Diskussion um Andreas Reize Thomaner wollen neuen Thomaskantor: Ein offener Brief wirft Fragen auf

Er zieht Kreise, der offene Brief einiger älterer Mitglieder des Leipziger Thomanerchors. Darin kritisieren sie das Verfahren für die Neubesetzung des Thomaskantors durch den Stadtrat der Stadt Leipzig. Sie wollen nicht den Schweizer Andreas Reize als neuen Thomaskantor. Stattdessen solle der derzeitige Leipziger Universitätsmusikdirektor David Timm Chorleiter werden, der selbst Thomaner war. Wie ist dieser Brief einzuordnen?

Thomaskantor Georg Christoph Biller und Sänger des Leipziger Thomaner-Chors
Die Kritik älterer Mitglieder des Leipziger Thomanerchors am Auswahlverfahren des neuen Thomaskantors Andreas Reize wird viel diskutiert. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Unser Klassik-Experte Claus Fischer begleitet seit über 20 Jahren den Thomanerchor und die Leipziger Bach-Tradition journalistisch. Er hat die wichtigsten Fragen beantwortet:

Welche Choristen haben diesen Brief geschrieben?

Claus Fischer: Das ist eine gute Frage. Es sind einzelne Namen als Unterzeichner, die nehmen sich heraus, (...) für die Obernschaft, also für alle Thomaner der 11. und 12. Klasse zu sprechen. Aber ich ersehe daraus nicht, ob es sich um die Meinung der Mehrheit der Obernschaft handelt, sprich, ob da eine Art Abstimmung vorausgegangen ist, oder ob es die Meinung eben nur dieser einzelnen Choristen ist. Darüber kann ich nur spekulieren. Auch darüber, ob die Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen bei der Erstellung des Briefes (...) beraten worden sind.

Wer könnte sie denn beraten haben?   

Denkmal des Komponisten Johann Sebastian Bach auf dem Thomaskirchhof in Leipzig.
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Claus Fischer: Also womöglich ehemalige Thomaner und/oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Thomasalumnat, die Vorbehalte haben gegen Andreas Reize, vielleicht weil er katholisch ist und aus der Schweiz kommt. In den letzten Wochen haben sich immer mal wieder selbsternannte "Gralshüter der Bach-Tradition" gemeldet. Dagegen würde ich jetzt mal Christfried Brödel anführen. Er war lange Jahre Leiter der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Dresden und ist Präsident der Neuen Bach-Gesellschaft und damit würde ich sagen qua Amt Gralshüter des Bachschen Erbes. Und er hat das fünfköpfige Expertengremium geleitet, das die Findungskommission beraten hat. Alle vier Kandidaten in der Abschlußrunde haben sich diesem Gremium präsentiert.

Wir haben bei den musikalischen Vorstellungen vier hervorragende, erstrangige Musiker erlebt, alle mit unterschiedlichen Profilen. Und wir haben denjenigen vorgeschlagen, der uns in der Gesamtheit seiner musikalischen, pädagogischen, theologischen, planerischen und menschlichen Fähigkeiten als der Geeignetste erscheint.

Christfried Brödel, Leiter Expertenkommission im Verfahren zur Nachfolge im Thomaskantorat

Könnten Vorbehalte gegenüber dem katholischen Schweizer hinter der Kritik stecken? 

Claus Fischer: Wenn es das so wäre, kann ich auch nur wieder Christfried Brödel, den Vorsitzenden der Neuen Bachgesellschaft, ins Feld führen. Nach der Wahl von Andreas Reize hat er sich sehr im Namen des beratenden Gremiums eindeutig geäußert:

In unserer fachlichen Bewertung spielte keine Rolle, in welcher Gegend die Bewerber bisher tätig waren. Leipzig ist ein internationales Musikzentrum. Deshalb darf man den Blickwinkel nicht von vornherein einengen. Herr Reize hat hohe Achtung vor dem Amt, das er übernimmt. Durch ihn wird die Tradition nicht gefährdet, sondern mit neuen Ideen belebt und weitergeführt.

Was denken Sie? Wird der Brief der älteren Thomaner ihm den Start Anfang September erschweren?

Claus Fischer: Das kann ich mir leider vorstellen, die Unterzeichner des Briefs werden es ihm sicher nicht leicht machen. Aber: Etliche von ihnen werden ja dann gar nicht mehr im Chor sein, nämlich die, die in wenigen Wochen Abitur machen. Des Weiteren haben alle Mitglieder der Findungskommission, mit denen ich gesprochen habe, vier insgesamt, die haben alle betont, dass Andreas Reize ein enormes pädagogisches Geschick im Umgang mit den jüngeren Thomanern bewiesen hat - mit den 10 bis 13-Jährigen. Die seien mehrheitlich fasziniert gewesen von ihm (...). Das spricht sehr für ihn. (...)

Das komplette Gespräch zum Nachhören

Kultur

Nahaufnahme Thomaskirche 7 min
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Claus Fischer gibt eine Einschätzung zum Inhalt des offenen Briefes einiger Thomaner.

MDR KLASSIK Di 23.03.2021 08:40Uhr 06:42 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 23. März 2021 | 08:40 Uhr