Musik in Zeiten von Corona Zurück ans Pult: Initiative schafft Übungsmöglichkeiten für angehende Dirigierende

Konzertsäle sind zu, Proben quasi untersagt. Für jene, die in den Beruf der Dirigierenden starten wollen, heißt das, dass das Üben wegfällt. Dieses Problem hat auch der Deutsche Musikrat erkannt. Es wurde ein Konzept entwickelt und deutschlandweit nach freien Probekapazitäten gefragt, um junge Talente dorthin zu vermitteln. „Zurück ans Pult!“ - heißt die Initiative und auch in Weimar war man dafür offen.

Person, die mit Dirigentenstab dirigiert
Bildrechte: imago images / Panthermedia

Der große Saal des Weimarer Deutschen Nationaltheaters (DNT): Die Sitze im Zuschauerraum sind mit rotem Tuch geschützt. Drei Personen sitzen in den Reihen. Auf der Bühne, vor dem Orchesters, steht Hankyeol Yoon. Er ist einer der Stipendiaten des Programms „Zurück ans Pult“.  Zwar arbeitet er schon als 2. Kapellmeister am Landestheater in Mecklenburg und hat in Nürnberg und Genf künstlerische Erfahrung gesammelt, das Metier ist dennoch neu für ihn. Dominik Beykirch geht die Partitur mit ihm durch und schaut, welche Fehler er als Dirigent vermeiden kann.

"Crash-Kurs" unter normalen Umständen nicht möglich

Dominik Beykirch im Porträt
Dominik Beykirch, Chefdirigent am DNT Weimar. Bildrechte: Matthias Eimer

Dominik Beykirch ist Chefdirigent des Musiktheaters am DNT. Er war selbst einst Stipendiat des Programms.  Der „Crash-Kurs“ für angehende Dirigierende, sagt er, wäre unter normalen Umständen – außerhalb eines Lockdowns – so gar nicht möglich.

Weil wir natürlich sehr eng getaktet sind. Ich freu mich, das wir das Dirigentenforum hier in meiner Wahrnehmung das erste Mal zu Gast haben. Mir ist es ein großes Anliegen, weil ich diese Förderung genossen habe und selber weiß, was da für eine unglaublicher logistischer Apparat dahinter steckt, damit eben junge Dirigentinnen und Dirigenten eben wirklich mal Praxiserfahrung sammeln.

Er leitet den Kurs mit der Staatskapelle Weimar und Solistinnen und Solisten aus dem DNT-Ensemble und weiß, wer neu in den Beruf der Dirigierenden starten will, braucht – jetzt erst recht – Unterstützung. Denn ohne Konzertalltag gibt es auch keine Chancen auf dem Markt: 

Deutsches Nationaltheater am Theaterplatz mit Johann Wolfgang von Goethe-Friedrich Schiller-Denkmal
Deutsches Nationaltheater am Theaterplatz in Weimar. Bildrechte: imago images / Jürgen Ritter

Diejenigen, die noch keinen Fuß in der Tür haben, die noch im Studium sind, die noch an der Schwelle zum Beruf stehen, die haben das Nachsehen. Denn die nächste Generation steht auch wieder auf der Fußmatte.

Doch nicht nur Hankyeol Yoon darf hier zwei bis drei Tage lang üben – in dem Fall „Ariadne of Naxos“. Auch  Chenglin Li  ist dabei. Er ist 23 Jahre alt, studiert im neunten Semester und ist aus Mannheim angereist. Vor einem Opernorchester hat er noch nie gestanden. Premiere also für ihn in Weimar: 

Richtig an einem Opernhaus, bei einem Kurs, mitmachen zu dürfen und auch von allen möglichen Orchestermusikern Feedbacks zu bekommen, das war das erste Mal. Das war eine Riesenchance für mich, das zu verbessern.

Mit 19 Jahren kam er nach Deutschland. In seiner Heimat China sind die Konzertsäle wieder geöffnet. Die Zeit im Lockdown habe er nutzen können, viel Klavier geübt und sei jetzt auch dankbar für das Dirigentenforum.

Empfehlungen für nachfolgende "Lockdown-Generationen"

Wie denn seine Empfehlungen aussehen für jene, die – trotz der Lockdown-Erfahrung – den Beruf der Dirigierenden ergreifen möchten:

Erstmal durch zuschauen, Konzerterleben oder möglicherweise durch das Hospitieren bei Proben, um sich zu überlegen, ob man vom Charakter her oder von der Leistung her passend wäre. Die Realität ist nicht hart, aber es ist  kein leichter Beruf.

Und wenn man den Umfragen glaubt, dann würden derzeit 20 Prozent aller Musikstudierenden überlegen, das Studium zu wechseln. Die Pandemie hat Folgen.

Viele arbeiten noch fokussierter

Dominik Beykirch weiß, viele würden derzeit noch fokussierter arbeiten, andere seien auch nachdenklicher. Mental fit zu bleiben und den Spagat zu wagen, sei keine leichte Entscheidung. 

Genauso ist aber auch dieses mit sich selbst in die Klausur gehen: Ok, ich will diesen Beruf weiterhin ausführen oder eben nicht. Zu diesem Schluss muss man auch kommen.

Nochmals gibt er Hankyeol Yoon ein paar letzte Tipps und schaut in die leeren Reihen des Theaters, die sich hoffentlich bald schon wieder füllen werden.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 08. April 2021 | 09:13 Uhr