

Man sollte vor allem den Frauen mehr Mut machen, dass sie das Risiko eingehen. Auf der anderen Seite muss man den Leuten sagen, dass Frauen nicht schlechter spielen. Damit sie nicht denken, eine Frau kann diese Führungsposition nicht ausfüllen.

Anne Grethen, Hornistin

Mut machen und umdenken

Die Hornistin denkt auch, dass es mehr gezielte Förderung an Musikhochschulen braucht. Denn sie selbst absolvierte ein spezielles Stipendium für Blechbläserinnen, das ihr sehr geholfen habe. Aber auch Workshops oder Fortbildungen in den Orchestern seien essentiell, um dort ein Umdenken anzuregen. Das findet auch Xizi Wang: "Die Pauke ist quasi die Stimmführerin von der Gruppe und ich kann mir gut vorstellen, dass nicht alle Männer das wirklich akzeptieren."

Die Musikerin meint außerdem, dass man den Betroffenen ihre diskriminierenden Erfahrungen nicht absprechen darf. Sie hat das selbst oft genug erlebt. Wenn es beim Probespiel wieder nicht klappt, wird nur auf die individuelle Leistung geschaut, aber strukturelle Probleme werden nicht beachtet. Dafür sollten Lehrende sensibilisiert werden. 

Orchester im Wandel

Die Mentalität und die Geschlechteranteile in den Orchestern wandeln sich langsam. Das sollte sich nun auch in ganz praktischen Dingen äußern: zum Beispiel in entsprechenden Toiletten, Stimmzimmern und Garderoben, die nicht auf reine Männergruppen ausgerichtet sind. Auch die Kleiderordnung könnte bald überholt sein. Noch heißt es darin, dass Männer im Frack und Frauen "entsprechend" gekleidet sein sollen.

Simon Lauer
Gleichstellungsbeauftragter Simon Lauer wünscht sich noch mehr Wandel in Berufsorchestern, um allen Geschlechtern gerecht zu werden. Bildrechte: Candy Welz

Was wenn die Frauen irgendwann in der Mehrzahl sind, so wie es an den Musikhochschulen bereits der Fall ist? "Es entsteht die Frage, wer sich eigentlich wem entsprechend kleidet. Warum sollen sich jetzt – ich übertreibe mal – 80 Frauen entsprechend 10 Männern kleiden? Und was ist mit denen, die sich weder als Mann noch als Frau definieren, für welche Kleiderordnung sollen die sich denn entscheiden," fragt sich Simon Lauer.

Fest steht: Die Berufsorchester sind im Wandel – besonders in den fusionierten Orchestern in Mitteldeutschland, zum Beispiel in Plauen-Zwickau oder Gotha-Eisenach, stehen in den nächsten Jahren Pensionierungswellen an und es werden viele Orchesterstellen frei, auf die Frauen nachrücken können.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 08. März 2022 | 09:10 Uhr

Meistgelesen bei MDR KLASSIK

MDR KLASSIK auf Social Media