Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" Motivation oder Leistungsdruck?

Am 2. Juni beginnt der diesjährige Bundeswettbewerb von "Jugend musiziert" und damit das fulminante Finale von Deutschlands größtem Wettbewerb für junge Musikerinnen und Musiker. Austragungsort ist dieses Mal Oldenburg. Nach längerer coronabedingter Pause können die Teilnehmenden endlich wieder live vor Publikum und Jury auftreten. MDR KLASSIK ist der Frage nachgegangen, was die Wettbewerbsbedingungen für die jungen Musizierenden bedeuten.

Bundeswettbewerb Jugend musiziert steht auf einem Plakat
Der bundesweite Wettbewerb "Jugend musiziert" ist eine der renommiertesten Maßnahmen zur Findung und Förderung musikalischer Begabungen. Bildrechte: dpa

Tabea Ockert ist 19 Jahre alt und schon das, was man einen "alten Hasen" nennt. Zum vierten Mal ist die Bratschistin aus Leipzig beim Bundeswettbewerb von "Jugend musiziert" dabei. Zum vierten Mal stellt sie sich dem strengen Urteil der Jury und ist schon aufgeregt: " Man arbeitet so lange drauf hin! Und dann: Einfach hinstellen und spielen. Wenn etwas schief geht, ist das eigentlich egal. Ich übermittle gern einfach diese Freude."

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Am 2. Juni beginnt der Bundeswettbewerb von "Jugend musiziert". MDR KLASSIK ist der Frage nachgegangen, was die Wettbewerbsbedingungen für die Teilnehmenden bedeuten.

MDR KLASSIK Mo 30.05.2022 07:40Uhr 04:05 min

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Endlich wieder live und mit Publikum

Die Schülerin ist eine von rund 2.300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sich knapp eine Woche lang in Oldenburg musikalisch messen werden: Live und vor Publikum. So wie vor Corona. Darüber sei man wahnsinnig glücklich und euphorisch, sagt Ulrike Lehmann, die Projektleiterin für "Jugend musiziert" beim Deutschen Musikrat:

"Alle Teilnehmenden, alle Klavierbegleiter, deren Eltern und Begleitpersonen und Musiklehrkräfte können dabei sein. Der Wettbewerb ist offen für das Publikum. Jede und jeder, der interessiert ist, sich den Bundeswettbewerb oder die Konzerte anzuschauen, kann einfach kommen. Alle Masken sind gefallen, im wahrsten Sinne des Wortes."

Die Euphorie wird aber etwas gedämpft: Zwei Jahre Pandemie haben Spuren hinterlassen, besonders in den Regionalwettbewerben. Dort sind in den Jahren vor Corona wesentlich mehr junge Leute angetreten: um die 20.000. Dieses Jahr waren es nur 12.000. Projektleiterin Lehmann nimmt das sportlich:

Es haben sich viele angemeldet. Obwohl sie nicht wussten, ob es dieses Jahr wieder Videowettbewerbe geben wird oder die Möglichkeit, tatsächlich vor Publikum und Jury auf der Bühne zu stehen. Wir finden, das ist ein klares Bekenntnis zu 'Jugend musiziert'.

Ulrike Lehmann, Projektleiterin für "Jugend musiziert" beim Deutschen Musikrat

"Jugend musiziert" als Türöffner

Gewetteifert wird diesmal in elf Kategorien, darunter Akkordeon, Schlagzeug, Harfen-Ensemble oder Pop-Gesang. Viele der Teilnehmenden wollen die Musik zu ihrem Beruf machen. Der Wettbewerb könne dabei Tore öffnen, erklärt Lehmann:

"Wenn man beim Bundeswettbewerb hervorragend abgeschnitten hat, kann es sein, dass man bei manchen Musikhochschulen keine oder eine verkürzte Aufnahmeprüfung machen kann. Man erhält Einladungen zu weiterbildenden Events wie zum Beispiel Meisterkursen. Bei "Jugend musiziert" gibt es zwei Folgeprojekte, zu denen wir herausragende Bundespreisträgerinnen einladen."

Kritik am Wettbewerb

"Jugend musiziert" hat viele Fans, aber auch einige Kritiker. Zu den lautesten gehört Eckhard Schiffer, Arzt für Neurologie und psychosomatische Medizin. Nach eigenen Angaben hat er schon Wettbewerbsabsolventen behandelt, die seiner Ansicht nach dem Druck durch Eltern, Lehrer und "Jugend musiziert" nicht Stand gehalten hätten:

Eine allgemeine Benotungssucht und 'Bessersein-Sucht' hat sich in unserer Gesellschaft, in unserer Konkurrenzgesellschaft ausgebreitet.

Eckhard Schiffer, Arzt für Neurologie und psychosomatische Medizin

"Kinder haben schon früh in vielen Situationen einen inneren Imperativ: Sie denken, sie müssen in der Konkurrenz die besten sein. Gerade beim Musizieren ist das völlig deplatziert", findet Schiffer. Ein Instrument zu spielen – das lerne man am besten in entspannter Atmosphäre, ohne Wettbewerb, so sieht es der Neurologe.

Leistungsdruck? Den empfindet Tabea Ockert nicht wirklich. Die Bratschistin kann ihr Vorspiel kaum erwarten. Sie will wissen, was die anderen Teilnehmenden zu bieten haben. Denn die rund 1.500 Wertungsspiele sind öffentlich. "Gerade durch das Zuhören bekommt man ein Gefühl, wie der Stand in meiner Generation ist. Ich sehe, was mich später erwartet. Man darf das nicht deprimierend sehen, sondern als Motivation", rät Ockert.

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 30. Mai 2022 | 07:40 Uhr

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