Tag der Diversität Mit den Fingerspitzen sehen: Klavierunterricht für Blinde

Viola Michaelis ist Klavierpädagogin in Weimar. Sie arbeitet nicht nur mit sehenden Kindern, sondern auch mit Blinden und Sehgeschädigten. Eine besondere Herausforderung. Mittlerweile gibt sie ihre Erfahrungen an Studierende der Hochschule für Musik in Weimar weiter. 2009 entsteht dort die Idee, mit dem "Diesterweg-Förderzentrum Sehen" eine Profilbildung in den Masterstudiengängen Klavier zu entwickeln, die Studierende befähigt, mit Blinden bzw. Sehbehinderten zu arbeiten.

Nahaufnahme von einem Klavier
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Seit über 10 Jahren kommt Aaron zum Klavierunterricht von Viola Michaelis. Er bewegt sich sicher im Unterrichtsraum und findet trotz seiner Blindheit ohne Hilfe den Weg zum Flügel. Das Sich-Zurechtfinden im Raum gehört genauso zum Klavierunterricht, wie das Üben von Tonleitern und Dreiklängen. 

Neue Wege für den Unterricht finden

Viola Michaelis unterrichtet bereits seht mehreren Jahren Klavier, als eines Tages eine Mutter mit ihrem Kind im Raum steht. Sie hat ein besonderes Anliegen:

Wir haben uns vorgestellt und die Mutter sagte dann: 'Aber meine Tochter ist blind.' Meine erste Reaktion war: Wo ist jetzt das Aber? 'Wenn Sie möchten, machen wir gemeinsam Unterricht' – und so habe ich mich dann in diese Aufgabe gestürzt.

Eine Person spielt Klavier.
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Schritt für Schritt tastet sie sich heran. Sie beginnt den Unterricht mit ihrer blinden Schülerin so wie mit allen anderen auch: Gemeinsam nähern sie sich der Musik über das Hören, Singen und Nachspielen. Gleichzeitig beobachtet Viola Michaelis ihre Schülerin genau, hört zu und lernt. Sie sucht neue Wege, um Orientierung und Sicherheit auf dem Instrument zu geben. Ganz natürlich entwickelt sie so ihre eigene Methode. Nach und nach wollen immer mehr Sehgeschädigte Klavier bei Viola Michaelis lernen.

Studierende sollen sensibilisiert werden

In Aarons Unterricht sitzen diesmal zwei Studierende der Hochschule für Musik Weimar – corona-bedingt mit großem Abstand – und beobachten alles ganz genau. Denn Viola Michaelis gibt ihr gesammeltes Wissen in einem Seminar an sie weiter. Vor dem Unterricht erklärt sie ihnen noch, worauf sie achten sollen. Sie möchte die Studierenden sensibilisieren. Zum Beispiel darauf, dass viele Sehgeschädigte ein außergewöhnliches Gedächtnis haben, ein besonders feines Gehör, mit dem sie Räume bewältigen, eine hohe Konzentrationsfähigkeit und einen großen Sinn für Humor.

Vieles funktioniert über Berührung

Michaelis weist auch darauf hin, dass sie alles, was sie tut, kommentiert, denn Gesichtsausdrücke oder andere Handlungen sehen blinde Schülerinnen und Schüler nicht. Vieles funktioniere deshalb nur über Berührungen.

Es geht tatsächlich sehr viel über den Tastsinn und es geht um körperliche Nähe, die eigentlich so mit einem fremden Menschen nicht üblich ist. Und die eigentlich auch nicht wirklich gewollt ist, wobei ich aber die Erfahrung gemacht habe, ohne dass ein Schüler mich berührt oder dass ich einen Schüler berühre, kann ich eigentlich diese Arbeit nicht machen. Also ich muss diese Bewegung zeigen können. Und wenn wir darüber reden, dass ich ihm oder ihr etwas zeige, dann heißt das immer betasten. Also ein blinder Mensch sieht mit den Fingerspitzen, können wir so sagen.

Kind am Klavier
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Dieses Mozart-Stück hat sich Aaron buchstäblich ertastet. Mit Hilfe der Braille-Schrift, also der Punktnotenschrift für Blinde, hat er es auswendig gelernt. Im Unterricht können Viola Michaelis und er nun über das Gehör an der Musik arbeiten. Was er zu Hause weiter üben soll, diktiert er in sein Handy, das auf dem Notenpult steht. Das ist sein Hausaufgabenheft und Gedächtnis.

Einblicke in die Welt der Sehgeschädigten

Später werden die Studierenden mit Schülern wie Aaron arbeiten und lernen, auf deren individuelle Bedürfnisse einzugehen. Alles, was sich Michaelis über viele Jahre in Eigeninitiative erarbeitet hat, möchte sie ihren Studierenden mit an die Hand geben. So besuchen sie während des Seminars auch die Diesterwegschule in Weimar – ein spezielles Förderzentrum für sehgeschädigte Kinder und Jugendliche. Hier sollen sie einen Einblick in die Welt von Blinden bekommen, wie sie lernen, welche Sinne sie nutzen, um sich zu orientieren und wie sie trainieren, eigenständig zu werden.

Von den Schülerinnen und Schülern gelernt

Viola Michaelis geht sensibel auf ihre Schülerinnen und Schüler ein, nimmt sie ernst und lernt von ihnen. Die Arbeit mit Sehgeschädigten hat ihren eigenen Blick geweitet. Das möchte sie ihren Studierenden weitergeben und fordert sie auf, offen zu sein, genau zu beobachten und alles zu hinterfragen.

Ich kann niemandem beweisen oder ständig behaupten, ich hätte hier Wahrheiten gefunden, die für alle gültig sind. Denn ich weiß nicht, wie man sich fühlt, wenn man blind ist. Ich weiß nicht, wie man sich fühlt, wenn man einen Sehrest hat und diesen händeln muss und damit sein Leben gestaltet. Ich weiß es nicht wirklich, aber ich kann teilnehmen an Erfahrungen. Ich habe inzwischen die Möglichkeit gehabt, auch mit erwachsenen Blinden und Sehgeschädigten zu arbeiten und bin da sehr dankbar für sehr fruchtbare Gespräche. Also ich durfte auch völlig vorbehaltlos nachfragen und bin da immer sehr dankbar, wenn ich Erfahrungsberichte bekommen habe.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 18. Mai 2021 | 09:10 Uhr