Krieg in der Ukraine Oleksandr Pushniak: "Das ist meine Heimat. Gestern schien alles friedlich und jetzt kommt wirklich ein Krieg!"

Der ukrainische Bariton Oleksandr Pushniak nennt die Situation nur schwer verkraftbar. Pushniak verkörpert in Weimar am Deutschen Nationaltheater gerade einen Potentaten, der durch Macht deformiert wurde. Der römische Kaiser Caligula, der nach dem Tod seiner Schwester jeden Bezug zur Realität verliert, dem immer mehr Menschen zum Opfer fallen, bis er schließlich ermordet wird. Wie er die Situation in seinem Heimatland Ukraine gerade erlebt, was es für die Kultur dort bedeutet, schilderte er MDR Klassik.

Oleksandr Pushniak 4 min
Bariton Oleksandr Pushniak erzählt im Gespräch mit MDR KLASSIK wie er die Situation in seinem Heimatland einschätzt. Bildrechte: Candy Welz
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"Gestern schien alles friedlich und jetzt kommt wirklich ein Krieg!" Der ukrainische Sänger ist schockiert über die Vorgänge in seiner Heimat.

MDR KLASSIK Fr 25.02.2022 07:13Uhr 04:09 min

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MDR KLASSIK: Sie kommen gerade aus einer Probe am Deutschen Nationaltheater in Weimar, wo sie am Freitag den Caligula singen werden. Müssen Sie sich gerade dazu zwingen, zu arbeiten, zu probieren?

Oleksandr Pushniak: Natürlich bin ich schockiert. Das ist meine Heimat. Gestern schien alles noch friedlich und jetzt kommt wirklich ein Krieg! Das ist psychisch nicht so einfach.

Wann und wie haben Sie heute von dem Angriff Russlands auf die Ukraine erfahren?

OP: Das war morgens. Ich habe die Nachrichten gelesen.

Sie verkörpern in Weimar am Deutschen Nationaltheater einen Potentaten, der durch die Macht deformiert wurde – der römische Kaiser Caligula. Die Premiere war erst vor kurzem und es gibt unverkennbar Bezüge zur heutigen Zeit, allerdings nicht direkt zu Wladimir Putin. Trotzdem könnte man meinen, dass die Kunst gerade von der Realität eingeholt wird. Sehen Sie Bezüge zwischen der Figur dieses Caligula in der Oper von Detlev Glanert und Wladimir Putin? Und wenn ja, welche wären das?

OP: Ich verstehe ihre Frage und ich muss sagen, ich bin sehr glücklich, dass ich diese Rolle verkörpern kann. Aber man darf die Realität nicht mit dem Theater verwechseln. In meiner Heimat ist Krieg und Krieg bedeutet: verbrannte Menschen, Menschen in Panzern, ein Vater, der nicht mehr nach Haus kommt, Blut auf dem Asphalt. Ich kann das also nicht vergleichen.

Sie haben in Kiew studiert und arbeiten seit einigen Jahren vor allem im deutschsprachigen Raum. Warum haben Sie sich dazu entschieden, hier zu arbeiten und nicht in ihrer Heimat?

OP: Die Opernwelt ist anderswo größer als in der Ukraine. Das ist also eine ganz praktische Sache. Und natürlich haben wir schöne Opernhäuser dort, wie in Lwiw und in Odessa, aber die Perspektive für uns Sänger ist schon besser in Europa als in meiner Heimat.

Natürlich sind es die großen Städte wie Lwiw oder Odessa, Kiew oder Charkow, die über Opernhäuser verfügen. Wissen Sie, wie es Ihren Künstlerkollegen und -kolleginnen geht? Wie ist die Situation der Kulturinstitutionen in der Ukraine in dieser spannungsgeladenen Zeit?

OP: Bis heute war natürlich alles so relativ normal, weil es noch keinen großen Krieg gab. Es war eher wie ein schlafender Krieg. Aber ab heute wird als erstes die Kultur unter dem Krieg leiden. Ab heute ist es wirklich etwas Neues und Größeres. Das ist nicht nur eine kleine lokale Invasion, das ist ganz großer Krieg.

Leipzig, wo sich das MDR KLASSIK-Studio befindet, ist Partnerstadt ist von Kiew. Kann die Kultur Ihrer Meinung nach einen Beitrag leisten in diesen Zeiten? Und wenn ja welchen?

OP: Ich glaube, dass in dieser jetzigen Situation die Kultur praktisch nichts leisten kann.

Gibt es etwas, wovor sie momentan Angst haben?

OP: Was ich jetzt fühle ist keine Angst, eher Verzweiflung.

Das Gespräch führte Bettina Volksdorf für MDR KLASSIK.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 25. Februar 2022 | 07:13 Uhr

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