Albinoni oder Giazotto? Von wem stammt „Adagio g-Moll“ wirklich?

Ein Klassik-Krimi echter Natur könnte man sie nennen: Die Geschichten um die Herkunft der bekannten Komposition Tomaso Albinonis „Adagio g-Moll“ scheinen sehr verworren – und führen über Italien in die Sächsische Landes – und Universitätsbibliothek nach Dresden. Wir sind auf Spurensuche gegangen – nach dem Ursprung der Komposition.

Portrait Tomaso Giovanni Albinoni (1671-1751)
Portrait Tomaso Giovanni Albinoni (1671-1751) Bildrechte: imago/Leemage

„Adagio g-Moll“ – heute bekannt als eine der populärsten Kompositionen der klassischen Musik; komponiert aus Fragmenten Tomaso Albinonis; zusammengefügt von Remo Giazotto. Ende der 1940-er Jahre soll der italienische Musikwissenschaftler, Komponist und Rundfunkredakteur Remo Giazotto in der Dresdner Landesbibliothek die Fragmente einer Triosonate Albinonis gefunden haben. Diese Bruchstücke, so sagt er, habe er zu einer Komposition verbunden - „Adagio g-Moll“. 1958 veröffentlichte Remo Giazotto das Stück beim italienischen Musikverlag Ricordi. Das Verwirrende: Unter seinem eigenen Namen – lediglich mit einem Verweis auf Albinoni im Vorwort.  

Woher stammt die ursprüngliche Idee zu „Adagio g-Moll“?

Zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung des Adagios, im Oktober 1968, wandte sich die Leitung des italienischen Verlags Ricordi per Brief an die Sächsische Landesbibliothek. Hier liegt die größte Sammlung von Albinonis Werken außerhalb von Italien. Die Bitte des Verlags per Brief: Eine Kopie der Fragmente Albinonis zu übersenden. Für Barbara Wiermann, Leiterin der Musikabteilung in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek, ist dieser Brief des Verlags ein deutliches Indiz dafür, dass bereits Ende der 1960er Jahre an den Aussagen gezweifelt wurde, das Stück basiere auf Fragmenten Tomaso Albinonis.

Das ist ja nicht üblich. Normalerweise traut man (…) den Herausgebern und fragt nicht nach Quellen. Das hat mich wirklich stutzig gemacht.

Barbara Wiermann, Leiterin der Musikabteilung in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek

Der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden liegt heute noch eine Kopie des Antwortbriefs der Bibliotheksleitung vor. Darin steht, man habe zwei Sätze Albinonis mit der Tempobezeichnung „Adagio g-Moll“ im Bestand. Im Brief hieß es damals:

Beide Adagios sind ziemlich kurz. Sollte es Ihnen aber um das Adagio gehen, das Remo Giazotto nach angeblichen fragmentarischen Dresdner Quellen rekonstruiert hat, so können wir Ihnen leider nicht helfen.

Die Leitung des Ricordi-Verlags gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden und schickte einige Monate später die Fotografie eines Notenblattes aus dem Besitz Giazottos nach Dresden - entstanden Ende der 1940er Jahre. Heute ist klar: Die Handschrift stammt eindeutig aus dem frühen 20. Jahrhundert – kann also nicht von Albinoni stammen, sagt auch Barbara Wiermann.

Sind die Abschriften heute noch vorhanden?

Zahlreiche Menschen sitzen im groߟen Lesesaal in der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB).
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Das Original der kopierten angeblichen Handschrift Giazottos wurde in der Sächsischen Landesbibliothek nicht aufgefunden, geschweige denn ein originales Manuskript Albinonis, welches ihr zugrunde gelegen haben soll. Besteht die Wahrscheinlichkeit, dass beide Blätter – Albinonis Fragmente und Giazottos Anschrift – einmal zum Bestand gehört haben und heute verschollen sind?

Theoretisch ja, meint Barbara Wiermann. Einige Stücke seien vor dem Zweiten Weltkrieg nicht katalogisiert und könnten verschwunden sein. Praktisch seien in der Aussage Giazottos, er habe sich für die Komposition auf Albinoni bezogen, aber große logische Lücken vorhanden, meint sie.

„Adagio g-Moll“ – Klassik-Fake des 20. Jahrhunderts?

Diese Meinung wird auch vom führenden Albinoni-Forscher der Gegenwart Nicola Schneider vertreten, betont Barbara Wiermann. Auch er fand in seinen Untersuchungen kein überzeugendes Argument, das auf Albinoni verweist. Möglich ist also, dass „Adagio g-Moll“ nicht aus der Feder Albinonis stammt – sondern eine Komposition Giazottos aus den 1940er Jahren – und damit ein Klassik-Fake des 20. Jahrhunderts ist. Einig darüber ist sich die Wissenschaft dahingehend bis heute allerdings nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 08. Juni 2021 | 07:13 Uhr