Inklusion in der Musikpädagogik Mit Ohren, Händen und Füßen Noten lesen

Stevie Wonder, Andrea Bocelli oder Ray Charles sind beziehungsweise waren blinde Musiker. Trotz oder vielleicht auch wegen dieser Einschränkung hatten sie Erfolg, denn akustische Signale nehmen blinde Menschen viel intensiver wahr. Dennoch ist eine musikalische Ausbildung, ohne sehen zu können, nicht einfach. Werdende Musiker und Musikerinnen sowie Pädagogen und Pädagoginnen sollen für dieses Thema sensibilisiert werden.

Ein sehbehinderter Schüler der Berufsfachschule für Blinde und Sehbehinderte liest aus einem Notenbuch eine Klavierpartitur in Brailleschrift.
Notenwerte und musikalische Zeichen sind mithilfe von Blindenschrift darstellbar. Bildrechte: dpa

Christine Straumer ist Professorin für Musik an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Schon lange setzt sie sich für das Thema Inklusion an der Hochschule ein. Denn ein verständnisvolles Miteinander kann für die Arbeit der angehenden Musizierenden und der Lehrenden nur von Vorteil sein:

Ich bin der Meinung, dass wir allen Menschen das Glück einräumen sollten, an Musik teilzuhaben. Das heißt für unsere Musikpädagogen, dass sie qualifiziert sind, darauf vorbereitet sind, wie sie zum Beispiel mit blinden Kindern (...) umgehen können.

Christine Straumer, Professorin an der HfM Dresden

Noten in Braille-Schrift darstellbar

Die Hände eines Blinden lesen ein Blatt mit Braillenoten.
Bildrechte: dpa

Christine Straumer hat den vierten Inklusionsfachtag an der Dresdner Musikhochschule organisiert. Referent war unter anderem Martin Rembeck - ein blinder Klavierlehrer aus Hannover. Weil es nicht ganz einfach ist, als sehender Pädagoge einen nicht sehenden Schüler zu unterrichten, hat Martin Rembeck eine "Klavierschule für Blinde und Sehende" entwickelt: "An dem Inhaltsverzeichnis kann man schon sehen, was die Intention dieser Schule ist. Dass nämlich im Vordergrund steht, es müssen die Zeichen der Braille-Schrift systematisch eingeführt werden. Man könnte ja auch hingehen und sagen, nehmt irgendeine Klavierschule und übertragt die, aber damit kämen die blinden Schüler nicht klar, es wird sofort eine Zeichenflut."

Verständnisvolles Miteinander

Der fast blinde achtjährige Mario spielt am 10.01.2013 in der Landesschule für Blinde und Sehbehinderte in Neukloster (Mecklenburg-Vorpommern) mit Musiklehrerin Margarete Daiker auf dem Klavier.
Auch blinde Schüler können lernen, vom Blatt zu spielen – nicht nur nach Gehör, wie es früher praktiziert wurde und teilweise noch praktiziert wird. Bildrechte: dpa

Christine Straumers Ziel ist es, den Umgang mit beeinträchtigten Menschen zu schulen und gegenseitiges Verständnis zu fördern. "Mein Anliegen ist, dass man versteht, wie das Gehör funktioniert: Blinde Menschen müssen ja rund 90 Prozent der Sinneswahrnehmung, die wir Sehenden über das Auge wahrnehmen, über andere Organe wahrnehmen. Also können wir nur lernen, wie man sich so klug und intelligent und raumgewandt bewegt wie blinde Menschen, ohne immer gleich unseren Kontrollsinn, das Auge, einzuschalten."

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 28. November 2021 | 07:13 Uhr

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