Buchvorstellung Jubiläumsbuch erschienen: 150 Jahre Dresdner Philharmonie

Das Festkonzert zum 150. Geburtstag der Dresdner Philharmonie musste wegen der Coronapandemie ohne Publikum stattfinden. Gefeiert wurde per Video im Internet, außerdem erschien pünktlich zum Geburtstag ein Jubiläumsbuch. Die Orchesterchronik erzählt die Geschichte der Dresdner Philharmonie von 1870, von den Anfängen als Gewerbehausorchester bis heute.

Musikerinnen und Musiker der Dresdner Philharmonie
Musikerinnen und Musiker der Dresdner Philharmonie. Bildrechte: Rittershaus Pauly

Eine der frühesten Aufnahmen der Dresdner Philharmonie, entstanden mitten im 2. Weltkrieg am 18. Mai 1943. Am Pult der damalige Chefdirigent Carl Schuricht. Das dunkelste Kapitel in der deutschen Geschichte ist auch ein dunkles in der der Dresdner Philharmonie, aber eben nur eines von vielen Kapiteln, die in der jetzt vorgelegten neuen Chronik des Orchesters erzählt werden. Herausgeberin Dr. Claudia Woldt erzählt vom Entstehungsprozess:

Zuerst haben wir das Orchesterarchiv mithilfe des Stadtarchivs und der SLUB erfasst und Teile davon auch digitalisieren lassen. Dann kam im engeren Sinne die konzeptionelle Arbeit, also was wollen wir, wen wollen wir erreichen, wie wollen wir das Ganze gestalten. Und dann natürlich die Auswahl der Gastautoren, das eigene Schreiben, der Prozess der Gestaltung, der Produktion, der Korrekturen. Also ich würde sagen, die heiße Phase hat bestimmt die letzten zwei Jahre gedauert.

Dr. Claudia Woldt

Chronik der Dresdner Philharmonie

Die Pressereferentin der Dresdner Philharmonie, Claudia Woldt, hat gemeinsam mit Konzertdramaturgin Adelheid Schloemann die Orchesterchronik herausgegeben. Fünf Jahre haben sie daran gearbeitet. Und das Ergebnis ist ein Buch mit einer chronikuntypischen Struktur: mit viel Hintergrundinformationen und dem Charakter eines spannenden Sachbuches und mit Aufsätzen renommierter Forscher:

Musikerinnen und Musiker der Dresdner Philharmonie
Bildrechte: Dresdner Philharmonie

Ich glaube, dass eine gewisse Bescheidenheit fast zur DNA des Orchesters gehört. Und das ist ja auch grundsätzlich sympathisch. Aber wenn man sich intensiver mit seiner Geschichte beschäftigt, dann kann die Dresdner Philharmonie mehr Bekanntheit, vor allem überregional gut vertragen.

Dr. Claudia Woldt

Und dazu gehört nun auch dieser Band zur Orchestergeschichte, die in mehreren Kapiteln und mit immer wechselnden Blickwinkeln erzählt wird, sagt Mitherausgeberin und Dramaturgin Adelheid Schloemann.

Wir waren sehr glücklich, als Albrecht Dümling, der sich seit vielen Jahren mit der Musik in der NS-Zeit beschäftigt, sich bereit erklärte, für unser Buch die Geschichte der Dresdner Philharmonie in den Jahren 1933-45 gründlich aufzuarbeiten. Matthias Tischer, der seit langem über Musik und Kulturpolitik in der DDR forscht, beleuchtet in seinem Essay Aspekte der Orchestergeschichte nach ´45 und der Interpretationsforscher Heinz von Loesch hat drei Einspielungen der Philharmonie von der 5. Sinfonie von Beethoven verglichen und daraus sehr interessante Schlüsse über den Charakter des Orchesters gezogen.

Adelheid Schloemann

Bekannte Namen im Orchester

Und von Anfang an waren große Namen beim Orchester zu finden, auch ihnen widmet sich die Chronik - mitten unter den Orchestermusiker beispielsweise Stefan Frenkel und Szymon Goldberg oder auch der berühmte belgische Geigenvirtuose Eugène Ysaÿe.

Das zeigt, welche Aufmerksamkeit das Orchester schon in den ersten Jahren auf sich zog. Ab 1885 steigerten die sogenannten 'Philharmonischen Konzerte' auch außerhalb Dresdens seine Reputation. Internationale Stars wie z.B. Sarasate, Joseph Joachim, Carl Flesch und Pablo Casals traten hier auf.

Adelheid Schloemann

Und der junge Richard Strauss gab hier sein Dresden-Debüt.

Intensive Archiv-Recherche

Das düstere Kapitel der Nazizeit wird, wie auch all die anderen Perioden der Orchestergeschichte, detail- , und nicht zu vergessen, immer auch bilderreich beschrieben. So findet die Geschichte des Konzerthörens in Dresden ebenso ihren Platz wie die Porträts der Chefdirigenten. Das auch dank einer ausgezeichneten archivarischen Vorrecherche, sagt Adelheid Schloemann:

Die Darstellung der ersten 125 Jahre fußt auf den Festschriften von Dieter Härtwig. Härtwig hatte 1970 zum einhundertjährigen Jubiläum und 1995 zum 125. Jubiläum umfassend in den Archiven recherchiert. Albrecht Dümling und Matthias Tischer haben darüber hinaus viele weitere Quellen genutzt.

Adelheid Schloemann

Carl Schuricht und Gerhard Wiesenhütter führten das Orchester durch die Kriegsjahre, dann folgte die Zeit der DDR – und die war für das Orchester trotz eisernem Vorhang eine große Entwicklungsphase. Beschrieben vom Experten für die Musikkultur der DDR Matthias Tischer. Der 1969 errichtete Kulturpalast wurde nach dem Kriegsverlust des Gewerbehauses zur neuen Heimstadt des Orchesters – genügte allerdings von Anfang an nicht wirklich den hohen musikalischen Ansprüchen.

Konzertsaal fehlte

Dirigentengrößen wie Heinz Bongartz, Horst Förster, Herbert Kegel, Kurt Masur und Jörg Peter Weigle hinterließen ihre Handschrift, letzterer führte das Orchester durch die Wendejahre. Je mehr sich das Orchester aber nach 1989 im internationalen Raum bewegte, desto deutlicher wurde das Defizit des fehlenden echten Konzertsaales. Auch dessen wechselvolle Geschichte vom enttäuschten Weggang Marek Janowskis 2003 bis zum Neuen Saal wird natürlich ausführlich erzählt.

Festkonzert 150 Jahre Dresdner Philharmonie
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der eigene Saal ist ja für jedes Orchester essentiell, für sein Profil und seine künstlerische Entwicklung und da hat die Philharmonie ja lange warten müssen. Der ist akustisch wunderbar für Proben und Konzerte, aber, wir wissen mittlerweile eben auch, dass er für CD-Aufnahmen hervorragend geeignet ist.

Dr. Claudia Woldt

Das neue Zuhause der Dresdner Philharmonie, der Anfang sicher auch einer neuen Ära, eines neuen Selbstverständnisses des Orchesters als eines der großen der Welt. Vielleicht ist es ja ein Omen, das die Orchesterchronik gerade jetzt zu Corona-Zeiten erscheint:

Ein Shutdown, eine große Pause, fast wie vor dem Neustart 1945. Die große Tradition des Orchesters und seine wichtige Rolle in Dresden geben uns Anlass zur Hoffnung, dass auch nach Corona die Philharmonie wieder die musikalische Heimat vieler Dresdnerinnen und Dresdner sein wird. Vielleicht auf eine ganz neue Weise.

Adelheid Schloemann

Und bis dahin kann man ja die große Geschichte der Philharmonie Revue passieren lassen mit der neuen Orchesterchronik.

Buch: Chronik 150 Jahre Dresdner Philharmonie
Bildrechte: Dresdner Philharmonie

"Dresdner Philharmonie 1870-2020" hrsg. von Dr. Claudia Woldt und Adelheid Schloemann. Erhältlich im Webshop der Dresdner Philharmonie (Auflage 1.000 Exemplare), 20,00 €

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 08. Dezember 2020 | 10:15 Uhr