Online Sitcom „ComposerGENAU!“ aus Dresden Musikalische Kompositionen als Spiegel vom künstlerischen Corona-Alltag

Wie geht es Komponistinnen und Komponisten, Performancekünstlerinnen und – künstlern aktuell während des Lockdowns? Haben sie eine Schaffenskrise oder begünstigt die derzeitige Situation gar ihre Arbeitsprozesse? Fragen, denen eine Sitcom auf YouTube nachgeht: ComposerGENAU! Produziert wird die Serie in einem kleinen Studio in Dresden.

Bildkomposition - Mann auf Straße, Mann mit Kopfhörer
Bildrechte: everyone company

Entlang menschenleerer Straßenzüge bewegt sich John Moran durch Dresden. Der US-amerikanische Komponist ist ein Weltenbummler und hat derzeit hier seine Zelte aufgeschlagen, genauer gesagt ein Studio in der Kultur- und Wohngenossenschaft Zentralwerk bezogen. Zu diesem führt ihn zu Beginn der ersten Folge von „ComposerGENAU!“ auch sein Weg. Ein Fenster ploppt auf, der Bildschirm teilt sich und Josh Spear, zusammen mit John Moran Gastgeber der Show, tritt auf, ebenfalls auf dem Weg zu seinem Studio, allerdings in Oslo.

Alles wirkt völlig spontan, wie in einem der inzwischen gewohnten Livestreams. Tatsächlich jedoch spielen alle Beteiligten, sowohl die Gastgeber, als auch ihre Kolleginnen und Kollegen, die sie in Interviews porträtieren, eine Rolle. Und zwar sich selbst. John Moran erklärt:

Den meisten Menschen würden es bei Schauen der Serie nicht auffallen, aber immer wenn ich spreche oder laufe oder etwas tue, bin ich still. Es ist immer Playback. Die Stücke sind im Vorfeld entstanden und ich habe alles auswendig gelernt und agiere im Video wie ein Pantomime

Das trifft ebenso auf die Gäste zu, die in Videotelefonaten ihren Auftritt haben. Auch sie bewegen lediglich die Lippen zu ihren eigenen vorher aufgezeichneten Stimmen und reproduzieren vor der Kamera präzise eingeübte Gesten und Regungen. Auch wenn das extrem technisch klingt, so wirkt es letztlich doch sehr dynamisch und lässt einen nicht mehr los.

Musikalische Komposition lässt es realistisch wirken

„Die ganze Episode ist eine Komposition", erläutert Marieluise Herrmann, die zusammen mit John Moran und Josh Spear als everyone company die Serie produziert. Durch diese Komposition wirkt die Serie anders als ähnliche Serien, erklärt sie:

John hört das durchgehende Tempo darunter, das kriegt man als Zuschauer nicht so schnell mit, aber es fühlt sich anders an, als andere Shows, die man sieht, es zieht einen in den Bann, weil all diese realistischen Elemente sind nach musikalischen Prinzipien komponiert und zusammengeführt.

Diesem Kompositionsstil widmet sich John Moran seit vielen Jahrzehnten. In seinen Stücken überträgt er Alltagsklänge in eine Partitur und lässt sie vollständig synchron auf der Bühne aufführen - oder schlüpft selbst in die Rolle des Performers, um die Tonspur wieder zugeben, und zwar auf den Punkt genau. Was sich letztlich auch im Titel wiederfindet: ComposerGENAU! Sowohl Morans Counterpart Josh Spear, als auch die in der Show auftretenden Gäste, arbeiten nach diesen oder ähnlich ausgefallenen Kompositionsprinzipien. Mit ihnen und für sie mache er diese Show, so John Moran. Um sie in dieser Situation, wo eine Vielzahl von Akteuren aus Kunst und Kultur um ihre Existenz fürchten, zu bestärken.

Kunst aus Dresden und mehr

Der Blick in ComposerGENAU! reicht weit über Dresden hinaus und verspricht eine Reihe von musikalischen Entdeckungen, wie zum Beispiel in der ersten Episode den New Yorker Sänger Joseph Keckler, der seine Songs im Stil von Opernarien oder Kunstliedern verfasst. John Moran erklärt:

Es geht weniger darum Dresden die Welt zu zeigen, sondern vielmehr darum Dresden und die hiesige Kunstszene der Welt vorzustellen. So erzählt man auch über Projektpartner, das Zentralwerk, das Europäische Zentrums der Künste Hellerau und in Leipzig die Schaubühne Lindenfels. Aber eben nicht wie in einem Vortrag, sondern auf unterhaltsame Art.

So spiegelt die Sitcom auf amüsante, witzige und zugleich nachdenkliche Weise die derzeitige Lage verschiedener Komponisten. Unter Bezugnahme auf Schuberts "Wanderer" bewegen sie sich zwischen beengten Tonstudios und leeren Theatern, was den Schaffensprozess zerstört und doch zu Momenten des Erstaunens führt.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 16. Februar 2021 | 08:40 Uhr