Neuer Generalmusikdirektor an der Staatskapelle Halle Fabrice Bollon: "Ich denke, man kann wieder an die ganz großen Werke gehen."

Der Pariser Fabrice Bollon wird ab Herbst nicht nur Chefdirigent der Staatskapelle Halle, sondern auch als musikalischer Oberleiter der Oper Halle auftreten. Neben ihm wurde auch Michal Sedláček zum Direktor des Balletts Halle ernannt. Bollon selbst ist aktuell Generalmusikdirektor in Freiburg im Breisgau. Am 21. Mai wird dort seine eigene Oper "The Folly" uraufgeführt. Im Gespräch mit MDR KLASSIK erzählt er von seinen Plänen für die nächsten Jahre in Halle an der Saale.

Fabrice Bollon 9 min
Seit 2008 ist Fabrice Bullon Generalmusikdirektor in Freiburg im Breisgau. Mit Beginn der Spielzeit 2022/2023 wechselt er nach Halle an der Saale. Bildrechte: Bühnen Halle
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Fabrice Bullon wird mit Beginn der Spielzeit 2022/2023 in Halle als Chefdirigent der Staaskapelle Halle und als musikalischer Oberleiter der Oper Halle mit dem Titel Generalmusikdirektor beginnen.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 11.05.2022 08:43Uhr 09:29 min

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MDR KLASSIK: Herr Bollon, Sie sind seit 2008 Generalmusikdirektor in Freiburg im Breisgau. War es für Sie jetzt an der Zeit für einen Wechsel?

Fabrice Bollon: Ja, ich denke, nach fast 15 Jahren war es an der Zeit, künstlerisch woanders hin zu gucken.

Nun wechseln Sie nach Halle.Kein einfaches Pflaster, wie ihre Vorgängerinnen Ariane Matiakh feststellen musste. Was was für Sie der Reiz an der Stadt?

Der Reiz an Halle ist die schöne Stadt, das tolle Orchester und ein ganz neues Team, was sich da in der Oper aufbaut und mit vollem Tatendrang und großer Begeisterung an die Arbeit geht.

Sie kennen die Staatskapelle auch schon, haben mit ihr bereits Konzerte gehabt. Wie haben Sie das Orchester erlebt?

Als ein sehr gutes, offenes, williges Orchester, das wirklich nach vorne gucken will und auf der Suche war nach einem Dirigenten, der vielleicht nicht unbedingt auf die große Karriere abzielt, sondern wirklich die Arbeit vor Ort machen will. Ich denke, das war ausschlaggebend für meine Ernennung.

Ihr erstes Konzert mit dem Orchester war im Oktober 2021. Haben Sie da schon geahnt, dass das ihr Orchester werden würde und dass sie dort bald Chef sein werden?

Schwierige Frage. Die Zeichen haben für mich nach Halle gedeutet. Aber im Nachhinein ist man immer klüger, nicht wahr? Es hätte auch ganz anders ausgehen können.

Sie selbst bringen ja Erfahrungen mit, sind Schüler von Michael Gielen, von Nikolaus Harnoncourt, Georges Prêtre, Mauricio Kagel. Das sind Menschen, die ganz unterschiedliche musikalische Philosophien vertreten, auch unterschiedliche Charaktere haben oder hatten. Hat das Wirken dieser Persönlichkeiten Sie stark geprägt? Und wenn ja, in welcher Weise?

Wie Sie sagen, das sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und sie haben mich alle sehr geprägt. Es hat viel Zeit für mich in Anspruch genommen als Dirigent und Komponist, das alles zu verinnerlichen und zu einem "Ich" zu kommen. Michael Gielen hat sehr streng, sehr am Text bezogen gearbeitet, Georges Prêtre fast gegenteilig, also fast nur aus Emotionalität heraus. Es war nicht so einfach, den Spagat dazwischen zu machen. Aber das hat mir sehr viele Perspektiven der musikalischen Welt gezeigt.

Jetzt, wo ich schon einige Erfahrungen sammeln konnte, denke ich, dass das schon die Sicht eines Dirigenten prägt. Also in dem Sinne, dass man nicht nur in seiner eigenen Suppe kocht, so wie man es gelernt hat. Man hat gelernt, dass es einfach sehr, sehr viele verschiedene Sichtweisen gibt. Und die gilt es als Generalmusikdirektor zu zeigen.

Man kann natürlich nicht alles verkörpern, man kann nicht alles sein. Aber genau in Halle gibt es ja im Orchester auch ein Barockorchester, das auch mit den Musikern der Staatskapelle funktioniert. Das Studium mit Gielen war sehr wichtig für das tägliche Arbeiten mit so einem großen Orchester. Man erwartet Kontinuität, man erwartet eine Form von Organisation und einen klaren Kopf. Das sind Dinge, die ich bei ihm kennengelernt habe.

Als Generalmusikdirektor haben Sie musikalisch einen starken Einfluss auf die Gestaltung des Musiktheaters in Halle. Wie wollen Sie da prägend wirken?

Ich will im Team prägend wirken. Das finde ich sehr wichtig. Und es ist genau das, was an der Konstellation in Halle so interessant ist. Es gibt nicht diese vertikale Struktur. Natürlich gibt es Hierarchien, natürlich gibt es Funktionen, die beschrieben sind und da muss man sich auch dran halten, sonst kann ein Betrieb nicht funktionieren. Aber es gibt auch die Möglichkeit, sehr viel miteinander zu sprechen und die Dinge gemeinsam zu gestalten. Und so will ich wirken. Ich will nicht von vornherein etwas mitbringen. Wir haben schon angefangen, verschiedene Diskussionen zu führen, die schon sehr konstruktiv sind. Genau so will ich weitermachen.

Wo werden bei den Konzerten die Schwerpunkte liegen?

Die ganze Bandbreite, was ein Orchester in dieser Klasse und dieser Größe bringen kann, das will ich dem Publikum in Halle zeigen. Nach der Pandemie musste man sehr viel reduzieren. Jetzt kann man wieder an die ganz großen Werke gehen und zeigen, was ein großes Orchester an einem Abend an Emotionen auslösen kann.

Ich finde sogar, als Generalmusikdirektor ist man eher für die Programmatik verantwortlich und dann erst als Chefdirigent für die eigenen Konzerte. Da muss die Balance stimmen. Es soll nicht nur das gespielt werden, was ich gut finde, sondern es soll für das Publikum ein breites Angebot geben, das klar vorführt, was ein Orchester alles liefern kann.

Das Gespräch führte für MDR KLASSIK André Sittner.

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 11. Mai 2022 | 08:40 Uhr

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