Schwarz-Weiß-Foto mit Ansicht des Karl-Marx-Platzes in Leipzig in den 80er Jahren. In der Mitte ist das Gewandhaus zu sehen, rechts davon das City-Hochhaus in Leipzig. Auf dem Platz fährt eine Straßenbahn ein, davor parken viele Autos.
Das Gewandhaus am Karl-Marx-Platz, Mitte der 80er Jahre. Bildrechte: Gewandhausarchiv/Gert Mothes

„Till Eulenspiegel“ nach der Montagsdemo Wie das Gewandhausorchester die friedliche Revolution erlebte

Am 9. Oktober 1989 wusste niemand, ob der Tag in Leipzig friedlich zu Ende geht. Im Vorfeld der Montagsdemonstration war die Anspannung in der Stadt überall zu spüren – auch im Gewandhausorchester.

von Niels Bula

Schwarz-Weiß-Foto mit Ansicht des Karl-Marx-Platzes in Leipzig in den 80er Jahren. In der Mitte ist das Gewandhaus zu sehen, rechts davon das City-Hochhaus in Leipzig. Auf dem Platz fährt eine Straßenbahn ein, davor parken viele Autos.
Das Gewandhaus am Karl-Marx-Platz, Mitte der 80er Jahre. Bildrechte: Gewandhausarchiv/Gert Mothes

„Die Spannung war unerträglich“, erinnert sich der damalige und 2015 verstorbene Gewandhauskapellmeister Kurt Masur später. „Ich merkte, dass mir vor dem Beginn die Hände zitterten, was mir sonst nur selten passiert.“ Masur spricht vom Montag, 9. Oktober 1989. Eigentlich ein ganz normaler Konzertabend für ihn und sein Orchester: Auf dem Spielplan standen Till Eulenspiegel und seine lustigen Streiche von Richard Strauß, ein Konzert für Trompete, Pauken und Orchester des ostdeutschen Komponisten Siegfried Matthus sowie Brahms zweite Sinfonie.

Blick in die Menge bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig
Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 in Leipzig. Bildrechte: dpa

Doch das Konzert sollte am Ende eines Tages stattfinden, dessen Ausgang niemand vorhersagen konnte. Schon das sechste Mal in Folge fand eine Montagsdemonstration statt, bei der DDR-Bürger für Reformen und das Ende der SED-Diktatur auf die Straße gingen. 70.000 Demonstranten zogen am Abend über den Leipziger Innenstadtring. Diesmal hatte der Staat aufgerüstet: Mehrere Tausend Sicherheitskräfte standen bereit.

Aufruf der "Leipziger Sechs"

Viele befürchteten ein Blutbad. So auch Kurt Masur. Zusammen mit drei SED-Bezirkssekretären, einem Theologen und dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange verfasste Masur eine Botschaft, die im Radio verlesen wird und später als Aufruf der Leipziger Sechs in die Geschichte eingeht:

Kurt Masur vor Büchern in einer Schrankwand.
Kurt Masur, Gewandhauskapellmeister von 1970 bis 1996. 2015 starb er im Alter von 88 Jahren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

[...] Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen [...] [wir] heute allen Bürgern, [...] [unsere] ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.

"Dass das Publikum da war, war durchaus erstaunlich"

Falls es zu Blutvergießen gekommen wäre, hätte Masur sein Orchester nicht spielen lassen, erzählt Konrad Lepetit, damaliger Bratschenspieler im Gewandhaus, später. „Wir standen alle so unter Spannung, dass uns klar war, dass es eine zweifelhafte Sache ist, das abends zu spielen“, sagt er. Außerdem wusste niemand, ob das Orchester überhaupt rechtzeitig anfangen konnte oder ob die Demonstration einzelne Musiker aufhielt.

Als Lepetit die Bühne im Gewandhaus betrat, habe er sich erstmal umgesehen, ob seine Kollegen an den Schlüsselpositionen anwesend waren, sagt er. „Auch dass das Publikum da war, war für mich durchaus erstaunlich. Denn da draußen war eigentlich alles andere als eine ruhige Situation.“

Till Eulenspiegels Aufschrei misslang

Während des Konzerts ist die Anspannung im Orchester auch zu hören. Ein Klarinettist verspielt sich beim „Till Eulenspiegel“, als Eulenspiegel im Stück vor das Tribunal gestellt  und zum Tode verurteilt wird. „Dass der Aufschrei unserem Klarinettisten vor Erregung auch noch so misslungen ist, dass man glaubte, eine menschliche Stimme zu hören, die schreit – das berührt mich ungeheuer“, kommentiert Masur ein Jahr später die Situation.

Das Konzert beendete einen Tag, der Geschichte geschrieben hat. Erstmals ließ das SED-Regime die Demonstranten ungehindert gewähren und bereitete den Weg zu seinem eigenen Ende.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 09. Oktober 2019 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2019, 15:44 Uhr