Klassik Stiftung: Die aufwändige Spurensuche bei NS-Raubgut Franz Liszt-Manuskripte jetzt rechtmäßig in Weimar

Wenn heutzutage alte handgeschriebene Partituren in Archiven auftauchen, sind wir begeistert. Wenn diese auch noch von Franz Liszt stammen, wissen wir: das ist etwas Besonderes. Wenn dann allerdings fest steht, dass diese Abschriften einst im jüdischen Besitz waren - und für eine enorm geringe Summe in den 1930er Jahren während des Nationalsozialismus angekauft worden waren, ist klar: Wir haben ein Problem. Genau das hat die Klassik Stiftung Weimar jetzt bearbeitet.

Gelbliches Papier, dünn mit handgeschriebenen Noten: Das Manuskript des Festliedes von Franz Liszt zu Schillers Jubelfeier.
Notenblätter wie dieses sind erst jetzt im rechtmäßigen Besitz der Klassik Stiftung Weimar. Bildrechte: dpa

Es war im Oktober 1937 als Emma Frankenbacher dem Weimarer Goethe-Nationalmuseum zwei wertvolle Notenblätter für magere 150 Reichsmark überließ. Damals war ihr Mann bereits gestorben, die Tochter emigriert und für die 1875 geborene Emma wurde die Lage immer komplizierter. Sie hoffte auf ihre Ausreise und eine Flucht im letzten Moment – doch es sollte alles anders kommen.

Die Suche beginnt in Personendatenbanken

Viel weiß man von ihr nicht mehr, warum diese um 1850 handgeschriebenen Manuskripte von Liszt in ihrem Besitz waren, ob sie selbst Klavier gespielt hat und einen Bezug zu diesem 1. Klavierkonzert in Es-Dur hatte. Auch eine Abschrift des "Festliedes zu Schillers Jubelfeier" bot sie dem Liszt-Museum in Weimar an. Dokumente, die später ins Goethe-Schiller-Archiv kamen und dort das Interesse von Rüdiger Haufe weckten: "Häufig beginnt man damit – mit der Recherche in diversen Personendatenbanken."

Quaderförmiges Haus aus Steinen mit mittigen Säulen mit steht auf einer Anhöhe mit Steinmauer. Darunter abfallende Wiese mit kahlen Bäumen, wahrscheinlich Obstbäume.
Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar Bildrechte: dpa

Der Provenienzforscher ist für die historischen Bezüge von Dokumenten zuständig. Für die Klassik Stiftung Weimar untersucht er Archivgut: "Wir prüfen systematisch alle unsere Erwerbungen unter der Fragestellung, ob es sich dabei um NS-Raubgut oder, genauer gesagt, NS-verfolgungsbedingten Kulturgutverlust handeln könnte – das haben wir auch in diesem Fall getan. Wir mussten also klären: Wer ist Emma Frankenbacher aus Nürnberg?"

Schließlich fand er eine Todesanzeige, die im Herbst 1945 in einer deutsch-jüdischen Zeitschrift in New York aufgegeben worden war.

Und es begann eine Spurensuche mit vielen Details: "Aus dieser Anzeige ging hervor, dass Emma Frankenbacher im Konzentrationslager Theresienstadt 1942 ums Leben gekommen war und es waren Namen genannt. Die Namen, wie sich später heraus stellte, ihres Schwiegersohnes und ihrer Tochter."

Argentinien, Guatemala und wieder Argentinien

Ab dann war es die Aufgabe einer Juristin – ebenfalls aus dem Team der Provenienzforscher der Klassik Stiftung –  zu schauen, wo man nach mehr als 75 Jahren diese Menschen und deren Hinterbliebene vielleicht noch finden und kontaktieren könnte. "Die Erbensuche im Fall der Emma Frankenbacher war wirklich ziemlich spannend", sagt Caroa Chall, die als Juristin diesen Fall und viele andere begleitet. "Wir hatten am Anfang gar keine Anhaltspunkte – Emma Frankenbacher hatte sieben Geschwister, davon haben einige den Holocaust nicht überlebt. Wir wussten, dass die einzige Tochter in den Dreißiger Jahren mit ihrem Mann nach Argentinien geflohen ist."

Besucher besichtigen den Rokokosaal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Weitwinkel-Ansicht. Mittig am Geländer, viele Säule, weiß und gold dominieren, viele Bücher hinter den Säulen.
Rokokosaal der Herzogin Anna Amalia-Bibliothek Bildrechte: dpa

Kinder dieser Ehe gab es nicht, also ging die Suche weiter und führte nach Guatemala, wo Nachkommende eines Bruders leben. Von dort führte die Spur wieder nach Argentinien – zu den heutigen Rechtsnachfolgenden: "Es war ein emotionaler Moment, dann tatsächlich die Nachricht zu bekommen: Ja, wir sind's und wir freuen uns, dass Sie uns kontaktiert haben. Und, wie geht's jetzt weiter?"

Legaler Ankauf wurde möglich

Man einigte sich vertraglich, kaufte die Dokumente an und kann diese – als Klassik Stiftung Weimar – jetzt mit gutem Gewissen im Archiv belassen. 

2010 begann die Stiftung, Eigentum aus jüdischem Besitz rückzuerstatten. Das heißt konkret:  Bei 2700 Objekten ist das schon geschehen. Darunter befanden sich vor allem viele Bücher aus der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Die Arbeit – sagt Cora Chall – ist noch nicht zu Ende: Neunzig Objekte gilt als noch an elf Eigentümerinnen und Eigentümer zurückzuerstatten. Ein Thema, das nicht nur der Klassik Stiftung noch lange erhalten bleiben dürfte – 76 Jahre später. 

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 09. Februar 2021 | 07:13 Uhr