Krieg in der Ukraine Oksana Lyniv: "Das kann man gar nicht beschreiben"

In der Ukraine sind Menschen nach wie vor dem grausamen Kriegsgeschehen ausgesetzt. Das betrifft auch Oksana Lyniv. Die Dirigentin, die 2021 als erste Frau in Bayreuth eine Festspielpremiere leitete, stammt aus der Ukraine. Auch ihre Familie ist vor Ort. Wie viele Musikerinnen und Musiker – etwa die des von ihr gegründeten Jugendsinfonieorchesters der Ukraine – erlebt Oksana Lyniv die Ereignisse als traumatischen Einschnitt in ihr Leben. MDR KULTUR hat sie telefonisch erreicht.

Die Dirigentin Oksana Lyniv berichtet aus dem Kriegsgebiet.
Die Dirigentin Oksana Lyniv berichtet aus dem Kriegsgebiet. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Frau Lyniv, wie geht es Ihnen angesichts des nach wie vor bestehenden Angriffs auf ihr Land. Und wie geht es Ihrer Familie?

Man kann das überhaupt nicht beschreiben. Meiner Familie geht es wie allen anderen im Land. Sie sitzen nachts im Bunker, verstecken sich, und mein Vater und mein Bruder und alle anderen männlichen Verwandten arbeiten bei den territorialen Truppen – zur Verteidigung. Kollegen aus Odessa, wo ich früher gearbeitet habe – sowohl vom Orchester als auch Balletttänzer – sind ebenfalls in den Militärdienst gegangen, aber nicht, weil sie es mussten, sondern weil sie das wollen. Alle melden sich freiwillig. Es gibt jetzt sehr viele freiwillige Meldungen, und sie haben nicht genug Kleidung für die Soldaten. Alle Kollegen vom Lemberger Mozartfestival – etwa aus der Schneiderei – arbeiten, um zu helfen. Im Schauspielhaus ist eine Auffangstation für die Frauen eingerichtet worden und ihre minderjährigen Kinder – all jene, die es nicht mehr geschafft haben zu flüchten.

Putins Krieg ist unmenschlich und ein Verbrechen.

Oksane Lyniv, Dirigentin

Sie haben nicht einmal einen grünen Korridor zugelassen, damit jemand die kleinen Kinder aus den Regionen abholen kann. Deshalb schlafen sie jetzt in den Katakomben. Dort werden auch Kinder geboren, und es gibt Intensivstationen – alles unter der Erde. Auch die Unterbringung der Waisenkinder wird so organisiert. Niemand ist evakuiert worden. Ich poste täglich Bilder auf Facebook. Wen das interessiert, der kann sich das bei mir anschauen.

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Krieg in der Ukraine: Zivilisten trainieren für den Ernstfall den Einsatz mit der Waffe. 1 min
Krieg in der Ukraine: Zivilisten trainieren für den Ernstfall den Einsatz mit der Waffe. Bildrechte: imago images/Ukrinform
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MDR KULTUR - Das Radio Mi 02.03.2022 10:01Uhr 00:42 min

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Das klingt alles sehr wehrhaft. Können Sie uns sagen, aus welchen Regionen diese Eindrücke stammen? Zu wem stehen Sie in Kontakt?

Aus allen Regionen! Meine Eltern sind in einem Ort, der liegt einhundertzwanzig Kilometer vor der polnischen Grenze. Meine Mutter sitzt im Kartoffelkeller, und mein Vater beobachtet die Situation. Ich habe ihnen angeboten, sie zu mir nach Deutschland zu holen, aber das wollen sie nicht. Mein Vater gibt mit einem Chor Konzerte mit patriotischen Liedern, um unsere Soldaten zu unterstützen.

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Krieg in der Ukraine: Zivilisten in Charkow. Ein Polizist zeigt einer jungen Frau eine Waffe. 1 min
Krieg in der Ukraine: Zivilisten in Charkow. Ein Polizist zeigt einer jungen Frau eine Waffe. Bildrechte: dpa
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MDR KULTUR - Das Radio Mi 02.03.2022 10:01Uhr 01:23 min

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Meine Schwiegereltern hingegen sind in Odessa. Auch sie übernachten im Keller, weil es in den Wohnungen wegen der Raketenangriffe zu gefährlich ist. Wir schicken ihnen Geld, damit sie überleben und weiter kämpfen können. Gestern habe ich zwei Stunden mit Mitgliedern des Jugendorchesters gesprochen: Das sind über siebzig Kinder, und die kommen aus zweiunddreißig Städten der Ukraine. Alle zehn Minuten musste einer schreiben:

Sorry, ich kann nicht mehr. Hier heulen die Sirenen. Wir werden aus der Luft angegriffen. Wir müssen in den Keller.

Oksana Lyniv zitiert Jugendliche, die aus der Ukraine berichten

Und als dann die Frage kam, ob sie wenigstens ihre Instrumente mitnehmen könnten, sagten sie: nein. Ein Mädchen sagt, jedes Mal, wenn sie ihre Geige auspacke, habe sie Angst, sie könnte vielleicht nicht genug Zeit haben, sie wieder zurückzupacken. Diese Kinder haben Angst um ihr Leben. Bei einem anderen Mädchen ist ein Bruder geboren worden. Er ist vier Tage alt.

Die Mutter sitzt mit dem Baby im Korridor. In der Wohnung können sie sich ja nicht aufhalten, weil sie so große Fenster haben, dass – wenn eine Bombe fällt – womöglich alles zerstört wird. Das sind Situationen, die kann man gar nicht beschreiben. Traurig ist auch, dass unser nächstes Konzert, das mit den Berliner Philharmonikern und dem Bundesjugendorchester auf der Nationalbühne in Odessa stattfinden sollte, jetzt undenkbar geworden ist.

Frau Lyniv, ich würde gern zum Abschluss den Blick auf das richten, was in Westeuropa geschieht, speziell in Deutschland. Sie haben gesagt: Kulturaustausch ist unmöglich geworden. Zugleich erleben wir, dass der Chef der Münchner Philharmoniker Valery Gergiev wegen seiner Nähe zum russischen Präsidenten Vladimir Putin entlassen worden ist. Wie sind die Reaktionen russischer Menschen in ihrem Umfeld? Wie gehen Sie mit russischen Künstlerinnen und Künstlern um?

Es gibt zwei Sorten russischer Künstler. Zum einen sehr viele, die mir direkt schreiben, die sich sofort gemeldet und gesagt haben: "Es ist uns peinlich. Es tut uns leid, was geschieht."

Darunter sind solche, die mir heimlich schreiben, deren Namen kann ich nicht nennen. Es ist Mitarbeitern staatlicher Institutionen verboten, die Ereignisse zu kommentieren. Andernfalls müssen sie mit Konsequenzen rechnen. So bekommen etwa all jene, die eine Petition gegen den Krieg unterschrieben haben, keine Gehälter mehr. Ihre Konten sind gesperrt, aber die haben auch kleine Kinder und wissen nicht, wie sie überleben sollen. Viele schreiben also nur heimlich. Aber es gibt auch andere, die sagen, sie hätten den besten Präsidenten der Welt. Das ist schrecklich.

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Krieg in der Ukraine: Zivilisten in Charkow. Ein Mann trägt eine ukrainische Flagge. 1 min
Krieg in der Ukraine: Zivilisten in Charkow. Ein Mann trägt eine ukrainische Flagge. Bildrechte: picture alliance / AP Photo
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Wie sehen Sie auf eine mögliche Zusammenarbeit mit russischen Künstlern in Deutschland? Ist Haltung wichtig?

Natürlich. Klassische Musik ist entstanden, um die menschliche Evolution zu befördern. Renaissance und Aufklärung haben dazu beigetragen, aus dem Menschen ein geistiges Wesen zu formen. Das ist Musik! Musik kann nicht wegschauen. Musik soll Trost spenden! Menschen, die in ein Konzert gehen, sollen danach anders aus dem Saal herauskommen, als sie hineingegangen sind. Das ist keine Unterhaltung. Das ist ein Statement!

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. März 2022 | 13:52 Uhr

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