Händel-Festspiele Halle Wie das Händel-Haus in Halle zum wichtigen Erinnerungsort wurde

Das Händel-Haus in Halle ist ein Zentrum der Händel-Pflege. Das Haus, in dem Halles berühmtester Sohn 1685 geboren wurde, gibt einen Überblick über Werk und Leben des Komponisten. Der Neubau daneben zeigt historische Musikinstrumente und die ebenfalls hier ansässige Hallische Händel-Ausgabe liefert regelmäßig Beiträge zur internationalen Forschung. Doch nicht immer stand die Institution so gut da. Der langjährige Direktor Edwin Werner erinnert sich:

Blick aus der Luft auf das Händelhaus in Halle 6 min
Bildrechte: Imago Steffen Schellhorn
6 min

Lange wurde das Händelhaus in Halle sich selbst überlassen. Als Direktor kämpfte Edwin Werner für den historischen Ort und begleitete den Umbau zum Museum. Tobias Barth hat ihn getroffen.

MDR KULTUR - Das Radio Do 02.06.2022 11:57Uhr 05:51 min

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Dr. Edwin Werner ist schon lange im Ruhestand, doch er gibt immer noch gern Auskunft über das Haus, das über 40 Jahre seine Wirkungsstätte war. Er erinnert sich noch an den Zustand des Händel-Hauses, als er 1967 im historischen Haus an der Nikolaistraße anfing: "Es ging überhaupt nicht vorwärts. Vor allem das Gebäude befand sich in desolatem Zustand. Die Händelausstellung war damals schon überaltert, die stammte von 1952. Es war noch nicht einmal Geld für Renovierungen da, damit man mal die Wände streichen konnte."

Schwerer Start für das Museum

Bis Ende den 18. Jahrhunderts ist das Gebäude im Besitz der Händel-Familie, dann geht es in andere Hände. Im 19. Jahrhundert scheitern Initiativen für eine Museumsgründung am Unwillen der jeweiligen Besitzer. Erst 1937 kann die Stadt Halle das inzwischen desolate Haus kaufen. Doch der Krieg macht die überfällige Sanierung unmöglich.

Schwarz-Weiß-Aufnahme des Händel-Hauses
Das Händelhaus um 1870. Bildrechte: Stiftung Händel-Haus

Später setzt sich vor allem der Kulturreferent der Stadt Halle, Herbert Koch, für die Instandsetzung des Hauses ein. Er erweitert die Museumssammlung, kauft wertvolle historische Instrumente und Musikalien. 1948 wird das Museum eingeweiht.

Neben dem Leben und Werk Händels steht die regionale Musikgeschichte im Fokus – alles auf kleinem Raum, erinnert sich Werner: "Da platzte das Gebäude aus allen Nähten." Für die Instrumentensammlungen war in den Räumen gar kein Platz. So wurde sie in einem einfachen Lager deponiert. Werner erinnert sich dunkel daran, dass einmal das Teerpappdach unter der Schneelast einbrach. "Da war es 1975 ein Lichtblick, als wir im sogenannten Marktschlösschen eine Etage bekamen, wo wir eine ständige Ausstellung einrichten konnten."

Neue Impulse für das Händelhaus

Als 1985 das Europäische Jahr der Musik und das damit verbundene Schütz-Bach-Händel-Jahr gefeiert werden soll, fließt endlich auch Geld für eine Teilsanierung und eine neue Dauerausstellung – nach 33 Jahren! Etwa zeitgleich beginnt auch ein anderer Umgang mit Händels Musik: Die großtönenden sinfonischen Aufführungen von Oratorien und Opern werden revidiert, der Klang verschlankt.

Ein Mann an einem Klavier
Edwin Werner war jahrelang Direktor des Händel-Hauses in Halle. Bildrechte: Horst Fechner

Der Dirigent Christian Kluttig, der die musikalische Leitung am Opernhaus übernommen hatte, tauscht sich mit Alte-Musik-Experten im In- und Ausland aus. Theoretische Forschung, die seit jeher vom Händel-Haus vorangetrieben wird, geht Hand in Hand mit der Praxis. "Anfang der 80er-Jahre gab es also ganz erstaunliche Ergebnisse", erzählt Edwin Werner. "Christian Kluttig drang darauf, dass alle Partien in den Opern in der ursprünglichen Stimmlage besetzt wurden." Zuvor war es üblich, die Partien an die Stimmlage der Sängerinnen und Sänger anzupassen.

Aufbruchsstimmung in Halle

Alles wichtige Impulse, die den Aufbruch in den Jahren nach 89/90 vorbereiten halfen. Edwin Werner will damals dem Museum mehr Raum geben, es noch mehr der Welt öffnen: "Die Stadt hatte auf meine Anregung hin beim Land in Antrag gestellt, aus dem städtischen Museum ein Landesmuseum zu machen. Das wurde sofort abgelehnt. Die fragwürdige Begründung hieß damals: Ein provinzielles Museum könne nie überregional bedeutend sein.

Exponate in einer Ausstellung
Blick in die Dauerausstellung des Händel-Hauses Halle. Bildrechte: Horst Fechner

Inzwischen ist aus dem einst städtischen Amt eine Stiftung geworden, die vom Land Sachsen-Anhalt und der Stadt Halle getragen wird. Und längst hat sich das Händel-Haus großes internationales Renommee erworben. Seine Sammlung historischer Musikinstrumente präsentiert es seit in einem würdigen Neubau gleich neben dem Geburtshaus Händels, das zum 250. Todestag des Komponisten 2009 komplett neu gestaltet wurde.

Ein Leuchtturm der Kulturlandschaft

Mittlerweile ist das Händel-Haus in Halle ein Publikumsmagnet und vereint viele Funktionen der Händelpflege unter seinen Dächern: Die Redaktion der Hallischen Händel-Ausgabe, deren Ergebnisse "sich international vergleichen lassen", wie Werner meint. "Dann ist das Händel-Haus selbst aus den Kinderschuhen herausgewachsen bei allen Beschränkungen finanzieller Art, die es immer noch gibt oder auch zunehmend wieder gibt, ist es ein Leuchtturm in der Kulturlandschaft Deutschlands."

2001 wurde das Händel-Haus in das Blaubuch der 20 wichtigsten Kulturinstitutionen der ostdeutschen Bundesländer aufgenommen. Der Musikwissenschaftler Edwin Werner kann stolz sein auf seine Zeit als Direktor, die 2006 endete. Noch immer ist der Rentner dem Haus verbunden und seine Expertise gefragt, etwa wenn es um die oftmals umstrittenen historischen Gemälde und Porträts aus der Händel-Zeit geht.

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 03. Juni 2022 | 08:40 Uhr

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